Der Walther-Bensemann-Preis ehrt das Andenken an den Gründungsvater des kicker, Walther Bensemann. Der Preis zeichnet Personen der Zeitgeschichte aus, deren langjähriges Wirken in der Tradition Walther Bensemanns steht; Menschen, die Herausragendes für den Fußball geleistet haben und dabei vielleicht auch gegen den Strom schwimmen mussten: Ein Sonderpreis für außergewöhnliches Engagement mit Mut und Pioniergeist, für gesellschaftliche Verantwortung, Fairplay und interkulturelle Verständigung im Umfeld des Fußballs. Im Jahr des 100-jährigen kicker-Jubiläums wird der Sonderpreis an Horst Eckel für die 54er-Weltmeister und Silvia Neid gleich doppelt vergeben. Gefeiert werden ganz besondere Jahrhundert-Vorbilder für ihren Pioniergeist.

Er ist so etwas wie der letzte seiner Art. Der einzige, der heute, 66 Jahre danach, noch etwas erzählen kann über die Spiele der fünften Fußball-Weltmeisterschaft, die von 16. Juni bis 4. Juli 1954 in den Schweizer Städten Zürich, Basel, Genf, Lausanne, Lugano und Bern ausgetragen wurde.

Am 9. November 1952 hatte sich der in Kaiserslautern geborene Horst Eckel beim 5:1 gegen die Schweiz in Augsburg erstmals das Trikot der deutschen Nationalmannschaft übergestreift, an der Seite seines großen Idols, an der Seite Fritz Walters. "Die erste Begegnung mit ihm kam mir fast unwirklich vor", meint der heute 88-Jährige. "Für mich war er der beste Fußballer in Europa, mit der beste der Welt, den ich persönlich erlebt habe."

Mit Walter und dem FCK errang Eckel, meist als Rechtsaußen oder rechter Außenläufer aufgeboten, 1951 und 1953 die deutsche Meisterschaft, und wie Fritz Walter, dessen Bruder Ottmar und seine zwei weiteren Vereinskameraden Werner Liebrich und Werner Kohlmeyer zählte er zum 22er-Aufgebot von Bundestrainer Sepp Herberger für die Weltmeisterschaft – als jüngster eingesetzter Spieler.

Eckel bestritt sogar alle sechs Spiele. Das 4:1 zum Auftakt gegen die Türkei, das 3:8-Debakel gegen Ungarn im zweiten Gruppenspiel, das 7:2 im wegen des ebenso seltsamen wie einmaligen Modus notwendigen Türkei-Entscheidungsspiels, das 2:0 im Viertelfinale gegen Jugoslawien, das sensationelle 6:1 im Halbfinale gegen Österreich und – das Endspiel.

Im zweiten Duell binnen zwei Wochen mit der zuvor rund vier Jahre lang ungeschlagenen ungarischen "Wunderelf" am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorfstadion fiel Eckel die Aufgabe zu, den von Herberger als Kopf des Gegners ausgemachten Mittelstürmer Nándor Hidegkuti zu beschatten, der aus dem Mittelfeld mit schnellem Anlauf in die Spitze vorzustoßen pflegte. Diese Aufgabe erfüllte der Mann, den sie ob seiner Laufstärke "Windhund" nannten, fast perfekt. "Die Ungarn konnten mit Ausnahme der ersten zehn Minuten nie ihr Spiel spielen", sagt Eckel.

Natürlich, dies gibt er freimütig zu, brauchten die Deutschen auch eine Portion Glück, um den 0:2-Rückstand nach acht Minuten durch den Nürnberger Max Morlock und den Essener Helmut Rahn bis zur 18. Minute auszugleichen und in der 84. Minute erneut durch Rahn zum Siegtor zu kommen. "Aber", so Eckel, "wir haben mit Sicherheit nicht unverdient gewonnen."

Nach dem Abpfiff des englischen Schiedsrichters William Ling brachen die erschöpften Sieger nicht in große Jubelstürme aus. Kapitän Fritz Walter und seine Mannschaft liefen zu den Zuschauern und bedankten sich für deren Unterstützung, ehe sie auf den Schultern einiger auf den Platz geeilter Anhänger vom Rasen getragen wurden. Bei der anschließenden Siegerehrung fassten sich die deutschen Spieler an den Händen, "ganz spontan", wie Eckel betont, "keiner hatte dies vorgegeben, es war einfach ein Ausdruck der Verbundenheit, die zwischen uns Spielern herrschte".

