Geschichte

"Die Urländerspiele"

Als Urländerspiele gelten heute die ersten Begegnungen deutscher Auswahlmannschaften gegen die aus dem Mutterland des Fußballs. Wie weit der hiesige Fußball von der Weltspitze entfernt war, zeigt der vierte (und letzte) Teil Bernd-M. Beyers Reihe über Walther Bensemann und die ersten internationalen Spiele.

Ankündigung für die „Urländerspiele“ im November 1899 in Berlin.
Szene vom zweiten Spiel in Berlin, zu dem sich nur rund 500 Zuschauer einfanden.

Den Höhepunkt in der Serie internationaler Spiele, die Walther Bensemann vor 1900 – und damit vor Gründung des DFB – organisierte, bildeten im November 1899 zweifellos die Begegnungen gegen eine englische Auswahl, die sogenannten Urländerspiele.

Es war dem mittlerweile 26-jährigen Immer-noch-Student gelungen, die Football Association zu ihrer ersten Tournee aufs Festland zu bewegen – obwohl er selbst weder ein offizielles Amt in der deutschen Fußballszene noch einflussreiche Fürsprecher besaß. Allein durch weltmännisches Auftreten und perfekte Englischkenntnisse schaffte er es, die Gentlemen der ehrwürdigen FA in London zu überzeugen.

Die Freude daheim hielt sich in Grenzen – vorsichtig ausgedrückt. Insbesondere im süddeutschen Verband betrachtete man Bensemanns internationale Aktivitäten mit Argwohn. Man fürchtete eine sportliche Blamage gegen die überlegenen Engländer und rieb sich an seinem selbstbewussten Vorpreschen. Auf dem Höhepunkt der verbalen Scharmützel schloss der Verband Bensemann, also den eigentlichen Gründer der süddeutschen Fußballbewegung, aus seinen Reihen aus und drohte jedem Spieler, der sich gegen die Engländer aufstellen lassen werde, mit der gleichen Sanktion.

Zuletzt drohte der Plan noch aus finanziellen Gründen zu scheitern – Bensemann hatte der FA eine Garantiesumme von 2.000 Goldmark zugesagt und dabei auf den nahen Tod einer Erbtante gesetzt. Als die gute Dame sich weigerte, rechtzeitig zu sterben, stand er wenige Tage vor der Tournee vor einem gewaltigen Skandal. Sein Jugendfreund Ivo Schricker, zugleich Kapitän der deutschen Auswahl, rettete ihn durch ein Darlehen.

Die Engländer reisten mit einer Auswahl bewährter Profis und Amateure an; ihre Delegation wurde angeführt von zwei FA-Vizepräsidenten. Auf deutscher Seite stand eine inoffizielle Auswahl aus Berlin und Süddeutschland, also den seinerzeit wichtigsten deutschen Hochburgen. Die süddeutschen Spieler traten trotz der drohenden Verbandssperre an (die dann nomineller Natur blieb).

Keine Chance gegen das Mutterland des Fußballs

Natürlich gewannen die Engländer alle Spiele überlegen: zunächst zwei auf dem Platz am Kurfürstendamm in Berlin (13:2 und 10:2), dann eines in Prag gegen eine deutsch-österreichische Auswahl (8:0) und schließlich am 28. November auf dem Exerzierplatz in Karlsruhe (7:0). Die Zuschauerzahlen in Berlin waren dürftig (1.500 und 500), da die Begegnungen auf Geheiß des Polizeipräsidenten zu ungünstigen Zeiten stattfinden mussten, vormittags an Werktagen. In Prag kamen 4.500, in Karlsruhe immerhin 2.000, durchaus eine nennenswerte Zahl für die damalige Zeit.

Der Bericht der Zeitschrift "Spiel und Sport" unterstreicht, welche positive Bedeutung die Fußballszene seinerzeit den England-Spielen zumaß. Dank Bensemann, so schreibt sie, habe man "ein Ereignis, das in der Fußballgeschichte noch nicht vorgekommen ist", erleben können. "In zwei Tagen haben wir mehr Neues, mehr Kombination, mehr Tricks – faire und ehrliche –, mehr brillantes Einzelspiel zu sehen bekommen, wie in den verflossenen sechs Jahren zusammengenommen."

Die Anfeindungen einiger Regionalverbände aber blieben. