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Schneiders Utopie oder die Abschaffung des Abseits

In Gerald Wanges Fußball-Utopie wird Herr Schneider befragt, der - obwohl Fußballromantiker geblieben - von der Nettospielzeit, einem kleineren Spielfeld und einem schnelleren Spiel ohne Abseitsregel träumt.

Foto: Gerald Wenge

Mit der Fußball-Utopie "Schneiders Utopie oder die Abschaffung des Abseits" bewirbt sich Gerald Wange um den mit bis zu 5.000 Euro dotierten easyCredit-Fanpreis 2020. Bewerbungen waren bis zum 31. August 2020 möglich. Alle Informationen zur Teilnahme am Wettbewerb "Fußball-Utopie des Jahres"

Schneiders Utopie oder die Abschaffung des Abseits (von Gerald Wange)

Befragt, ob er Ideen habe, wie man den Fußball und das Fußballgeschäft verändern könne, räuspert sich Schneider und sagt, ihm schwebe zuallererst eine komplette Offenlegung aller Honorare vor, die den sogenannten Beratern auf Konten in aller Welt überwiesen würden oder die sie, die Berater, häufig Leute mit mehr als zweifelhaftem Leumund, wie jeder wisse, sich dorthin abzweigten. Ihn, Schneider, reize zudem die Idee, dass all diese sogenannten Berater in einer Art Coworkingspace zusammenzusitzen und dort gemeinsam in einem Großraum ihrer Tätigkeit nachzugehen hätten. Jeder Interessierte hätte jederzeit die Möglichkeit, dem Treiben via Webcam zuzusehen. Bei der Festlegung der Spielergehälter hätten die Vereinsmitglieder, so es in Zukunft überhaupt noch Vereine gebe und nicht nur börsennotierte Aktiengesellschaften oder russische oder arabische oder chinesische oder indische Oligarchen mit mehr als dubiosen Vermögensvermehrungshistorien, ein wirkliches Mitspracherecht. Dies lasse sich, so Schneider, heutzutage über das Internet ratzfatz organisieren.

Befragt, was ihn an einem Stadionbesuch störe, sofern ihn überhaupt etwas an einem Stadionbesuch störe, was reine Mutmaßung sei, antwortet Schneider, zuallererst und immer noch sei ein Stadionbesuch ein großartiges Erlebnis. Insbesondere bei sogenannten Flutlichtspielen sei der Moment, in dem man quasi, die Einlasskontrolle und die Aufgänge hinter sich gelassen habend, über die, er setze dieses Wort in Anführungszeichen, "Reling" blicke und den gut ausgeleuchteten, ja: strahlenden grünen Rasen sehe, auf dem sich die Spieler bereits warmkicken und warmlaufen würden, wobei er anmerken zu dürfen bittet, dass er allergrößten Wert darauf lege, mindestens eine halbe Stunde vor Spielbeginn im Stadion zu sein, lieber noch eine ganze Stunde, ein quasireligiöser Moment, ein durch und durch erfüllender. Was ihn jedoch nachhaltig störe, und das sage er möglicherweise, das gebe er gern zu, mit Blick auf die Tatsache, dass sein viertes Lebensjahrzehnt inzwischen angebrochen sei, sei die geradezu obszöne Geräuschkulisse im Stadion, in jedem Erstligastadion, und er habe einige besucht, die nicht nur ausgesprochen störend, sondern in Wahrheit eine Gesundheitsgefährdung sei. Er, Schneider, spreche von den Hochleistungsbeschallungsanlagen, nicht von den Geräuschen, die die anderen Stadionbesucher machen würden. Verbieten würde er, Schneider, und zwar gleich ab morgen, An- oder Durchsagen, von Reklame jedweder Art ganz zu schweigen. Als Stadionbesucher habe man sich selbst ein Bild von der zu erwartenden Aufstellung  beider Mannschaften zu machen, jeder Stadionbesuch bedürfe einer gewissen Hintergrundvorbereitung, so nenne er sie, jedem Besucher und jeder Besucherin obliege es, sich vorab darüber zu informieren, welche Spieler auflaufen würden, welche möglicherweise später eingewechselt werden könnten und wie man sie alle auch aus größerer Entfernung erkennen könne, den einen am tätowierten linken Arm, den anderen an seinen hellblonden Haaren. Dass eine Aufstellung oder ein Eckenverhältnis oder ein Tabellenstand von einer Versicherungsfirma, von einer Frittenbratstube oder von einer Automarke präsentiert werde, sei ihm nicht verständlich, nie verständlich gewesen, er halte das für eine – er bitte um Entschuldigung für den etwas derben Ausdruck – Verarschung des überwiegend erwachsenen Publikums, den fatalen Einfluss auf die Jugend gar nicht eingerechnet.  

