Nominiert Fußballbuch 2019

Ballverlust

Gegen den marktkonformen Fußball (2018/2019)
Nominiert zum Fußballbuch des Jahres 2019
Papyrossa Verlag
Verlagsinfo
14,90 Euro
978-3-89438-700-6

Rezension: Ballverlust. Gegen den marktkonformen Fußball

Marco Puschner / Nürnberger Zeitung
von Marco Puschner

Die Einführung der Nations-League war für ihn der ganz persönliche Schlusspfiff: Christian Bartlau, bereits als Kind Fan des FC Hansa Rostock und später Sportjournalist, hat mit dem Profifußball abgeschlossen. Er geht nicht mehr ins Stadion, schaut sich kein Spiel mehr an.
In seinem Buch „Ballverlust“ erklärt der 1985 geborene Autor, warum er das System nicht mehr mittragen kann und will. Der Fußball, so seine Kernthese, verkörpert eigentlich die Idee von Freiheit, Gleichheit und Solidarität, wenn auf den Rängen Paketbote und Bankdirektor Seite an Seite verfolgen, wie unten auf dem Rasen der Underdog dank ehrlicher Arbeit dem Favoriten ein Bein stellt. Doch in den vergangenen 30 Jahren hätten die Ideologen des Neoliberalismus das Spiel gekapert, nun gehe es nur noch um die Maximierung des Gewinns, um den größtmöglichen wirtschaftlichen Erfolg für die Verbände und einige wenige Vereine.
Die Champions-League sieht Bartlau hierfür als passendes Beispiel. Seit 2004 (damals der FC Porto aus Portugal) hat kein Vertreter einer kleinen Liga den Wettbewerb mehr gewonnen, argumentiert er, die Königsklasse habe sich zur geschlossenen Gesellschaft entwickelt, „zu einem Closed Shop mit Zutritt nur für die finanzstärksten Klubs aus den großen Ligen“. Von den gesamten Prämien seit Beginn des Wettbewerbs im Jahr 1992 (als Nachfolger des Europapokals der Landesmeister) sei fast die Hälfte (acht Milliarden Euro) auf den Konten von nur 14 Vereinen gelandet.
Bayern München etwa sieht einen Platz im Viertelfinale offenkundig als Erbrecht, moniert Bartlau – als 2016 die Qualifikation für die Runde der letzten Acht nur ganz knapp gelang, habe der empörte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge anschließend gleich den Modus ändern wollen.
Die Zustände in der Champions-League, die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an ein Land wie Katar, das Menschenrechte missachtet, die fan-unfreundliche Zerstückelung der Spieltage, die Umwandlung von Vereinen in Aktiengesellschaften oder Spielbetriebs-GmbHs, die Einführung des Videobeweises (um den Faktor Zufall einzudämmen) – all diese unterschiedlichen Phänomene sind für Bartlau Symptome, die stellvertretend für den „marktkonformen Fußball“ stehen.
Der Autor, der sich mit dieser Formulierung bei Bundeskanzlerin Angela Merkel bedient (sie sprach einst von einer Demokratie, die „marktkonform" sein soll), vermeidet in seiner mit Zahlen nur so gespickten Argumentation gleichwohl populistische Vereinfachungen. Er kritisiert zum Beispiel Rasenballsport Leipzig als „verlängerte PR-Abteilung für Energydrinks“, wirft den „Roten Bullen“ aber nicht ihre fehlende Tradition vor. Der Hinweis auf ein Gründungsdatum, schreibt Bartlau zu Recht, ersetze kein Argument: ‑ ‑ "'Ihr habt keine Tradition' ist kein Vorwurf, sondern Ressentiment.“
Und er räumt positive Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit ein, etwa, dass der Rassismus in den Fankurven weitgehend eingedämmt worden sei. Selbst jene Nations-League, die für ihn den Schlusspunkt als Fußballbeobachter markierte, hat dem Autor zufolge eine positive Seite, schließlich verdrängt sie langweilige Freundschaftskicks. Aber sie steht eben auch für die neoliberale Zielstellung, mit immer neuen Wettbewerben immer mehr Kasse zu machen.
„Was tun?“, ist Bartlaus letztes Kapitel überschrieben. Im Kern sei der Fußball „eher links“ gewesen, aber der entfesselte Kapitalismus habe ihn mitgerissen. Ist diese Entwicklung umkehrbar? Auch wenn Bartlau zum Beispiel einen Generalstreik der Fans vorschlägt, so recht scheint er nicht an die Trendwende zu glauben. Es gebe ein zentrales Problem mit dem modernen Profifußball: „Die Antwort auf viel zu viele Fragen ist Geld.“

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