Fußball-Utopie des Jahres – Die Preisträger

Insgesamt 51 Utopien wurden von Fans, Spielerinnen und Spielern, Begeisterten auf den Rängen, Aktiven auf und neben dem Platz eingereicht. Sie alle eint die Liebe zum Fußball sowie der Wunsch, ihn besser zu machen. Alle Fußball-Utopien, die den Ausschreibungskriterien entsprachen, sind hier in voller Länge einsehbar. Bei ihrer Beurteilung fokussierte sich die Jury stärker auf visionäres Denken und Originalität als auf sofortige Umsetzbarkeit. Sechs Utopien stachen dabei besonders heraus, drei davon werden anteilig mit Preisgeld bedacht. Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur gratuliert herzlich!

Platz 1: Den Fußball denen, die ihn lieben

von Gesellschaftsspiele e.V. gemeinsam mit der Union Berlin-Spielerin Greta Budde und der ehemaligen Nationalspielerin Petra Landers, prämiert mit 3.000 Euro

In seiner Arbeit beschäftigt sich Gesellschaftsspiele e.V. mit den unterschiedlichsten Aspekten von Fußball- und Fankultur. Bei allen Veranstaltungen und Projekten, die der Berliner Verein auf die Beine stellt, liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den verbindenden Elementen des Fußballs. Das Eintreten für eine solidarische und inklusive Gesellschaft, an der jeder Mensch gleichermaßen teilhaben kann, ist das grundlegende Ziel.

In der Fußball-Utopie "Den Fußball denen, die ihn lieben" befreien sich die Bewerberinnen und Bewerber von allen Praxiszwängen und wählen den wohl größtmöglichen Hebel, um den Fußball umzugestalten: Die Neugründung eines Fußballverbands, der ganz anders funktioniert, als die realen Strukturen. 

Ein Verband, der genau wie seine Mitgliedsvereine nach einem genossenschaftlichen Prinzip strukturiert und organisiert ist, gewährleistet echte, gleichberechtigte Mitbestimmung durch alle Akteurinnen und Akteure, unabhängig von finanzieller Beteiligung. Dieser Verband schafft Zugang und Beteiligung an Fußball- und Fankultur und hat ein einziges Ziel: Den Mitgliedsvereinen die Struktur zur Verfügung zu stellen, in der sie sportlichen Wettbewerb betreiben können – und zwar partizipativ, nachhaltig, geschlechtergerecht, inklusiv und gesellschaftlich engagiert.

Gleichzeitig wird der Fußball als Leistungssport ernst genommen, aber nicht überhöht. Die Männer-, Frauen- und Mixed-Ligen sind gleichberechtigt. Mitgliedsvereine fördern Männer- wie Frauenfußball gleichermaßen. Finanzmechanismen sorgen dafür, dass Starspielerinnen und Spieler nicht mehr als das Zehnfache der einfachsten Vereinsangestellten verdienen. Die Verteilung von Einnahmen erfolgt solidarisch und weniger nach sportlichem Erfolg. Stattdessen werden durch einen Gesellschaftsindex finanzielle Anreize zur für Förderung der Vereinsregion, von Antidiskriminierung und Breitensport gesetzt.

Die Jury prämiert den ersten Platz beim easyCredit-Fanpreis mit 3.000 Euro. Der Entwurf einer Welt, in der Verbände wieder um ihre Mitglieder kämpfen müssen, erschien ihr besonders reizvoll. Ein Fußball, der seiner Strahlkraft gerecht wird. Ein Verbandsmodell, das nicht denen dient, die mit dem Fußball Profite erwirtschaften und ihn als Produkt verstehen. Eine Struktur, die das Teamprinzip des Mannschaftssports Fußball übernimmt, in dem sich nur gemeinsam Ziele erreichen lassen. Eine Genossenschaft, in der alle Verantwortung tragen, Eigentümerinnen und Eigentümer sind.

Kurz: Eine Fußball-Utopie, die den Sport denjenigen zurückgibt, die ihn lieben.

Hier geht es zur Utopie Den Fußball denen, die ihn lieben in voller Länge.

