Nominiert Fußballbuch 2018

Wir Wochenendrebellen

Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa (2017/2018)
Nominiert zum Fußballbuch des Jahres 2018

Rezension: Wir Wochenendrebellen

Nicole Selmer

Es ist kein prominenter Autor, kein prominentes Thema, nicht einmal ein Gesicht ist auf dem Cover zu sehen. Sondern zwei Hinterköpfe und ein bisschen Spielfeld. "Wir Wochenendrebellen" ist ein Buch über eine Vater-Sohn-Beziehung, aber nicht irgendeine. Und ein Buch über Fußball, aber auch nicht irgendeins. Autor Mirco von Juterczenka und sein Sohn Jason gehen seit 2011 gemeinsam zum Fußball, sie bloggen und podcasten darüber und "Wir Wochenendrebellen" ist das Buch dazu. Sie gehen zum Fußball, weil sie auf der Suche nach einem Verein für Jason sind.

Dieses Projekt läuft dem Verständnis einer Fankultur, die sich literarisch an Nick Hornby orientiert, komplett zuwider. Einen Verein hat man sich nicht auszusuchen, er wird einem vom Schicksal gegeben. Doch das ist nicht der Zugang von Jason, der Autist ist. Sein Zugang ist einer der glasklaren und unerbittlichen Logik, die in einem Leben nicht zu erfüllen ist: Er muss sich erst alle Vereine anschauen, bevor er sich für einen entscheidet. Das ist nicht nur ein Spaß, denn das Stadionerlebnis enthält viel von dem, was Jason nicht mag: die Enge, viele Menschen, unvorhersehbare und irrationale Ereignisse.

Jasons Sicht auf die Fußballwelt ist eine andere

Das Buch der Juterczenkas – das Einleitungskapitel und ein Glossar stammen vom Sohn – erzählt davon, wie der Fußball und der Rest der Welt aus der Perspektive eines Menschen mit Asperger und dessen Familie aussehen. Es ist ein lehrreiches und empathisches Buch, weil es nicht einfach von Behinderungen, sondern auch von "Behilflichkeiten" handelt, weil es Einblicke in den Alltag einer Familie mit einem autistischen Kind gewährt und die Möglichkeit, die Fußballwelt anders zu sehen und Selbstverständliches zu hinterfragen. Denn Jason nimmt die Rituale, Parolen und Gesänge im Stadion beim Wort und setzt sich in der Nordkurve in Gelsenkirchen auf den Betonboden, wenn „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ ertönt.

Der Satz "Du musst wohl Fan eines Vereins sein, um die Faszination Fußball zu verstehen" ist der Ausgangspunkt der Reisen von Vater und Sohn und damit auch des Buches. Genau genommen wird er darin aber ad absurdum geführt, nicht nur weil die Suche – das lässt sich auch ohne Fortsetzung ahnen – nie ein Ende finden wird. Sondern auch, weil "Wir Wochenendrebellen" sehr viel von der Faszination Fußball erzählt.

zurück

Das könnte Sie auch interessieren

News zum Thema

Fußballbuch

Abel Paul Pitous schreibt über die Fußball-Leidenschaft von Albert Camus. Matthias Lieske hat das von Brigtte Große übersetzte Werk zum Fußballbuch des Jahres 2018 nominiert und rezensiert.

Weiterlesen
Fußballbuch

Das Buch von Stephan Felsberg, Martin Brand und Tim Köhler (Hg.) geht der russischen Fußballkultur auf den Grund. Karin Plötz hat es nominiert und für das Fußball-Buch des Jahres rezensiert.

Weiterlesen