NominiertFußballbuch 2022

Futopia

Ideen für eine bessere Fußballwelt (2021/2022)
Nominiert zum  Fußballbuch des Jahres 2022 

Rezension Futopia

Nicole Selmer
Nicole Selmer

"Ehrlich gesagt, da fehlt mir die Fantasie. Wir sind so sehr in der Realität gefangen." – Das ist die Antwort einer Interviewpartnerin in Alinas Schwermers Buch auf die Frage, wie der Fußball, und zwar im großen Ganzen, anders organisiert sein könnte. Dabei hat sie vorher eine Organisation des Fußballs im Kleinen selbst beschrieben. Bei der Lektüre von "Futopia" begegnen uns einige solche Gefangene der Realität, die längst angefangen haben, Löcher in die Mauern der Realität zu schlagen und hinauszusehen. Und wer das Buch als fußballinteressierter, -begeisterter oder -liebender Mensch liest, fühlt sich beim Gedanken an Super League, Red Bull, Unequal Pay, Katar und andere Zumutungen des Sports vielleicht selbst gefangen in der Realität.

"Futopia" ist ein dickes Buch – mit klarer Struktur. Es beginnt mit der Analyse der Gegenwart und Ansätzen zur Reform des Bestehenden wie Gehaltsobergrenzen und ein Draftsystem, die Schwermer kenntnisreich und mithilfe vieler Beteiligter und Expert*innen erläutert und hinterfragt. Der dritte Teil geht an System und spätestens hier kommt man drauf, dass man eigentlich eine Anleitung zum Umsturz in der Hand hält. Denn die Kernfrage der Autorin ist: Wie könnte es einen besseren, gerechteren Fußball geben in einem falschen und ungerechten System? Und die Lösung ist klar: Wir ändern die Gesellschaft und fangen oben an: "Grundlegende Veränderung im Fußball und ein funktionierendes Wirtschaftssystem schaffen wir nur über den Verband; oder über seine Leiche", schreibt Alina Schwermer. Für das Wie hat sie zahlreiche Ideen, Ansätze, Utopien eben, die stark darauf basieren, Fußball und Gesellschaft endlich ernsthaft miteinander zu verschränken, nämlich dort, wo Kämpfe um Verteilung, Gerechtigkeit und Teilhabe ausgetragen werden und wo beispielsweise Fans, Klimaaktivist*innen, Menschenrechtsorganisationen und auch Politiker*innen gemeinsame Interessen haben. Der letzte Teil des Buches schließlich ist ein kleiner Werkzeugkasten, ein Set mit Ideen zum Selbermachen beziehungsweise Selberspielen nach anderen Regeln oder ganz ohne sie.

Die Perspektive wechselt immer wieder vom großen Ganzen zum kleinen Konkreten, von neuen Gesellschaftsentwürfen zu neuen Ideen des Spiels jenseits von Leistungsdruck und Wettbewerb. Das alles ist nicht nur mit viel Recherche unterlegt, sondern von einem erfrischenden Optimismus getragen. Denn natürlich lässt sich die Welt verändern, es ist schon oft genug passiert. Und der Fußball rollt dann schon mit. Für das Fußballbuch des Jahres 2022 genau die richtige Botschaft.

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