In der Tat. Die Weltmeister von 1954, das war kein zufällig zusammengewürfelter Haufen von Individualisten oder gar Egoisten. Der "Geist von Spiez", jenem 12.000-EinwohnerÖrtchen am Thuner See im Berner Oberland, in dessen Hotel Belvedere die Mannschaft während der heißen Phase der WM-Vorbereitung gewohnt hatte, und die unerwarteten Turniererfolge hatten die persönlichen Interessen in den Hintergrund rücken lassen und die Spieler zu einer Einheit zusammengeschweißt. "Wir waren keine 22 Freunde", sagt Eckel, "aber doch viel mehr als eine reine Zweckgemeinschaft."

Fußball-Weltmeister! Zum ersten Mal – bei ihrer dritten WM-Teilnahme – hatte eine deutsche Nationalmannschaft den wertvollsten Titel des Weltsports errungen. Für die Heimfahrt am 5. Juli stellte die Deutsche Bundesbahn einen Sonderzug bereit, der von Spiez aus über das grenznahe südbadische Singen bis in die großen Städte Westdeutschlands fuhr. Auf allen Stationen drängten die Menschen zu Zehntausenden auf die Bahnsteige, jubelten und winkten voller Begeisterung und Glückseligkeit, und wer es geschafft hatte, sich durchzukämpfen bis nach vorne zu den Waggons, der reichte Herberger und den Spielern durch die geöffneten Abteilfenster Blumen und Geschenke – oder schüttelte den "Helden von Bern" ganz einfach nur dankbar die Hand.

Geschätzte 60 Millionen Deutsche hatten am 4. Juli vor den Radios und den wenigen Fernsehern im Land gesessen und miterlebt, wie "Rahn aus dem Hintergrund" schießen müsste, "Rahn schießt – Tor! Tor! Tor! Tor!" Die legendären Jubelschreie des Reporters Herbert Zimmermann klangen noch jahrzehntelang nach. Ebenso lange spielten Kinder in Hinterhöfen immer und immer wieder die entscheidenden Szenen.

Herberger und seine Spieler wurden zu Personen der Zeitgeschichte und blieben Vorbilder bis heute. Das "Wunder von Bern" verhalf – so eine heutige Deutung der Historiker – den Menschen in einem zerrissenen Land der Täter, der Opfer, der Kriegstraumata dazu, mit ihren Sportlern eine gemeinsame Identifikation zu finden. Diese hält bis heute an und kann, so sie nicht ideologisch ausgenutzt wird, auch dem Sport wieder viel zurückgeben.

In Nürnberg und in Kaiserslautern wurden die Stadien des FCN und des FCK nach Max Morlock und Fritz Walter, den größten Söhnen der beiden Vereine, benannt, es gibt diverse Stiftungen und Auszeichnungen, die den Namen der "Helden von Bern" tragen, und nicht zufällig heißt auch die kultige Preisfigur der in Nürnberg ansässigen Deutschen Akademie für Fußball-Kultur "MAX". 2003 strömten fast vier Millionen Menschen in die deutschen Kinos, um sich Sönke Wortmanns Film "Das Wunder von Bern" anzuschauen. Beraten wurde der Regisseur dabei von niemand geringerem als Horst Eckel. Das Filmteam und die Familie Eckel verbindet bis heute eine enge Freundschaft.

Die Mannschaft des 4. Juli 1954 lief nie mehr in dieser Aufstellung auf, obwohl kein Spieler aus der Finalelf seine Karriere unmittelbar nach dem Turnier beendete. 1959 fand auf Einladung von Adidas, dem Ausrüster der Nationalmannschaft, im mittelfränkischen Herzogenaurach die erste Wiedersehensfeier statt, danach trafen sich die 54er regelmäßig. Einige Jahre nach dem Endspiel knüpfte der Fußball-Verband Rheinland eine Partnerschaft mit dem ungarischen Verband, es kam zu den ersten Begegnungen der einstigen Gegner abseits des Rasens. "Lange wollten wir nichts von den Deutschen wissen", erklärte Jenö Buzánsky, rechter Verteidiger der am 4. Juli entzauberten ungarischen Wunderelf, 2003 in einem Interview mit dem kicker, "dann sind wir in den achtziger Jahren zu einer Feier nach Baden-Baden gefahren und haben dort unseren Frieden miteinander gemacht." Im Lauf der Jahre sei aus diesem Frieden Freundschaft geworden, "denn", so Buzánsky, "wir alle wissen, dass Deutschland im Finale der Sieger war, aber Ungarn die beste Mannschaft der Welt".

Horst Eckel wird dies sicherlich anders sehen. Und glücklicherweise kann er noch davon erzählen.

von Harald Kaiser

Die Preisübergabe durch Katrin Müller-Hohenstein im Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern im Video - mit dabei war auch DFB-Präsident Fritz Keller: