Träumen lohnt sich

Mein etwas anderer Weg zum Fußballprofi. Mit Mario Krischel (2020/2021)

Rezension: Träumen lohnt sich

Jörn Petersen / kicker
von Jörn Petersen

Wenn man genauer drüber nachdenkt, ist es eigentlich nicht schwer, heutzutage als "etwas anderer Fußballprofi" wahrgenommen zu werden: Interview-Floskeln weglassen, hier und da mal einen kritischen Blick aufs Fußballbusiness werfen, und idealerweise einen gekrümmten Karriereweg hinter sich haben. Die Messlatte ist nicht besonders hoch.

Es kann allerdings gut sein, dass sie Robin Gosens in den letzten Monaten ein wenig höher gelegt hat. Spätestens seit dem Hype nach seinem "Da ging mir mehr als einer ab"-Tor bei der EM gegen Portugal ist er nicht mehr der "etwas andere Fußballprofi", er ist der "etwas andere Fußballprofi". Wie schön, dass ihm während der Corona-Pandemie die Idee kam, seine Biografie zu schreiben. Denn auch die ist etwas anders, klar.

Er beschränkt sich darin nicht darauf, seine inzwischen 27 Lebensjahre, den Weg vom Beinahe-Polizisten aus Emmerich zum Champions-League-Dauergast, anekdotenreich und offenherzig nachzuerzählen; er widmet sich in der wiederkehrenden Rubrik "Was mir wichtig ist" auch meinungsstark ernsteren, übergreifenden Themen der Branche. Das ist nicht immer bahnbrechend und nicht immer so polarisierend, wie er es eingangs ankündigt. Aber welcher Profi spricht schon freimütig über fragwürdige Berater und geplatzte Wechsel, über den Frust, seinen aktuellen Arbeitgeber nicht verlassen zu dürfen? Welcher aktive Nationalspieler wagt es, die Bild-Zeitung zu kritisieren?

Dass das alles nicht aufgesetzt, sondern sympathisch und echt wirkt, hat vor allem zwei Ursachen: Erstens nimmt sich Gosens selbst nicht so ernst, und zweitens gelingt es Mario Krischel, Gosens' ein Jahr jüngerem Co-Autoren, dessen spezielle Diktion ohne Abnutzungserscheinungen über rund 250 Seiten durchzuhalten. Den landläufigen Eindruck, der Profifußball entferne sich immer mehr von der Basis, wischt "Brudi" Gosens einfach mit "zwei bis zwölf Aperol pro Tag" beiseite.

Nur im letzten Kapitel liegt er einmal daneben. Als er 2020 in der Champions League beim FC Liverpool trifft, war er sich sicher: "Geiler konnte es nicht werden." Das hatte er in seinem Fußballerleben ja schon häufiger gedacht.

zurück

Das könnte Sie auch interessieren

News zum Thema

Literatur
Zum Buch "Vergiftete Hoffnung"

Jurymitglied Petra Tabarelli nominiert mit dem Roman von Akademiemitglied Mara Pfeiffer den letzten Kandidaten fürs Fußballbuch des Jahres 2021 - und ein Buch, das sich mit Diskriminierung, Rassismus und dem Umgang mit geflüchteten Menschen in Deutschland auseinandersetzt.

Weiterlesen
Cookies verwalten