Die Preisübergabe durch Katrin Müller-Hohenstein im "Haus der Fußballkulturen" in Berlin im Video:

Platz 2: Globaler Fußball – sozialer Katalysator für den Klimaschutz

von Gerhard Gruber, prämiert mit 1.500 Euro

Die größte Herausforderung für die Menschheit ist – auch wenn es zuletzt aus dem Blick geraten scheint – die Klimakrise. Gerhard Gruber denkt in seiner Utopie Fußball und Klima zusammen. In seiner Welt des Jahres 2035 hat sich alles zum Guten gewandt und der Planet ist gerettet – dank des Fußballs!

Der Abschaffung der FIFA hat es dafür nicht bedurft. Eine friedliche Revolution von unten war ausreichend, damit sich der nun jung und divers besetzte Verband der Wurzeln des Fußballs besann und seine Strahlkraft für nicht weniger als die Rettung des Planeten einsetzte. Ausschlaggebend für diesen Prozess war die im Jahr 2024 ausgereizte Kommerzialisierung und der damit einhergehende Niedergang des Sports.

Das wirkungsvollste Mittel? Kriterien im Lizensierungsverfahren, die Klimaneutralität voraussetzten. Nach der Umsetzung bei großen Turnieren und in den Vereinen wurde dies auch für sämtliche als Sponsoren tätigen Unternehmen obligatorisch. Doch auch die Gesellschaft konnte über die Fußballbegeisterung zum Mitziehen gewonnen werden. Mit gleichem Elan engagierten sich weite Teile nun auch für den Klimaschutz. Profis nahmen als werbewirksame Zugpferde eine Vorbildfunktion ein, indem sie öffentliche Verkehrsmittel und E-Autos nutzten. CO2-neutral produzierende Ausstatter wurden bevorzugt berücksichtigt, während überhaupt nur noch Unternehmen mit dem Sport werben durften, die eine entsprechend weiße Weste hatten. Als sozialer Transformator und Katalysator mauserte sich der Fußball zum Treiber für Klimaschutz und -gerechtigkeit weltweit.

Die Jury begeisterte sich insbesondere für die Kombination aus nah an der Realität gelegener Themenwahl und dem gleichzeitig gebotenen utopischen Potential. Die Utopie, in der der Fußball zum globalen Ökosystem geworden ist, prämieren die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur und easyCredit mit dem zweiten Platz des easyCredit-Fanpreis sowie 1.500 Euro – herzlichen Glückwunsch!

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Platz 3: Ultras' Paradise

von Markus Urban und Ingmar Reither, prämiert mit 500 Euro

Ein zunächst eher pessimistisches Szenario zeichnen Markus Urban und Ingmar Reither in ihrer Utopie, in der auch im Jahr 2022 noch vergeblich auf einen Corona-Impfstoff gewartet wird. Gleichzeitig ist dem Fernsehpublikum die Lust an Geisterspielen vergangen. Abhilfe schaffen und die lang vermisste Stimmung in die Stadien zurückkehren lassen sollen 18 geschlossene Siedlungen neben den Bundesligastadien mit jeweils bis zu 5.000 Fans.

Die dort kasernierten Fans müssen zwar jeglichen Kontakt zur Außenwelt abbrechen, können aber endlich wieder Fußball sehen und kommen noch dazu in den Genuss eines Grundhonorars. Außerdem sind Wohnen wie Verpflegung kostenlos. Klar, dass das Ganze in der von der Pandemie gebeutelten Welt auch noch in Reality-TV-Formaten begleitet wird. Doch Fans, die sich für die Fan-Siedlung verpflichten, sind auch in der Bringschuld: Stadionsupport, Chorproben und Mitarbeit an Stadionchoreografien sind obligatorisch.

Markus Urban und Ingmar Reither gehören zu den wenigen Bewerbern, die sich nicht wünschen, dass ihre Utopie in Erfüllung geht – auch daran erkennt man den dystopisch-satirischen Charakter ihrer Bewerbung. Die Jury überzeugte die charmante Überspitzung der Idiotie der Geisterspiele und auch das Reality-Format hätte als angenehme Abwechslung während der Pandemie einige Zuschauer unter den Jurymitgliedern gewonnen. Dass noch dazu das bedingungslose Grundeinkommen abgehandelt wird, überzeugte zusätzlich. Die Originalität prämieren die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur und easyCredit mit dem dritten Platz des easyCredit-Fanpreis sowie 500 Euro – herzlichen Glückwunsch!

