Platz 1Fußballbuch 2020

Gerd Müller

oder wie das große Geld in den Fußball kam (2019/2020)
Platz 1  Fußballbuch des Jahres 2020 
C.H. Beck
Verlagsinfo www.chbeck.de
22,95 Euro
978-3-406-74151-7
Buchcover Gerd Müller - oder wie das große Geld in den Fußball kam von

Rezension: Gerd Müller oder wie das große Geld in den Fußball kam

Alina Schwermer
von Alina Schwermer

Wie oft passiert es, dass eine Fußballer-Biografie so konsequent das ganz Kleine im Großen verortet? „Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam“ des Historikers Hans Woller erzählt - mit Wohlwollen aber auch mit kritischem Auge - die Geschichte eines Menschen im Rahmen der komplexen Geschichte seiner Zeit. Woller dekonstruiert das Klischee des tumben Torjägers Gerd Müller, des Mannes aus armen Verhältnissen, der vermeintlich außerhalb des Platzes aufgeschmissen war. Auf der Basis von mehr als 60 Zeitzeugen-Interviews und jahrelangen Archivrecherchen bekommt man ein differenziertes Bild des Menschen Gerd Müller zwischen Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit, zwischen fußballerischem Geldrausch und ewigem Fremdsein im Schickeria-Milieu:  Ein vielschichtiger Mensch und zugleich oft ein Mann seiner Zeit. „Spekulation, Vorurteil und Dramatisierung ersetzten wie selbstverständlich das Argument“, schreibt Woller im Vorwort über die öffentliche Charakterisierung Müllers. Daran kann man sehen, was dieses Buch glücklicherweise nicht will. Selbst bei schillernden Protagonisten wie Uli Hoeneß verzichtet Hans Woller auf provokante Schwarz-Weiß-Zeichnung, nimmt die Widersprüchlichkeit von Menschen in sein historisches Panorama auf. Denn das hier ist ein politisches Buch, das den Spieler und den Fußball nicht separat begreift, sondern als Teil wirtschaftlicher, sozialer, kultureller Geschichte. Von Nachkriegs-Milieuschilderungen in Müllers Heimat Nördlingen über autoritäre Strukturen beim FC Bayern bis zum sozialen Hintergrund verschiedener Spielergenerationen und dem Spezl-Netzwerk mit der CSU - die Zeitgeschichte spielt immer mit. Wollers verdienstvolle Recherchen über die Schwarzgeldtouren der Bayern und die von der Politik gedeckte Steuerhinterziehung haben öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Und einem Verein wie dem FC Bayern mit einer so akribischen Recherche an den Karren zu fahren, das würden (leider) gewiss nicht alle Biograf*innen wagen. „Gerd Müller oder Wie das große Geld in den Fußball kam“ ist ein wunderbar geschriebenes Buch, eines, das einfach spricht, ohne in den populärwissenschaftlichen Duktus diverser Bestseller zu verfallen, die alles für glasklar und ihr Publikum für blöd halten. Man muss nicht furchtbar kompliziert schreiben, wenn es klug werden soll. Man staunt und lernt quasi nebenbei: Dass früher vieles nicht besser war. Und, Gerd Müller neu zu schätzen. 

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