Nominiert Fußballbuch 2018

Gebrauchsanweisung für die Fußball-Nationalmannschaft

(2017/2018)
Nominiert zum Fußballbuch des Jahres 2018
© Julia Zimmermann, 2011
Piper
Verlagsinfo
15,00 Euro
978-3-492-27712-9

Rezension: Gebrauchsanweisung für die deutsche Nationalmannschaft

Helmut Böttiger

Michael Horeni hat das Scheitern der deutschen Nationalmannschaft bei der letzten Weltmeisterschaft in seiner Zeitung, der FAZ, sehr differenziert und unbestechlich kommentiert. Es fiel dabei auf, dass er auch das Management Oliver Bierhoffs, die Marketingkampagne um "Die Mannschaft" und die Inszenierungen vor und während der Wochen in Russland, im Trainingslager und im Mannschaftshotel, scharf kritisierte – die hemmungslose Kommerzialisierung, der desaströse Umgang mit den Erdogan-Posen türkischstämmiger Spieler.

Umso interessanter ist es, Horenis Buch über die Nationalelf zu lesen, das er vor der Weltmeisterschaft veröffentlicht hat, im Sog des bevorstehenden Ereignisses, als fast alle Deutschen ihre Elf fieberhaft für einen sicheren Titelfavoriten hielten. Seine "Gebrauchsanweisung für die Fußball-Nationalmannschaft" gibt einen präzisen, fundierten Einblick in die Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte. Er hebt dabei vor allem die bahnbrechende Leistung Jürgen Klinsmanns hervor, der auf einem Tiefpunkt des deutschen Fußballs, nach der desaströsen Europameisterschaft 2004, Bundestrainer wurde. Und zu dessen revolutionärer Neukonzeption im DFB gehörte es auch, mit Oliver Bierhoff einen modernen Kommunikationsmanager zu installieren.

Von Matthäus zum Fußballmärchen 2006

Horeni sieht eine zähe Kontinuität im deutschen Fußball, die trotz der Klinsmannschen Reformen untergründig immer anhielt und jetzt wieder droht, virulent zu werden. Lange hatte man ja auf die sogenannten "deutschen Tugenden" vertraut – Kraft, Kondition, Siegeswille –, selbst in einer Phase, als diese international schon längst nicht mehr konkurrenzfähig waren. In den 90er Jahren wurden anderswo bereits ausgefeilte taktische Neuerungen erprobt, als man in Deutschland immer noch über Mann- oder Raumdeckung diskutierte und die Rolle des Liberos hochhielt (und deshalb Lothar Matthäus als würdigen Nachfolger Franz Beckenbauers wahrnahm).

In den Medien wurde parallel dazu der Fußball als Pop-Phänomen entdeckt, und wer die dumpfe deutsche Realität kritisierte, wurde flugs des "Kulturpessimismus" bezichtigt. Die entscheidende Wende folgte erst nach schmählichen Niederlagen – 1:5 gegen England! 1:5 gegen Rumänien! 0:3 gegen eine portugiesische B-Auswahl in der Gruppenphase einer Europameisterschaft! Klinsmann nahm die Chance wahr, etliche Strukturen im DFB sowie die herrschenden Denkmodelle der deutschen Fußballweisen über Bord zu werfen. Das "Sommermärchen" 2006 hatte auch viel damit zu tun, dass die deutsche Mannschaft endlich nicht mehr rumpelig daherkam oder mühsam deutsche Tugenden mitschleppte, sondern den Anschluss an die internationalen Entwicklungen gefunden hatte.

Fußball ist per se politisch - nicht erst jetzt

Interessant an Horenis Buch ist, dass er auch in Zeiten größter Erfolge auf die schwierigen Beharrungskräfte hinweist, die sie jedes Mal zu konterkarieren drohten und die aktuell wieder sehr stark zu spüren sind. Nach der "vercoachten" Europameisterschaft 2012 und dem peinlichen Ausscheiden gegen Italien (ja, Joachim Löw hat schon einige Male Fehler gemacht!) erhoben sich sofort die vorübergehend verstummten strukturkonservativen Stimmen – vor allem gegen die Spielweise Mesut Özils und gegen die neuesten Taktikvorstellungen. Es ging wieder um den "Leitwolf", um "deutsche" Tugenden, und dass beim DFB Matthias Sammer bereits als Löw-Nachfolger bereitgestellt wurde, hätte um ein Haar die Weltmeisterschaft 2014 in ein ganz anderes Licht gerückt. 

Es gab auch in der Hochphase der Ära Löw oft Stimmen – man vergisst so etwas merkwürdig schnell –, die denen verblüffend ähnelten, die jetzt nach der Özil-Erdogan-Affäre umso stärker zu vernehmen sind. Dass Fussball per se politisch ist und dass rechtsradikale "Fans" die Nationalelf instrumentalisieren, ist beim DFB immer noch ein Tabuthema. Michael Horeni lässt keinen Zweifel daran, dass das Rad nicht mehr zurückgedreht werden kann. Seine Analyse der begeisternden Weltmeisterschaft in Südafrika 2010, als das plötzlich scheinbar "körperlose" Spiel der Deutschen endlich auch international Sympathien weckte, ist dafür das beste Beispiel. Genauso stringent beschreibt er die Art und Weise, wie sich 2014 in Brasilien all das auf glücklichste Weise fügte, was man sich vorher ausgedacht hatte.

Horeni war immer sehr nah dran, wenn es um die deutsche Nationalelf ging, man merkt das an seinen atmosphärischen Einschätzungen und seinen Hintergrundinformationen. Dass er dabei aber grundsätzlich professionelle Distanz wahrt und einen sachlichen, keineswegs selbstverliebt-selbstzweckironischen Stil pflegt, ist nicht unerheblich.  

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