NominiertFußballbuch 2020

Stadionrebellen

Eine Geschichte der italienischen Ultrabewegung. Übersetzt von Kai Tippmann (2019/2020)
Nominiert zum  Fußballbuch des Jahres 2020 
Erlebnis Fussball
Verlagsinfo erlebnis-fussball.de
19,95 Euro
978-3-00064-389-7

Rezension: Stadionrebellen

Anne Hahn
von Anne Hahn

"Seit Jahrzehnten beschreibt der Begriff "Ultra"[…] im gewöhnlichen Sprachgebrauch oder dem der Massenmedien den extremsten Fan einer Fußball- oder anderen Mannschaft, der in einer Gruppe organisiert ist und der von einem starken Zugehörigkeitsgefühl sowie dem täglichen Einsatz charakterisiert ist, seine Leidenschaft und Unterstützung seines Teams zu leben, die ihren Höhepunkt während Sportveranstaltungen mit gegnerischen Mannschaften erreicht…"
Wenn Pierluigi Spagnolo das Wort Ultra definiert, sind wir schon auf der 39. des 281 Seiten umfassenden Taschenbuches zur Geschichte der italienischen Ultra-Bewegung. Wir haben erfahren, wie sportverrückt die italienischen Fans sich bereits vor dem 1. Weltkrieg gebärdeten und lasen von den ersten getöteten Fußballfans. (1920 starb ein Fan durch den Pistolenschuss eines Polizisten, 1958 wurde ein Siebzehnjähriger vor einem Stadion zerquetscht, 1963 ein Zuschauer auf der Tribüne von einem Polizisten erschossen). Spagnolo, ein 42-jähriger Journalist, (gebürtig in Bari und dem Club der Stadt ein ewiger Fan) schreibt auf den wichtigsten Fußballseiten Italiens, von Rom bis Mailand.

Seine Chronik der Ultra-Bewegung ist von Anteilnahme und tiefer Neugier geprägt, nicht weniger, als ein "ganzes Jahrhundert Fankultur im italienischen Fußball und ein halbes Jahrhundert Ultras" wollte der Autor 2018 aufarbeiten, 50 Jahre nach der Gründung der Fossa dei Leoni (erste Ultragruppe des italienischen Fußballs/ Milan). Sein Ansatz war es, eine "historische Wahrheit wieder herzustellen und die üblichen Klischees zu entkräften, die die Welt der Ultras begleiten, die von der Welt der Medien und der öffentlichen Meinung auch weit über ihre wirkliche Verantwortung und Schuld hinaus kriminalisiert wird," erklärt der Autor (auf tifoblig.it/ins Deutsche übersetzt auf altravita.com).

Diese historische Wahrheit wird ausführlich rekonstruiert und damit dem deutschen Leser erstmals umfassend präsentiert, abgeglichen mit wissenschaftlichen Fußball-Studien von Soziologen und Psychologen, angereichert mit Fotografien, Dokumenten, Artikeln und Statistiken. Klingt langweilig? Nein, es ist hohe Kunst, eine Sachlage komplex, leidenschaftlich und mitreißend darzustellen. Tatsächlich zaubert Spagnolos kulturhistorisches Fußball-Kompendium der Leserin mehrmals ein Lächeln ins Gesicht. Was nicht zuletzt an der kongenialen Übersetzung des passenden Fachmannes liegt. Kai Tippmann, seit 1999 in Italien lebend, übertrug bereits frühere Publikationen zur italienischen Ultra-Geschichte ins Deutsche. Wir sind gut aufgehoben in seiner Akribie, neben der Texttreue uns alle Banner und Lieder zu übersetzen und die Tipps Spagnolos (zu YouTube-Videos und Liedtexten) noch zu erweitern. Unverständliches zu erläutern.

"Unter den zahlreichen Arten von Fans können wir zwei Makrokategorien unterscheiden: die auf das Spielfeld schauen und die auf die Kurve schauen. Letztere sind die, die man als Ultrà bezeichnen könnte." (Zitat Tonio Cagnuccis aus seinem Buch Daniele di Rossi. Il Mare di Roma). Spagnolo beschreibt das Herstellen und Beschützen der frühen Blockfahnen, von Plastik-Teller-Choreos und fantasievollen Namensgebungen der Gruppen. Liedern und Totems, Totenköpfen, Kreuzen und Priestern im Stadion. Von ersten weiblichen Ultra-Gruppen (Turin, Neapel) und zeitweiser Verschmelzung mit politischer Revolte. Dieser Aufbruch in eine neue Subkultur könnte fröhlich wirken, wäre nicht ständig die Gewalt präsent. Im Mutterland des Ultraphänomens wuchs neben der 68-er Bewegung auf den Straßen auch der Druck in den Stadien – und diente als "Überdruckventil" für die Aggressivität der Jugend, stellt Spagnolo fest. Im Kapitel "Schläge, Bomben und Raketen" beschreibt er die Verschiebung der Feindseligkeiten und Gewalt rund um den Fußball, die sich seit den Siebzigerjahren gegen gegnerische Gruppen richtete (und nicht mehr gegen Schiedsrichter oder Spieler).

Spagnolo zählt die Toten aller Seiten, er wertet nie, sondern verlangt Mit-Denken. Dieses Buch steckt voller Hausaufgaben, leicht lassen sich mehrere Abende mit dem Buch auf dem Sofa verbringen und zeitgleich per Handy in frühe Ultra-Dok-Filme zappen, noch einmal die Heysel-Tragödie miterleben oder die Szenen großer Choreos nachempfinden. Wir lernen die Gruppen städteweise kennen, ihre Fahnen, Führer und politischen Ausrichtungen (inklusive Verschiebungen)… bis zur Spaltung und Auflösung verschiedener Gruppen, der Kommerzialisierung des Fußballs, dem Zuschauerschwund in den Stadien, der Einführung der "Tessera del Tifoso" (personalisiertes Ticket) und einer ermutigenden Aufzählung der italienischen fangegründeten Vereine.

Was sein wichtigstes Erlebnis sei, an das er sich erinnert, und an welches möchte er sich lieber nicht erinnern? Fragt die Website tifoblog.it den Autor.

Pierluigi Spagnolo: "Es gibt keine bestimmte Episode. Jedes Sandwich, das in der Raststätte mit Gefährten auf einer Auswärtsfahrt geteilt wird, jede Umarmung nach einem Tor, jeder Montag ohne Stimme verdient es, in Erinnerung zu bleiben. Zu vergessen ist jedes Mal, wenn der Support zu einer Polizeimeldung wird, die Ultras keine turbulenten und leidenschaftlichen Fans mehr sind und schließlich zu gewöhnlichen Kriminellen werden".

In Italien steht das Buch verdientermaßen auf den Bestsellerlisten. Es ist ein Panorama der frühen (Kultur-) Geschichte der Ultras bis in die Gegenwart; einzigartig, detailgetreu und spannend.

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