"Überall dort, wo Polizei vor Ort ist, hat sie die Deutungshoheit, das sehen wir auch in Deutschland."

Prof. Dr. Thomas Feltes ist Kriminologe und Polizeiwissenschaftler an der Ruhr-Uni Bochum. Zum "Europa"-Jahresthema der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur blickt er auf Konflikte zwischen Fans und Polizei bei internationalen Begegnungen. Warum Spanien aus seiner Sicht rechtsstaatlichen Ansprüchen nicht genügt, gerade deutsche Fans im Ausland oft einen militanten Eindruck erwecken und wieso sie keine Lobby haben, legt er Akademie-Mitglied  Christoph Ruf im Interview dar.

Herr Feltes, Sie haben 2010 zusammen mit einer Mitarbeiterin eine "Task Force Sevilla" gegründet, um die Misshandlung von Dortmunder Fans durch die spanische Polizei aufzuarbeiten. Was ist damals passiert?

Im Gästeblock wurde eine Sitzschale abmontiert und nach unten geworfen. Danach wurde eine Gruppe von etwa 30 BVB-Fans von der Polizei aus dem Stadion geholt und an eine Wand gestellt, es kam zu ersten Übergriffen. Die Fans wurden unter entwürdigenden Umständen über Nacht in Polizeigewahrsam gebracht, weder einen Anwalt, noch einen Dolmetscher – sagen sie – haben sie zu Gesicht bekommen. Am anderen Morgen wurden sie aufgefordert, ein Dokument zu unterschreiben, anderenfalls würden sie mehrere Wochen in Haft bleiben.

Was die Fans dann auch getan haben?

Ja, in der Annahme, dass das keine weiteren Konsequenzen nach sich ziehen würde. Genau das war ihnen in Spanien nämlich zugesichert worden. Mit der Unterschrift hatten sie aber eine 12-monatige Freiheitsstrafe akzeptiert, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Man sagte ihnen, dass das in Deutschland nicht eingetragen würde.

Doch das stimmte nicht?

Das stellte sich schnell heraus. Bei einem Fan, als er in die USA ausreisen wollte und seinen Eltern am Flughafen erklären musste, warum das nicht ging. Andere konnten ihren Referendardienst nicht antreten oder durften die Gaststätte der Eltern nicht übernehmen, weil sie die Eintragung im Bundeszentralregister hatten.

All das, weil die Ereignisse von Sevilla eben doch ins deutsche Führungszeugnis Eingang fanden. Was konnte die von Ihnen gegründete Task Force ausrichten?

Wir haben beim dafür zuständigen Bundesamt für Justiz beantragt, die Eintragungen aus Spanien zu löschen, weil dabei grundlegende Regeln der Menschenrechtskonvention, das unter anderem das Recht auf ein faires Verfahren und den Zugang zu einem Anwalt und Dolmetscher garantiert, verletzt wurden. Das Bundesamt sah das aber anders, das Kammergericht in Berlin lehnte ebenfalls ab mit der Begründung, Spanien sei ein Rechtsstaat. Beim Bundesverfassungsgericht sah man dann aber Handlungsbedarf, gab unserer Verfassungsbeschwerde statt und verwies das Verfahren zurück ans Kammergericht. Doch bis heute hat Spanien die Akten nicht nach Berlin geschickt.

Wie bewerten Sie das?

Spanien ist ganz offensichtlich kein Rechtsstaat, wenn es der deutschen Justiz keine Unterlagen zukommen lässt. Im Übrigen muss die Schuld jedes einzelnen nachgewiesen werden. Hier wurde die Straftat aber allen Personen zugerechnet.

Spanien ist ein wichtiges EU-Mitglied. Dass es Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit gibt, dürfte vielen neu sein.

Auch Anwälte in Spanien haben uns gesagt, sie stünden unter extremem politischem Druck, sie könnten es sich keinesfalls erlauben, gegen die Polizei auszusagen. Die spanische Polizei und die Justiz sind immer noch von der Franco-Diktatur geprägt.

