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Platz 1 Fußballbuch 2023

Um jeden Preis

Die wahre Geschichte des modernen Fußballs von 1992 bis heute (2022/2023)
Platz 1  Fußballbuch des Jahres 2023 
Christoph Biermann
© privat
KiWi
Verlagsinfo www.kiwi-verlag.de
18,00 Euro
978-3-462-00373-4

Rezension: Um jeden Preis. Die wahre Geschichte des modernen Fußballs

Jakob Rosenberg / Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes
von Jakob Rosenberg

Was haben Nick Hornby, Jürgen Klopp und Bruno Demichelis gemeinsam? Sie alle sind auf ganz unterschiedliche Arten Architekten des modernen Fußballs. Der eine als Schriftsteller, der durch sein Buch ein neues Selbstverständnis von Fußballfans definierte, der andere als Trainer, der mit seinem Gegenpressing einen neuen Spielstil umsetzte, und der dritte als Psychologe, der mithilfe seines medizinischen Labors Verletzungsrisiken von Spielern minimierte. In "Um jeden Preis" kommen die drei in aller Kürze vor, aber sie spielen keine tragende Rolle. Christoph Biermann will in seinem Buch keine Biografie nachzeichnen, er nutzt sie zur Illustration auf seiner Suche nach den Mechanismen, die den modernen Fußball ausmachen. In seiner Darstellung geht er viele Wege, vom Großen zum Kleinen und wieder zurück, die oft nur scheinbar zusammenhängenden Stränge ergeben in ihrer Gesamtheit ein dichtes Netz an Informationen und eine äußerst komplexe Betrachtung des Fußballs seit 1992.

Biermann schreibt von Spielern, die Schlaf und Torjubel ihrem Marktwert unterordnen, von Fans, die um ihre Stimmen und Stimmung kämpfen, und von Klubs, die ihre Tätigkeiten auf ein auf Perfektion getrimmtes Geschäftsmodell ausrichten, das meist kein Geschäft macht. Er schaut auf Fanvereine wie den HFC Falke, die im kleinen Fußball ihre Bestimmung finden wollen, genauso wie auf den Verband FIFA, dem die Welt nicht groß genug sein kann. Biermann hantiert mit großen Zahlen wie den 49 Millionen, die Spielerberater Mino Raiola beim Wechsel von Paul Pogba zu Juventus verdient hat, und mit kleinen Zahlen wie den 19 Millimetern, auf die Pep Guardiola seine Rasen gekürzt sehen möchte, verliert sich darin aber nie. Auch in den vielen Anekdoten verirrt er sich nicht. Sie sind unterhaltsam, manches Mal informativer, manches Mal skurriler, mitunter lenken sie den Blick auf einen Nebenstrang, letztlich dienen aber die kleinen Geschichten der großen Geschichte, die Biermann erzählen will.

Die große Stärke des Buchs besteht nicht nur in der Aktualität, Informationsdichte und der großartigen Komposition, sondern in seinem Anspruch. Biermann liefert in spielerischer Leichtigkeit und Lesbarkeit eine große Erzählung, wie es sie aufgrund ihrer Komplexität nur wenige gibt. Dabei verzichtet er bei allen Mängeln des modernen Fußballs auf die eigene Befindlichkeit, er kritisiert durch Darstellung. Biermann schildert Sehnsüchte, leitet sie aus der Geschichte her, gleitet aber nie in Verklärungen ab. Genauso wenig tappt er in die Falle des Kulturpessimismus, der moderne Fußball ist für ihn genauso eine Erfolgsgeschichte wie eine des Niedergangs, wie er das formuliert. Und er analysiert die sich ständig verändernden Dynamiken gut genug, um weitere Umbrüche zu prognostizieren. Aber auch das ist eine Stärke des Buchs, Christoph Biermann sagt nicht, wohin der Weg mit all seinen Verästelungen noch führen wird. Schlicht, weil er und alle anderen das nicht wissen.

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