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Ein Hilfeschrei

Den längeren Verbleib von Spielern in ihren Heimatvereinen wünscht sich Lukas Dänzer im Jugend- wie im Profifußball. Gehaltsobergrenzen und Wechsel erst ab der C-Jugend sieht er dafür als Ansatzpunkte.

Mit der Fußball-Utopie "Ein Hilfeschrei" bewirbt sich Lukas Dänzer um den mit bis zu 5.000 Euro dotierten easyCredit-Fanpreis 2020. Bewerbungen waren bis zum 31. August 2020 möglich. Alle Informationen zur Teilnahme am Wettbewerb "Fußball-Utopie des Jahres"

Ein Hilfeschrei (von Lukas Dänzer)

Der Fußball zu Beginn des 21. Jahrhunderts zusammengefasst? Kommerz. 

Egal, wo man hinsieht, nahezu jede Entscheidung der Akteure im professionellen Geschäft ist von finanziellen Motiven getrieben. Spieler wechseln nach Asien – nicht der Kultur wegen – entscheidend ist das Geld. Dass sie dafür ins Niemandsland des Fußballs und weg von der Schaubühne des Qualitätsfußballs wechseln? Offensichtlich egal. Und das, obwohl kaum ein Spieler der Top-Ligen von finanziellen Existenzängsten geplagt sein dürfte.

Nicht besser die Vereine, die unvorstellbar hohe Transfer- und Gehaltssummen bezahlen. 222 Millionen Euro für einen Spieler – einen Menschen, eine Arbeitskraft. Der Fußball ist schon jetzt fernab aller finanziellen Normalität. 2000 wechselt Luis Figo für 60 Millionen Euro zur Real Madrid. 2017 Neymar für 222 Millionen Euro zu Paris Saint-Germain. Und 2040 wechselt ein noch nicht geborenes Mega-Talent für eine Milliarde Euro zu einem unangefochtenen Spitzen-Klub? Kling unglaublich – ist aber die logische Fortsetzung des aktuellen Transferwahnsinns.

Und wer ist der Leidtragende an diesen Entwicklungen? Sicher nicht die Spieler, die Rekord-Löhne kassieren. Sicher nicht die Vereine, die Rekord-Einnahmen aus Sponsoring und TV-Geldern vermelden können. Nein, es ist der Fan – die Basis der ganzen Show, derjenige für den all das sattfinden sollte. Die Fans machen den Sport unvergleichlich. Fans, die ihr Team aus der Kurve unermüdlich anpeitschen, Fans, die jede Entscheidung des Vereins gespannt verfolgen und Fans, die Titelgewinne enthusiastisch mit ihrem Verein feiern. Ohne Fans kein Fußball! Wenn die Corona-Notfall-Liga eines gezeigt hat, dann das. Liverpool gewinnt die Premier League. Die Fans können nicht mitfeiern. Plötzlich ist der lang ersehnte Titelgewinn nur halb so schön.  

Der Fan ist also der Leidtragende. Aber wieso eigentlich? Je mehr Geld in die Branche kommt, desto besser ist doch das Produkt? Falsch gedacht. Das Geld fließt direkt wieder in die gigantischen Zahlungen an oder für Spieler. Diese sind so hoch, dass die Vereine gar mehr Einnahmen aus anderen Quellen benötigen. Ein Teufelskreislauf! Die Folge sind steigende Eintrittspreise und höhere Kosten für die TV-Übertragung. Ist der Fußball also bald nur noch ein Produkt für die Elite unserer Gesellschaft?
Von der FIFA oder der UEFA ist dennoch mit keiner Hilfe zu rechnen. Haben sich der Welt- und Kontinentalverband zwar "die Behandlung aller Fragen, die den Fußball betreffen" in den Statuten verankert, kommt der Frage nach einem fanfreundlichen Fußball offensichtlich keine Bedeutung zu. Würde man den Hilfeschrei eines Durchschnitt-Fans an die FIFA oder die UEFA senden, würde man dort wohl nur laut lachen und sich weiter am finanziellen Boom ihres Sports – oder besser: ihrer Branche – erfreuen.

Eine ideale (Fußball-) Welt

Und gerade, weil von Seiten der Verbände keine Besserung in Sichtweite ist, wirkt meine utopische Vorstellung des Fußballs sehr weit entfernt. Meine Wunschvorstellung ist ein Fußball, der wieder für den Fan und für die Allgemeinheit gespielt wird. Auch dieser wird ohne kommerzielles Wirtschaften nicht möglich sein, doch soll der Fokus auf dem Spiel an sich – auf dem Sport für die Allgemeinheit liegen.

Und warum? Weil es anders bald gar keinen Fußball mehr geben könnte. Der Fußball verliert seine Grundlage. Abseits der Großstädte gehen Vereine zu Grunde, da ihnen nicht ausreichend Jugendspieler zur Verfügung stehen. Die Zahl der Nachwuchs-Kicker verringert sich beständig. 