Sie monieren, dass die deutschen Gerichte die spanischen Urteile kritiklos übernommen haben. Aber ist nicht genau das im Sinne des europäischen Gedankens, den Sie ja auch hochhalten?

Natürlich, zumal Jahr für Jahr hunderte von Urteilen im Ausland ergehen, und die allermeisten sind nicht zu beanstanden. Deswegen stand vielleicht beim Bundesamt und dem Kammergericht die Angst im Raum, einen Präzedenzfall zu schaffen, wenn man im Sinne der BVB-Fans entscheidet. Wenn man gesagt hätte, man misstraut den Spaniern, hätte man viele Urteile aus anderen Bereichen und aus anderen Ländern ebenfalls überprüfen müssen. Das wäre der GAU für das Bundesamt für Justiz und das Bundesjustizministerium gewesen.

Wurde bei anderen Vereinen registriert, was in Sevilla geschah?

Oh ja, nachdem wir die "Taskforce Sevilla" gegründet haben, kamen viele Vereine auf uns zu, die auch Spiele im Ausland auf dem Programm hatten und baten um Rat, wie sie sich vorbereiten könnten. Das führte und führt noch immer dazu, dass Vereine ihren Fans Anwälte zur Seite stellen, die vor Ort dann verfügbar sind.

Warum ist das wichtig?

Um Waffengleichheit herzustellen. Überall dort, wo Polizei vor Ort ist, hat sie die Deutungshoheit, das sehen wir auch in Deutschland. Sie beschreibt und definiert einen Vorgang, und die Gegenseite kann im Nachhinein immer nur dagegen argumentieren. Da ist ein Anwalt wichtig, der die Dinge dokumentiert, Fans sofort unterstützt, und der Polizei deutlich macht, dass ihr Handeln beobachtet wird. Und: Ein Anwalt darf keine Falschangaben machen, sonst ist er seine Zulassung los.

Immer wieder werden Fans bei internationalen Begegnungen Opfer von willkürlich anmutenden Polizeimaßnahmen. Warum ist das so?

Wenn deutsche Fans in eine Stadt kommen, kommen sie laut und zahlreich. Zusammen mit der etwas harten deutschen Sprache erweckt dies vielerorts einen militanten Eindruck. Daniel Nivel, der von deutschen Fans ins Koma geprügelte Polizist in Lens, wirkt im kollektiven Gedächtnis Europas ebenfalls noch nach. Und natürlich gibt es unter Fans auch welche, die auf Prügeleien aus sind.

Insgesamt sehen Sie die deutsche Fankultur aber positiv?

Unbedingt. Deutschland hat eine vielfältige und kreative Fankultur, um die wir andernorts beneidet werden. Die Stimmung in deutschen Stadien ist die beste in ganz Europa.

Wenn Fans Opfer von Polizeigewalt werden, erfahren sie selten Unterstützung. Woran liegt das?

Fans haben keine Lobby. Das liegt aber auch an den Abschottungstendenzen der Ultraszenen, die über Jahre nicht begründet haben, warum sie manche Dinge tun. Das ist ja jetzt glücklicherweise anders. Und das bringt den DFB in Schwierigkeiten, weil die Fans auch intellektuell in der Lage sind, ihre Anliegen zu begründen. Zudem bietet der DFB allein schon durch die nicht aufgearbeiteten Ereignisse 2006 und unprofessionelles Konfliktmanagement jede Menge Angriffsflächen.

Was kann der DFB beitragen, damit sich Sevilla nicht wiederholt?

Ich würde mir wünschen, dass der DFB unabhängige Beobachterinnen oder Beobachter zu den Spielen deutscher Vereine im In- und Ausland schickt. Zwei bis drei Personen mit Szenekenntnissen und möglichst juristischem Hintergrund, die einen unabhängigen Bericht für den DFB verfassen. Dieser Bericht kann dann Grundlage für eine Gerichtsbarkeit sein, die auf solider Faktenlage urteilt. Diese Beobachter müssen ein Gespür für Dynamiken haben, auch dort hingehen, wo es unangenehm ist. Dann würde der DFB enorm an Legitimität gewinnen.

