Nominiert Fußballbuch 2018

Einer von 11

(2017/2018)
Nominiert zum Fußballbuch des Jahres 2018
Loewe
Verlagsinfo
6,95 Euro
978-3-7855-8912-0

Rezension: Einer von 11

Stefan Erhardt

"‘Mach! Mach! Mach!‘ Es ist die aufgeregte Stimme des Assistenztrainers. Ich ziehe das Leibchen und das Aufwärm-Shirt aus, spüre die Luft und habe trotz der Hitze eine Gänsehaut." So beginnt es, so spricht Manfred Theisens kleines, unscheinbares Büchlein "Einer von 11" über sechzig Seiten hinweg aus einem Fußballspieler, der kurz davor steht, eingewechselt zu werden.

Nicht bei irgendeinem Spiel irgendeines Vereins, nein, es ist ein Spiel der Nationalmannschaft – der deutschen Nationalmannschaft. Was insofern zu betonen ist, weil: "Sein Trikot ist weiß und schwarz, seine Haut ist braun." Das sollte eigentlich nicht mehr zu betonen sein, allein die Realität ist eine andere, und mit der Debatte um Mesut Özil hat sie aktuell eine neue Qualität erhalten.

Was ist eine Nation?

Diese gesellschaftliche Realität spiegelt sich wider im inneren Monolog der Theisen’schen Spielerfigur, und egal, welchen Spieler man sich als Leser konkret dabei vorstellt: der Blick ins Innere, ins Innenleben, in die Seele dieses prototypischen Spielers zieht in den Bann.

Theisen gelingt das durch eine geschickte Mischung zeitlicher Ebenen – nur Sekunden sind es, die die erzählte Zeit ausmachen, und doch ist es ein ganzes junges Leben, das in Erinnerungsbildchen aufblitzt. Und immer wieder gespickt ist mit Gedanken, die diese Realität, unser aller Realität auf den Punkt bringen. "Wir Spieler haben Wurzeln auf allen Kontinenten, dennoch treten wir für Nationen an." – im Falle von Theisens Protagonisten ist es Lagos in Nigeria und Bamberg in Deutschland. Welche Nation ergibt sich da, was ist eine Nation überhaupt, wenn "…wir alle irgendwie unterwegs sind."?

Mensch-ärgere-dich-nicht als Symbol für Deutschland

Dass ein solcher komplexer Zustand des Lebens, der eben nicht mehr in schwarz und weiß säuberlich getrennt werden kann, auch deshalb, weil wir für unseren Wohlstand ständig ‚irgendwie unterwegs‘ sind, einigen Menschen nicht passt, versinnbildlicht Theisen wunderbar im Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel, dem Klassiker unter den deutschen Brettspielen. Sein Fußballspieler hat das natürlich auch kennengelernt, als er in Deutschland aufwuchs, und in der Rückschau auf sein bisheriges Leben erscheint es ihm als Symbol für dieses Land:

"Wie beim Mensch ärgere dich nicht sollen alle Püppchen ordentlich in ihren Häuschen ruhen: die roten, die gelben, die grünen, die schwarzen. Nur wer Glück hat und die höchste Punktzahl, darf raus aufs Feld, sich auf seinen Weg machen. Aber am Ende sollen alle wieder in Reih und Glied in ihrem Loch stehen." – und wer sich in den Weg stellt, so wäre zu ergänzen, wer auf dem erwürfelten Platz steht, der wird kurzerhand rausgeschmissen.

Von Verena Ballhaus wunderbar illustriert, kongenial zum Text, ist dieses kleine Taschenbuch ein Kleinod von literarischer Brillanz, in das der Autor ein großes Thema gepackt hat – und das in nur wenigen Sekunden vor der Einwechslung…

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