Und zusätzlich verliert der sportliche Wettbewerb zunehmend an Spannung. Ein siebenjähriges Kind hat in seinem Leben genauso häufig die Meisterfeier des FC Bayern erleben können, wie es Geburtstag hatte. Selbst Bayern-Fans verlieren bei solch einem Nicht-Spektakel im Meisterschaftskampf das Interesse.

Nun also zur Utopie. Ich habe mir die Frage gestellt: „Was braucht es, damit der Fußball langfristig überleben kann?“ Und mir wurde klar, dass es vor allem Veränderungen sind - tiefgehende Veränderungen.

Zuerst also: Wieso verliert die Jugend das Interesse am Spiel? Klar, der Hype im Zuge der Heim-WM 2006 ist inzwischen abgeflacht. Auch klar, dieser sogenannte eSports spricht dieselbe Zielgruppe an, wie die Vereine. Logisch, dass der ein oder andere den Ball lieber auf der Playstation, als auf dem realen Feld bewegt. Ist ja auch gemütlicher. Macht ja auch Spaß. Dennoch kann dies nicht die Antwort sein, denn Computerspiele gibt es schon länger.  

Für mich besteht das Hauptproblem darin, dass höherklassige Vereine viel zu früh versuchen Spieler aus schwächeren Teams abzuwerben. Worin bitte liegt der Sinn, als E-Jugendspieler ins NLZ eines Bundesligisten – oder teilweise gar Landesligisten – zu wechseln? Selbst die Vereine kann ich dabei nicht verstehen, denn kaum ein Spieler schafft es langfristig auf dem geforderten Leistungsniveau mitzuhalten. Früher oder später werden die meisten aussortiert, weil es eben doch nicht reicht um einmal in der Bundesliga aufzulaufen.  Und kaum einer der aussortierten Spieler steht zu seinem Scheitern. Anstatt zurück zum ehemaligen Jugendklub zu wechseln, hören sie lieber komplett auf mit Fußballspielen. Dann ist ein weiterer guter Spieler durch das leistungsorientierte System des Sports verloren gegangen.  

Doch was ist mit dem Rest des Teams, aus dem dann beispielsweise vier oder fünf Spieler pro Jahr abgeworben werden? Wettbewerbsfähig ist der dann nur teilweise. Schnell ist auch die Lust der restlichen Spieler vergangen, wenn sie am Wochenende mit neun Spielern – von denen drei eben erst mit dem Fußballspielen begonnen haben, weil die Vereine ihre Bemühungen um Nachwuchsspieler intensiviert haben – Wochenende für Wochenende zweistellig in Unterzahl verlieren.

In meiner idealen Welt des Fußballs gibt es derartige Probleme nicht. Höherklassige Klubs bereichern sich nicht an Spielern aus niederklassigen Vereinen. Diese haben in der Utopie nämlich beispielsweise erst ab der C-Jugend die Erlaubnis eine Jugendmannschaft zu melden. So würde jeder Spieler zumindest bis er 13 Jahre alt ist in seiner Heimatstadt spielen und mit seinen Freunden gemeinsam den Spaß am Fußball nicht verlieren. Und wenn er dann mit 13 die Möglichkeit bekommt, sich bei einem höherklassigen Verein zu versuchen, ist er immerhin alt genug, um die Situation halbwegs einschätzen zu können.

Zusätzlich zum ausbleibenden Abwerben von jungen Talenten, existiert in meiner Utopie kein Ligensystem bevor nicht auf das Großfeld gespielt wird. In den Altersklassen bis zu den D-Junioren wird folglich nicht in Spielklassen unterteilt. Man spielt gegen umliegende Vereine, spart sich weite Fahrten und die Teams sind sowieso recht ausgeglichen, da ja keine Talente abgeworben werden.  

So zählt dann auch das, was im Training erlernt wird wieder mehr. Um sich aus der ausgeglichenen Liga nach oben hin abzusetzen, muss besser trainiert werden. So liegt der Fokus automatisch wieder auf der Verbesserung der Mannschaft und nicht auf der individuellen Qualität mancher Ausnahmekönner.  

Für sinnvoll erachte ich es auch, bis zur F-Jugend im Funiño-Modell zu spielen. 3vs3 auf kleine Tore und mit ständigem Auswechseln bedeutet für alle Spieler eine aktive Teilnahme am Spiel. Die Zeiten mit 80% der Ballaktionen für drei bis vier Spieler sind dann vorbei. Als Folge haben alle Spaß am Spielen und durch kleinere Mannschaften können auch Vereine mit Spielermangel weiter ein Team melden.

