Rezension: 71/72. Die Saison der Träumer

Alina Schwermer
von Alina Schwermer

Es ist ein großes Qualitätsmerkmal für ein Buch über Fußballgeschichte und Zeitgeschichte, wenn man, ohne dabei gewesen zu sein, plötzlich fühlt, als sei man dort. Bernd-M. Beyer, der in „Saison der Träumer“ viel mehr erzählt als nur Fußball, entwirft ein differenziertes, dichtes Panorama der Bundesrepublik der frühen Siebziger Jahre. Von Politik und Musik, Fühlen und Denken, Aufbruch und Verharren, und das funktioniert ein bisschen so, wie wenn man die ganze Fußballsaison der Männer-Bundesliga im Stadion besuchen würde, und auf dem Weg läuft man zwangsläufig durch die Städte und sieht das Leben, die Menschen, die Demos, Subkultur, Konservative und RAF-Plakate, Gastarbeiter*innen.

Sehr kunstvoll verflechtet Beyer in kleinen, tagebuchartigen Einträgen Geschichten von Ton Steine Scherben und Willy Brandt, vom Bundesligaskandal, neuem Individualismus der Spieler und rebellischen Posen, von Alt-Nazis, Heinrich Böll und aufbegehrenden Fußballerinnen. „Saison der Träumer“ ist auch eine unglaubliche Fleißarbeit, die Spielszenen plastisch nacherzählt und es schafft, über jeden Spieltag einer längst vergangenen Saison hinweg einen Spannungsbogen zu schlagen. Archivfunde gibt es in Fülle: Untersuchungen, wie Bundesbürger*innen damals auf die Gastarbeiter*innen schauten, Artikel, wie die Schalker Basis den Bundesligaskandal empfand, irre Interviews mit Fußballern zur Sexwelle. Und überhaupt, die Äußerungen der Fußballer: Einer der großen Erkenntnisgewinne ist, wie offen damals vor dem Mikrofon gesprochen wurde, mitunter auch wie offen überheblich.

Zusammengehalten wird „Saison der Träumer“ von zwei großen und tragischen Träumern und Künstlern, Rio Reiser und Stan Libuda, die einander nie begegneten. Ab und an begegnen einander dafür andere Vertreter der Welten, dann trifft Paul Breitner die Scherben oder Franz Beckenbauer spricht über Willy Brandt. Aber letztlich stehen sie ganz bewusst lose nebeneinander; dieses wunderbare Buch will mehr eine Stimmung wiedergeben als ein allzu selbstsicheres Fazit liefern. Es ermutigt damit auch zum Denken. Wie ein Fußweg zum Stadion.

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