Wie läuft es bisher?

Im Moment gibt es den Schiedsrichterbericht. Er ist aber mit anderen Dingen beschäftigt. Und es gibt die Spielbeobachter des DFB, bei denen ich so meine Zweifel habe, ob es immer die richtigen Personen am richtigen Ort sind.

Wäre aus Ihrer Sicht eine europäische Harmonisierung auf juristischem Gebiet überhaupt erstrebenswert, oder besteht die Gefahr, dass man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigt?

Rechtliche Standards sind im Prinzip einheitlich, denn die Menschenrechtskonvention enthält entsprechende Standards, etwa bei Verhaftungen, an der sich alle 47 Mitgliedsstatten des Europarates orientieren müssen. Beim Datenschutz sind mir hohe Standards wie in Deutschland lieber, da besteht die Gefahr, dass man sich auf ein Minimum einigt.

Von Fanseite wird der laxe Umgang mit dem Datenschutz kritisiert.

Der Datenschutz ist auf europäischer Ebene ein schwieriges Thema. Noch größere Bauchschmerzen habe ich aber, wenn Daten aus den Vereinen bei der Polizei landen, wie dies bei Stadionverboten schon jetzt der Fall ist. Grundsätzlich haben die Fans aber keine Wahl, denn über das Hausrecht können die Vereine theoretisch sogar verlangen, dass jeder, der ein Ticket will, einen Kopfstand am Eingang macht und blaue Unterhosen trägt.

Es gibt sicher Menschen, die würden entgegnen, dass die Fans sehr wohl eine Alternative haben. Sie könnten einfach zu Hause bleiben, schon wären sie vor Datenmissbrauch und Polizeigewalt sicher.

Das wäre eine ziemlich armselige Argumentation und eine gravierende Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Soll sich jeder ein Sky-Abo zulegen? Die Freizügigkeit ist ein zentraler Wert unserer Demokratie. Wenn man sie einschränkt, müssen Hinweise auf schwere Straftaten vorliegen, sonst ist das unverhältnismäßig. Und es muss in jedem Einzelfall begründet werden, was in den allermeisten Fällen nicht gelingen wird.

Das Interview führte Christoph Ruf.

Fußball und Europa: Drei Fragen - drei Antworten von Prof. Dr. Thomas Feltes

An welches Spiel denken Sie am liebsten zurück, wenn Sie an europäischen Fußball denken?

Ich bin leider mit einem extrem schlechten Gedächtnis gestraft, und es kommen ja jedes Jahr so viele Spiele dazu. Aber ich antworte mit dem Wembley-Tor, mit 1954, Helmut Rahn und Horst Eckel, die ja eine ganz andere Fußballergeneration waren. Wenn man da an das in Dubai von Frank Ribéry verzehrte, mit Gold verzierte Steak denkt, dann wird deutlich, wie Fußball die Gesellschaft widerspiegelt, wie sich beides in den letzten 60 Jahren verändert hat.

Die Fußball-Europameisterschaft 2020 verfolge ich…

... egal wann sie stattfindet, intensiv. Ich gucke gerne Fußballspiele, natürlich vor allem von den Vereinen, die mich interessieren wie Dortmund und Bochum, und vor allem nur mit Zuschauern. Geisterspiele sind wie Billardmeisterschaften – zum Einschlafen.

Was wünschen Sie sich für Europas Zukunft?

Als deutscher Vertreter in der der Anti-Folter-Kommission des Europarates habe ich die Möglichkeit, auch hinter die Kulissen von Polizeihaft, Gefängnissen und Psychiatrien zu schauen. Da liegt vieles im Argen, was die Menschenrechte anbetrifft. Hinzu kommt, dass Populismus weiter um sich greift, auch weil europaweit unbegründete Ängste zugenommen haben. Europa wird es unter diesen Bedingungen schwer haben, sich positiv weiterzuentwickeln.