Durch diese Maßnahmen wird der Fußball in meiner Utopie vor allem im Jugend-Bereich wieder mehr zu einem Sport für die Allgemeinheit. Die Junioren begeistern sich für den Sport und können so an sämtlichen positiven Nebeneffekten zur Bewegung teilhaben. Allein Teil einer Gruppe zu sein und ohne Erfolgsdruck spielen zu können, mach den Kindern Spaß. Somit hat der Fußball in meiner Utopie keine Nachwuchsprobleme.

Der zweite Punkt, in der sich meine Idealvorstellung des Sports von der aktuellen Welt unterscheidet, ist – wie oben bereits eingeleitet – die Nähe zum Fan. Die Fans bedeuten für den professionellen Fußball schließlich das, was der Nachwuchs für den Fußball allgemein bedeutet. Gespielt wird in der beschriebenen Utopie in erster Linie, weil es jemanden gibt, der zuschauen möchte. Aussagen, wie die von Uli Hoeneß, dass die Ultras verstehen müssen, dass auch ohne sie Fußball gespielt werden könnte, kämen in einer idealen Fußballwelt nicht vor. Ebenso, wie Uli Hoeneß, der noch im Gefängnis sitzen würde – aber anderes Thema.

Um den Fußball auf den Fan auszurichten, sind Vereine in der Utopie dazu angehalten, Ticketpreise, Merchandising und sonstige Kosten für den Fan gering zu halten. Damit all dies für den DurchschnittsFan – egal, welcher Einkommensschicht er angehörig ist – wieder problemlos erschwinglich ist. Möglich ist dies, weil die gesamte Fußballbranche wieder auf dem finanziellen Boden der Tatsachen angekommen ist. Abgehobene Gehälter und Transferzahlungen gehören der Geschichte an. Vereine dürfen den Spielern insgesamt nur ein zuvor vereinbartes Maximum zahlen. Hinzu kommen weltweite Limits für die Entlohnung jedes einzelnen Spielers. Dieses Gehaltsmaximum pro Spieler darf von keinem Klub überschritten werden. Der Vorteil läge dann darin, dass ein Talent länger bei seinem Verein gehalten werden kann, solange der Verein das Maximalgehalt für diesen Spieler bezahlen kann.  

Ein Beispiel soll den Sachverhalt veranschaulichen: Kai Havertz verdient aktuell rund fünf Millionen Euro Grundgehalt bei Bayer Leverkusen. Bei Chelsea soll er nach seinem Wechsel in etwa das Doppelte verdienen können. Zwar bietet speziell in diesem Beispiel der Chelsea FC weitere Vorteile gegenüber der Werkself, doch hätte Leverkusen in der Utopie sicherlich größere Chancen Havertz zu halten. Hier läge beispielsweise das Maximalgehalt bei 5 Millionen Euro. Wenn Chelsea ebenso, wie jeder andere Klub, nicht mehr als dieses Maximum bieten dürfte, wären Wechsel allein aus finanzieller Motivation aus der Welt geschafft.

Die besten Spieler würden dann nicht mehr allein beim besten Verein der Liga spielen, sondern auf mehrere Verteilt sein, da ja auch die gesamte Gehaltsobergrenze die Anhäufung mehrerer TopVerdiener bei einem Verein verhindern würde. So wäre in meiner Utopie für einen ausgeglichenen Wettbewerb gesorgt und der aktuell so dominante FC Bayern könnte sich wieder freuen, wenn er Deutscher Meister wird, weil dass dann nämlich nicht mehr jährlich passieren würde.

Der Fan bekommt in der Utopie folglich einen spannenden Sport zu erschwinglichen Preisen angeboten. Wenn das keine Fußball-Begeisterung in der Gesellschaft auslöst!

Einen besonderen Reiz verspreche ich mir von dieser Utopie, da gerade das Zusammenspiel aus der Rückkehr zum Breitensport und der steigenden Attraktivität für den Fan, vielversprechend ist. Diese beeinflussen sich nämlich gegenseitig: Zum einen würde durch das Limit von Gehaltssummen wieder verstärkt auf die Jugendarbeit gesetzt werden. Verboten ist aber das Abwerben von Jugendspielern, was wohl die Folge wäre, würden lediglich finanzielle Obergrenzen bestehen. Und zum anderen käme es durch die Fußballbegeisterung bei den Fans, die durch die De-Kommerzialisierung entstehen würde, zu mehr Begeisterung bei der Jugend. Also sind auch Nachwuchsprobleme nicht mehr vorhanden.

Die beschriebene Utopie wird wohl eine Wunschvorstellung bleiben. Schön wäre es aber, wenn die Verbände sich allgemein einmal ausführlich mit dem Problem auseinandersetzen würden. Hoffnung mach immerhin der DFB, der jetzt tatsächlich vorhat, den Jugendfußball verstärkt über das FuniñoModell stattfinden zu lassen. Ein Anfang zur utopischen Welt des Fußballs! 

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