Sport Bensemann

Was macht eigentlich... César Luis Menotti?

Die 2009 mit dem Walther Bensemann-Preis ausgezeichnete Fußball-Größe übernimmt mit 80 Jahren ein Engagement beim argentinischen Fußball-Verband - und nutzt den Einfluss zum Aufbau sozialer Projekte.

© Karl-Friedrich Hohl

Ein würdiger Bensemann-Preisträger ist er zweifelsohne: Minutenlange Standing Ovations von den Rängen der Nürnberger Tafelhalle begleiteten im Jahr 2009 die Preisverleihung von César Luis Menotti durch die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur. Im reifen Alter von 80 Jahren lastet seit kurzem wieder große Verantwortung auf dem argentinischen Weltmeistertrainer von 1978. Fußball-Verbandschef Claudio Tapia hat Menotti Mitte Januar 2019 zum Koordinator aller Nationalmannschaften Argentiniens berufen. Eine Herkules-Aufgabe, gleichzeitig aber auch Herzenssache für "el flaco", den "Dünnen", wie Menotti in seinem Heimatland auch genannt wird.

Den neugewonnenen Einfluss nutzt Menotti nun jedoch nicht für nette Reisen zu den über den Globus verstreuten Starspielern vom Rio de la Plata. Sondern für die oft vergessenen Jugendlichen aus den Villas, den Vorort-Slums von Buenos Aires. "Club Villas Unidas" nennt sich ein neugegründeter Verein, der ab 2019 respektive 2020 mit Juniorinnen und Junioren an den U-Turnieren des nationalen Verbandes AFA teilnehmen wird. Das Besondere daran: Die Spielerinnen und Spieler werden allesamt aus den sozial benachteiligten Stadtvierteln der Metropole rekrutiert.

Das Projekt wird von Menottis Fußballtrainerschule und vielen anderen Organisationen gemeinsam getragen und genießt die Unterstützung des Fußballverbandes. Das hehre Ziel: Den Kids über den Fußball positive Werte und Bildung zu vermitteln und den Folgen von Exklusion und Armut entgegenzutreten. So es nach Fernando Signorini geht, einst legendärer Fitnesscoach von Diego Maradona und nun maßgeblich bei Club Villas Unidos involviert, auch materiell und groß gedacht: "Wie hat Fiorito von Maradona profitiert? Wie Fuerte Apache von Tevez? Wie Torcuato von Riquelme? Gar nicht! Dies ist ein einzigartiger Verein, täuschen Sie sich nicht, den die besten Spieler werden nach wie vor aus den ärmsten Vierteln stammen, denn dies ist eine perverse Gesellschaft. Und ich will die größten Vereine sehen, wie sie hierherkommen und den Spielern das zahlen, was sie wert sind. Und nicht eine elende Ausbildungsentschädigung." Signorini benennt den Clou des Projektes: Jeglicher möglicher Transfergewinn soll über die beteiligten Organisationen dem Aufbau sozialer Strukturen in den beteiligten Stadtvierteln zu Gute kommen. 17 sogenannte Villas sind insgesamt in das Projekt involviert.

Der Ort der Präsentation des Projektes im Stadtteil Belgrano war nicht zufällig gewählt. Witwe und Tochter eines der beliebtesten und populärsten argentinischen Fußballer, René Houseman, waren im Stadion des Viertligisten Club Atletico Excursionistas Ehrengäste. Houseman, Weltmeister von 1978, stammte aus einer unweit gelegenen Villa, wurde bei Excursionistas ausgebildet und erspielte sich durch den Fußball Ruhm und sozialen Aufstieg. Seine Herkunft aber, vergaß er auch dann nicht, als die Stadtoberen während der Militärdiktatur kurz vor der WM im eigenen Land die Villa Bajo Belgrano aus PR-Gründen abreißen ließen und die Bewohner umsiedelten und vertrieben. Houseman verstarb im vergangenen Jahr.

Über Menottis neue Aufgaben berichten auf Spanisch unter anderem La Nacion, Pagina 12 und Clarin.