NominiertFußballbuch 2022

Wolfgang Frank

Der Fußball-Revolutionär (2021/2022)
Nominiert zum  Fußballbuch des Jahres 2022 
Mara Pfeiffer
© Christian Kuhlmann

Rezension: Wolfgang Frank

Stefanie Fiebrig / Textilvergehen
von Stefanie Fiebrig

Die Wiesbadener Sportjournalistin Mara Pfeiffer rückt mit Wolfgang Frank einen Mann ins Scheinwerferlicht, der als Spieler in Stuttgart und Braunschweig, später als Trainer insbesondere für Mainz 05 eine bedeutende Rolle gespielt hat, dessen Publikumswirkung aber dennoch regional beschränkt war. Franks Bedeutung und Vermächtnis stellt sich vollständig anders dar, wenn seine früheren Mitspieler, Kollegen oder von ihm trainierte Spieler befragt werden. Stellvertretend dafür mag ein Zitat von Jürgen Klopp stehen: "Wolfgang war ein Bundesliga-Trainer. Er hat nur nie dort gearbeitet. Er hat für uns alles verändert." Einer ganzen Generation von Fußballtrainern ist der 2013 verstorbene Wolfgang Frank nicht nur ein Begriff, sondern Vorbild, Mentor und Vaterfigur gewesen. Schon deshalb ist es ein lohnendes Unterfangen, diesem viel zu wenig bekannten Trainer ein Denkmal zu setzen.

Mara Pfeiffer hat mithilfe zahlreicher Interviews und anhand Wolfgang Franks eigener Notizen sehr akribisch nachgezeichnet, wie Frank gedacht, wie er gearbeitet hat. Es sind nicht nur viele Vereine, bei denen er Spuren hinterlassen hat – Wolfgang Frank hat es bis auf eine längere Episode beim FC Glarus in der Schweiz selten lange an einem Ort gehalten – es sind vor allem viele Menschen, die sehr genau benennen können, wie Frank sie geprägt und ihren Blick auf den Fußball nachhaltig verändert hat. Dazu zählen neben dem eingangs zitierten Jürgen Klopp auch Sandro Schwarz oder Torsten Lieberknecht. Hinzu kommen Gespräche mit Franks Söhnen, die ihren Vater in liebevoller Erinnerung haben und so das Bild von Wolfgang Frank als einer sehr zugewandten Persönlichkeit mit einer großen Lust an der Herausforderung vervollständigen.

Mara Pfeiffer nimmt ihr Publikum mit auf eine wilde Reise durch die Fußballgeschichte der Bundesrepublik und schafft von dort aus Anknüpfungspunkte an die heutige Trainerarbeit. Wer heute Fußball sieht, kann sich etwa eine zweite Liga mit nur neunzig Minuten täglicher Trainingszeit nicht vorstellen. Die Idee vom 24/7-Vollzeit-Profi hat Wolfgang Frank mit seiner eigenen Arbeit schon damals vorgelebt. Das ist heute selbstverständlich. Ebenso sind es Videoanalysen, Mentalcoaches, Kurzzeittrainingslager und Teambuilding-Maßnahmen. Niemand zuckt mehr zusammen, wenn eine Viererkette erwähnt wird. Selbstverständlich wird Ernährung berücksichtigt, und Yoga gilt nicht mehr als esoterisch. Wolfgang Frank hat zu seiner Zeit damit seine Mitmenschen gelegentlich überfordert und am Schluss doch vielfach Recht behalten. Jogi Löw, als Spieler unter Frank durchaus nicht mit dessen Trainingsmethoden einverstanden, hat heute einen ganz anderen Blick darauf. Er steht damit nicht allein. Und so trägt das Buch zu Recht den Titel "Der Fußball-Revolutionär": Wolfgang Frank hat Dinge im Fußball vielleicht nicht etablieren können, weil die Zeit zu knapp und er zu ungeduldig war, er hat sie aber angelegt, und sie wirken fort. Die Autorin Mara Pfeiffer ist mit demselben Fleiß an ihre Arbeit gegangen, der Wolfgang Frank nachgesagt wird. So ist ein umfangreiches und detailgenaues Buch über einen Fußballlehrer entstanden, der seiner Zeit ein Stück voraus war.

Vor allem aber wird mit Mara Pfeiffers Buch ein Trainer herausgehoben, dessen fortgesetzte Wirkung über seinen Tod hinaus bisher kaum wahrgenommen wurde. Es wird ein Mensch vorgestellt, der im besten Sinne für den Fußball gelebt hat. Es ist kein unkritisches Buch, denn natürlich werden ganz grundsätzliche Fragen aufgeworfen, wird dem "Früher-war-alles-besser"-Mythos eine klare Absage erteilt, wird Veränderung dokumentiert. Es ist keine Heldengeschichte, denn niemand ist ohne Fehler – auch nicht Wolfgang Frank. Es ist eine warmherzige Würdigung eines talentierten Unvollendeten. Die hat bis dahin gefehlt. Hier nun ist sie endlich!

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