Nominiert Fußballbuch 2019

Ich war schon immer ein Rebell

Mein Leben mit dem Fußball (2018/2019)
Nominiert zum Fußballbuch des Jahres 2019
Piper
Verlagsinfo
22,00 Euro
978-3-492-05947-3

Rezension: Ich war schon immer ein Rebell

Karin Plötz
von Karin Plötz

Ewald Lienen ist gern gesehener und meinungsstarker Fußballexperte in Sport-Talkshows. Als Trainer bewahrte er in der Saison 2016/17 den FC St Pauli vor dem Abstieg und ist heute dort technischer Direktor und – wie er es selbst bezeichnet – der "Außenminister" des Clubs.

Bekannt ist er vor allem als "Rebell" und "Friedensaktivist", also eine Ausnahmeerscheinung in der Fußballwelt. Natürlich kennen ihn auch viele Fans als "renitentes" Opfer eines der brutalsten Fouls in der Bundesliga-Geschichte. Dieses Foul beschreibt er auch gleich zu Beginn seiner Autobiografie "Ich war schon immer ein Rebell. Mein Leben mit dem Fußball":

Im Spiel Arminia Bielefeld gegen Werder Bremen am 14. August 1981 schlitzt der Bremer Norbert Siegmann beim Foul an Ewald Lienen mit den Stollen ein 25 cm langes Loch in dessen Oberschenkel. Unter Schock bleibt Lienen nicht etwa liegen, sondern stürmt wutentbrannt auf Bremens Trainer Otto Rehhagel zu und beschimpft ihn als "Auftraggeber" dieses Fouls. Nach heftigen Tumulten wurde der Oberschenkel dann bandagiert und Lienen auf einer Trage vom Spielplatz getragen. Die ganze Situation wird nicht ohne Grund von Lienen als Prolog aufgeführt. Lienen steht zu seinen Prinzipien und setzt sie auch ohne Rücksicht auf eigene Verluste durch. Dies zeigt sich in seiner Fußballer- und Trainerkarriere. Seine klaren Aussagen zu bestimmten Personen und Situationen machen seine Autobiografie besonders lesenswert.

Eigentlich wollte Lienen Lehrer werden und als junger Fußballspieler bei Arminia Bielefeld begann er nebenbei ein Pädagogikstudium. Aber der Fußball hielt ihn dann doch im Bann. Von Arminia Bielefeld wechselte er zu Borussia Mönchengladbach, zurück zur Arminia, um wieder bei der Borussia zu landen, bevor er in Duisburg seine letzte Station als Fußballspieler fand.

Als langhaariger und eher links verorteter Spieler kam Lienen in den Ruf, Sympathisant der RAF zu sein. Damit eckte er z.B. bei seinem Mönchengladbacher Teamkollegen Berti Vogts immer wieder an. Nach einigen Gesprächen klärte sich das Verhältnis und beide lernten sich zu schätzen.

Politisch machte Lienen u. a. bei der WM in Argentinien auf sich aufmerksam, als er auf eine weitere Teilnahme an der Nationalmannschaft verzichtete und sich gegen die Entscheidung des DFB wandte, keine Stellung zur Situation in Argentinien zu beziehen.

Schon früh setzte sich Lienen sozial ein. Dabei lernte er 1978 seine große Liebe Rosa, eine Erzieherin in einem evangelischen Pflegeheim, kennen. Die beiden heirateten ein Jahr später. Den Einsatz sowohl für die Kinder aus diesem Pflegeheim sowie für viele weitere soziale Projekte setzte Lienen fort und gewann auch Mitspieler dazu, sich zu engagieren.

Hoch rechnete er seinem damaligen Trainer Jupp Heynckes an, dass er unter ihm sein soziales und politisches Engagement auch als Profi-Fußballer weiter verfolgen konnte.

Jupp Heynckes traf er auch später wieder, als er mit ihm gemeinsam als Co-Trainer zum CD Teneriffa nach Spanien ging.

Seine Trainerkarriere begann er in Duisburg. Danach startete sein Trainer-Nomaden-Dasein, das ihn von Teneriffa zurück nach Deutschland und wieder nach Teneriffa bis nach Griechenland führt.  Unverblümt erzählt er die kruden Geschichten, die bei seinen ausländischen Engagements passierten. Aber er blieb seiner integren Linie treu und erzielte damit auch einige Erfolge.

In Deutschland war er natürlich auch aktiv, z. B. in Köln und Mönchengladbach. Seine letzte Trainerstation fand er beim 1. FC St. Pauli, ein Verein, der laut eigener Aussage, wirklich zu ihm passt. In seiner aktuellen Position als technischer Direktor oder „Außenminister“ des Clubs, kann er seine umfassenden Erfahrungen einbringen und für das eintreten, für das er schon immer eingetreten ist: Fairness, Integrität, Toleranz und Respekt vor der Würde des Menschen.

In den 430 Seiten erfährt der Leser nicht nur viel über den Menschen Ewald Lienen, sondern auch über die Entwicklung des Fußballs und das Innenleben in den Vereinen in den letzten 30 Jahren. Interessant sind auch seine Geschichten zum harten bisweilen illegalen Geschäft z.B. in der griechischen Fußballlandschaft.

„Ich war schon immer ein Rebell“ hebt sich von den meisten Fußballer-Biographien positiv ab, da es nicht nur viele Nuancen des Fußballs und ehrliche, teilweise auch selbstkritische Episoden aus Lienen Leben enthält, sondern auch wunderbar von ihm selbst geschrieben ist. So hat sich Ewalds oft zitierte „Zettelwirtschaft“ jetzt in ein rundum gelungenes Buch für jeden Fußballinteressierten verwandelt.

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