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Gemeinsam auf dem 4. Platz:

Fußball für alle! – Ein Traum von inklusiver Fankultur

von "Alle zusammen – voran 03!"

Die Vorfreude auf das Spiel ist riesig. Bei allen. Denn die Informationen zum Spiel wurden rechtzeitig und barrierefrei kommuniziert, es sind genügend Plätze für Rollstühle in den Zügen vorhanden, die Bordsteinkanten auf dem Weg zum Stadion sind abgesenkt, alle Aufzüge funktionieren, im Stadion wird eine Blindenreportage angeboten. Wer will kann sich in einem Snoezel-Raum aus dem Gedränge zurückziehen, E-Rollstühle können aufgeladen werden, beim Speise- und Getränkeangebot wird auf sozialverträgliche Preise sowie Unverträglichkeiten geachtet und am Ende wird gemeinsam gefeiert.

Anhand des Traums von einem perfekten Fußballtag zeigt die Fußball-Utopie der Faninitiative Alle zusammen – voran 03!, wie zahlreich die Barrieren immer noch sind, die viele Menschen am Besuch eines Fußballspiels und der gleichberechtigten Teilhabe am Stadionerlebnis hindern. Die Faninitiative macht Anliegen von Fußballfans sichtbar und arbeitet aktiv daran, ihre Utopie von einem barrierearmen Fußball wahr werden zu lassen.

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Sportschule 2.0 – Konzept für einen nachhaltigen und regionalen Jugendsport vom Amateur- zum Profibereich

von Kai Wechsler

Kai Wechslers Utopie stoppt den Nachwuchsmangel im Amateursport und das daraus folgende Vereinssterben in ländlichen Regionen. Seine "Sportschule 2.0" ist eine eigenständige Einrichtung an der Schnittstelle zwischen Schulen und Sportvereinen. Von der Kita beginnend wecken die Bildungseinrichtungen bei Kinder und Jugendlichen Begeisterung für den Sport. Mit dem Übergang zu den weiterführenden Schulen, die mit lokalen Verein kooperieren, spezialisieren sich die Kinder auf eine Sportart. Die Sportvereine profitieren insgesamt von einer nachhaltigen Ausbildung, die Talente regional fördert und in den Spitzen- oder Amateursport überführt.

Die Utopie versucht nicht, den Ist-Zustand zu korrigieren, sondern orientiert den Fußball von unten, aus dem Nachwuchsbereich, neu. Während Kooperationen von Schulen und Vereinen nicht neu sind, liegt das utopische Element in der Eigenständigkeit der aus Mitteln des Profifußballs finanzierten Institution "Sportschule 2.0".

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Bundesligafußball: Ein Sport mit den Massen statt für die Massen

von Daniel Untch und Benjamin Scher

"Jede Mannschaft der 1. und 2. Bundesliga setzt pro Spiel mindestens 360 Amateurminuten ein" – Ein kurzer Satz mit riesiger Wirkung. In der Fußball-Utopie von Daniel Untch und Benjamin Scher werden wöchentlich Amateurinnen und Amateure in die Profi-Kader gelost und müssen im Spiel eingesetzt werden. So soll der unbezahlte Fußball profitieren, da die Profivereine mehr Geld, Zeit und Personal in die Amateur-Klubs stecken werden, um die Qualität potentieller Los-Spielerinnen und- spieler und damit ihre Siegeschancen zu verbessern.

Der so bei Amateursportlerinnen und Sportlern geweckten Hoffnung, vielleicht schon am nächsten Wochenende statt der Asche des Dorfplatzes den englischen Rasen unter den Stollen zu spüren, konnte sich auch die Jury nicht entziehen.

Hier geht es zur Utopie Bundesligafußball: Ein Sport mit den Massen statt für die Massen in voller Länge.