Nominiert Fußballbuch 2018

Russkij futbol

Ein Lesebuch (2017/2018)
Nominiert zum Fußballbuch des Jahres 2018
Verlag Die Werkstatt
Verlagsinfo
16,90 Euro
978-3-7307-0395-3

Rezension: Russkij futbol

Karin Plötz

Im Vorfeld der WM in Russland wurde viel über den Dopingskandal, russische Hooligans und die Wahl in Russland geredet. Kaum ein Wort fiel aber über den russischen Fußball und was für eine Bedeutung er in Russland hat. Zwar ist man jetzt nach der WM positiv überrascht von dem Erfolg der russischen Mannschaft und der Begeisterung bei den russischen Fans. Aber immer noch gibt es ein „schwarzes Loch“ bezüglich des russischen Fußballs.

Aber es gibt – im wahrsten Sinne des Wortes – ein Lesebuch, das einen Einblick in die weithin unbekannte Tradition und Kultur des russischen Fußballs gibt: Russkij Futbol. Die Herausgeber, Stephan Felsberg, Tim Köhler und Martin Brandt, auch als Kollektiv "Die Kulturingenieure" genannt, haben 16 Geschichten rund um den sowjetischen Fußball als Sport, Massenphänomen, Subkultur und Politikum zusammengefasst. Renommierte Autoren werfen Schlaglichter auf ausgesuchte Facetten und bieten einen Einblick in die russische "Fußballseele".

Starostin - der Übervater

1912 wurde der allrussische Sportverband gegründet. Kurz danach gab es dann auch die größte Niederlage einer russischen Mannschaft: Eine Auswahlmannschaft wurde zu den Olympischen Spielen nach Stockholm gesandt und verlor dort gegen das deutsche Team 0 : 16. Aber der Rasensport fand trotzdem in Russland schnell mehr Anhänger. Erst 1936 erhielt die UDSSR eine Nationalliga und 1946 trat die Sowjetunion dann der FIFA bei.

Thomas Urban beschreibt in seiner Geschichte über Nikolai Starostin exemplarisch die Situation des Fußballs in der Stalinzeit und danach. Nikolai Starostin wird heute noch als Übervater von Spartak Moskau verehrt. In den 30er Jahren gerieten er und seine drei Brüder, die ebenfalls für Spartak antraten, in das Räderwerk der Politik – weil sie zu gut Fußball spielten. Denn sie schlugen Clubs, deren Präsidenten ganz oben in der Hierarchie der Kommunistischen Partei standen. Alle vier Brüder wurden 1942 als Mitglieder einer "Antisowjetischen Gruppe" zu je zehn Jahren Lager verurteilt, der Staat konfiszierte ihr Eigentum. Dank ihrer Berühmtheit überlebten die Brüder den GULAG. Nach dem Tod Stalins wurden die Starostin Brüder 1954 rehabilitiert und Nikolai Starostin Sportdirektor bei Spartak und schließlich Vereinspräsident.

In den 90ern beginnt die Zeit der Oligarchen

Und wie Fußballspiele die Diplomatie beeinflusst haben, beschreibt Matthias Kneifl. 1955 traf mitten im Kalten Krieg im Dynamo Stadion die Mannschaft der Sowjetunion auf die Auswahl des Deutschen Fußballbundes (DFB) aus der Bundesrepublik. Zwischen Bonn und Moskau gab es noch nicht einmal diplomatische Beziehungen. Kurz darauf reiste aber Adenauer nach Moskau. Russland gewann 3 : 2. Das Fußballspiel wurde so zum Auftakt einer Annäherung zwischen der Sowjetunion und der Bundesrepublik.

Mit dem Auseinanderbrechen der UDSSR begann die Ära der Oligarchen. Heute sind in Russland die Fußballclubs oft teure Spielzeuge in den Händen von Oligarchen, Staatsunternehmen oder Machthabern wohlhabender Regionen. In Russland gibt es nicht einen Klub der sich selbst tragen kann. Es fehlt an effektiver Nachwuchsförderung. Zudem gibt es die Probleme der gewaltbereiten Hooligans und ihre Liaison mit der rechtsradikalen Szene – auch wenn sie nur eine Minderheit in der gesamten Fanszene bilden. Aber es gibt auch positive Entwicklungen bei den Fans, so seit 2014 eine Faninitiative "ZSKA Fans gegen Rassismus". Und vielleicht wird das erfolgreiche Abschneiden des russischen Teams bei der WM auch wieder mehr Investitionen in die Strukturen des russischen Fußballs ermöglichen.

Russkij Futbol bietet mit seiner spannenden Einführung eine neue Sicht auf den russischen Fußball. Auch der Aspekt "Kunst" kommt nicht zu kurz: 16 wunderbare Farbtafeln der berühmtesten Akteure der russischen Fußballgeschichte, die auch als Ausstellung schon in verschiedenen Vereinen Platz gefunden haben, reichern das Lesebuch noch an. Alles in allem ist Russkij Futbol ein wirklich lesenswertes Lesebuch zum russischen Fußball und seinen Platz in der Gesellschaft.

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