Befragt, ob sich seine Vorschläge damit erschöpft hätten, sagt Schneider, ihm würde es sehr gefallen, die Spielzeit auf netto 60 Minuten zu verkürzen, er spreche von reiner Spielzeit, und zwar zusammen mit einer Verdoppelung der Spiele, die jedoch nicht zu Lasten der Spieler gehen dürfe. Auf die Frage, wie man sich das vorzustellen habe, sagt Schneider, er würde zweimal acht Spieler auf einem verkleinerten Spielfeld gegeneinander antreten lassen, für zweimal 30 Minuten, in denen keinerlei Zeitschinderei erlaubt sei, man kenne die absurden Spielchen ja, die noch immer viel zu selten von den Schiedsrichtern geahndet würden, Lösungen gebe es seit Jahrzehnten im Basketball oder im Handball. Ein Spieltag bestünde, ginge es nach ihm, Schneider, aus einem jeweils 60-minütigen Spiel der beiden ersten Mannschaften eines Vereins und, vorneweg, zur Einstimmung, aus einem 60-minütigen Spiel der beiden zweiten Mannschaften dieser Vereine. Verfüge ein Verein über einen zu kleinen Kader, würde er die Mannschaft oder die Mannschaften mit Jugendspielern auffüllen, was diesen, den Jugendspielern, Spielpraxis auf, wie gesagt wird: höchstem Niveau ermöglichen würde und auch ansonsten kein Problem darstelle, da nach seiner Vorstellung ausnahmslos und wie früher am Wochenende gespielt werden würde. So kämen insgesamt mehr Spieler für eine gleichzeitig kürzere Zeit zum Einsatz, was deren Regeneration ebenso zuträglich wäre wie der Unterhaltung des Publikums, welches eh, daran werde auch die blumigste Utopie nichts ändern, weiterhin regelmäßig und kräftig von den Vereinen zur Ader gelassen werde.

Befragt, ob er auch Ideen für das Spiel selbst habe, merkt Schneider an, er habe zwei Regeländerungen im Kopf, die das Spiel nach seiner Einschätzung deutlich attraktiver machen würden, denn, man dürfe sich in der Hinsicht nichts vormachen, vier Fünftel der Fußballspiele, die man zu sehen bekomme, wenn man sie denn noch zu sehen bekomme und sie nicht hinter einer der zahlreichen Bezahlschranken verborgen seien, seien die reinste Zeitverschwendung, jede Kochsendung habe mehr Spannung zu bieten. Die wichtigste Regeländerung sei, so Schneider, im Hockeysport, einem Sport, der dem Fußball in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich sei, ohne dass er, Schneider, einen Vortrag darüber zu halten gedenke, längst etabliert: die Abschaffung der Abseitsregel. Wer sich heutzutage ein Spiel im Stadion ansehe, würde sofort sehen, dass sich das gesamte Geschehen stets auf einer winzigen Fläche abspiele, die 20 Spieler, also alle, abgesehen von den zwei Torleuten, würden auf engstem Raum versuchen, sich gegenseitig den Ball abzujagen, um ihn sich eine halbe Sekunde später gleich wieder von dem nächsten Gegenspieler abjagen zu lassen. Das sei wenig attraktiv, präge das Spiel heutzutage jedoch maßgeblich. Eine ersatzlose Streichung der Abseitsregel würde dringend benötigte Räume schaffen, für zusätzliche Tore sorgen und dem Zuschauer mehr Freude am Spiel ermöglichen. Gleichzeitig würden die vielen überflüssigen Diskussionen entfallen, die auf der leidigen Frage beruhen, ob sich der Angreifer mit seinem rechten Fuß nun fünf Zentimeter im Abseits befunden habe oder nicht, im Moment der Ballabgabe wohlgemerkt, nicht der Ballannahme, eine Absurdität ersten Ranges. Schneider, so Schneider, schwebe eine zweite Regeländerung vor, eine Art Umbewertung der erzielten Tore oder eine Differenzierung, wenn man so wolle. Ihm missfalle, und zwar seit langer Zeit, genau genommen seit seiner frühesten Jugend, dass alle im Fußball erzielten Tore denselben Wert hätten. Er sehe abgefälschte Gurken, wenn ihm ausnahmsweise gestattet sei, diesen doch umgangssprachlichen Ausdruck zu verwenden, die in der 89. Minute vom Innenpfosten über die Torlinie trudelten und ein zuvor von der Gegnermannschaft aus 25 Metern ins Kreuzeck gezirkelten Freistoß faktisch entwerteten, entwerten könnten und es oft genug auch tun würden. Was ihm vorschwebe, sei eine Bewertung von abgefälschten Bällen, die ins Tor gingen, mit dem Faktor 0,5, wohingegen ehrlich erzielte Tore weiterhin mit dem Faktor 1 zu bewerten seien. Eine weitere Ausdifferenzierung könne er sich nicht vorstellen, weil diese bedeuten würde, dass man Punktrichter einzusetzen hätte, was sich in anderen Sportarten, die er nicht nennen wolle, die aber jedermann bekannt seien, als ewiges Manko erweise oder erwiesen habe. 

Befragt, ob seine Gedanken nicht bloß eine kindische, reichlich unausgegorene Utopie seien, erhebt sich Schneider, nimmt seine Sporttasche und sagt, fast etwas zerstreut wirkend: Natürlich, natürlich. Er müsse nun jedoch los zum Training. Der Fußball sei längst an einem Punkt angekommen, an dem man ihn nur noch spielen, jedoch nicht mehr sehen solle.
 
Mit implizitem Dank für die Formidee an Georg M. Oswald

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