Nominiert Fußballbuch 2019

Der Fall Özil

Über ein Foto, Rassismus und das deutsche WM-Aus (2018/2019)
Nominiert zum Fußballbuch des Jahres 2019

Rezension: Der Fall Özil

Helmut Böttiger
von Helmut Böttiger

Dieses Buch ist sehr schnell geschrieben worden. Aber das hatte seinen Grund. Das für erstaunlich viele Deutsche unerwartete WM-Aus ihrer Nationalmannschaft schon in der Vorrunde brauchte Erklärungen, und es waren sofort sehr viele falsche im Umlauf. Eine Hauptrolle spielte dabei das ominöse Foto, das die beiden deutschen Nationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan, beide mit türkischem Hintergrund, kurz vor dem WM mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan gemacht hatten. Vor allem Özil wurde von den üblichen Stimmungsmachern und bevorzugt am Stammtisch als der Hauptschuldige für das katastrophale deutsche Spiel ausgemacht.

Schulze-Marmeling beleuchtet diesen "Fall" von mehreren Seiten. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er das besagte Foto, mit dem die beiden deutschen Fußballspieler dem türkischen Autokraten symbolisch ihre Unterstützung signalisierten, für ein falsches Signal hält. Als das wirklich Problematische macht er aber den Umgang des Deutschen Fußball-Bunds mit dieser Affäre aus, und er belegt das durch historische Exkurse, durch sachliche Analyse, durch Fakten und eine Expertise der jüngeren taktischen Entwicklungen im Fußball. Äußerst verdienstvoll ist seine Beschreibung des deutsch-türkischen Fußballmilieus, vor allem im Ruhrpott. Es ergeben sich komplexe Zusammenhänge, die mit verschiedenen Sozialisationen, verschiedenen Kulturen und den Problemen der Integration zu tun haben. Nachdem die Bundesrepublik insgesamt, aber in erschreckender Weise gerade auch der Deutsche Fußball-Bund bis ungefähr zur Jahrtausendwende in diesen Fragen eine klägliche Haltung eingenommen hatten, änderte sich langsam das Bild: das Foto der Kanzlerin Angela Merkel mit dem halbnackten Özil in der Kabine wurde als Ikone endlich gelingender Integration verkauft. Die gewonnene Weltmeisterschaft 2014 schien auf Dauer ein Erfolgsmodell installiert zu haben. Doch im Hintergrund warteten die altdeutschen Fußball-Recken und das übliche Fußvolk nur darauf, dass die sattsam bekannten "deutschen Tugenden" wieder zum Einsatz kommen könnten – gegen das körperlose, südländische, tänzelnde Spiel der "Ausländer", gegen "brotlose Kunst". Mit dem Scheitern 2018 trat dieser Fall ein.

Das Erdoğan-Foto bildete dabei so etwas wie den Brandbeschleuniger. Die rassistische Hetze von großen Teilen der Fans der deutschen Nationalmannschaft in Vorbereitungsspielen wurde vom DFB ignoriert. Schulze-Marmeling hebt die fatale Rolle des damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel heraus, der als rechter CDU-Karrierist auf "Volkes Stimme" hören wollte und sich bei seiner Rede von deutschen "Werten" in viele Widersprüche verstrickte. Das Buch ist insgesamt auch ein wichtiges Plädoyer dafür, die eminent wichtige gesellschaftspolitische Rolle, die der Fußball hat, endlich auch im dafür zuständigen Verband angemessen auszufüllen. Der "Fall Özil" hat Symbolcharakter, er hat viele wunde Punkte offenbart, und von daher greift dieses Buch über die bloße Tagesaktualität weit hinaus.

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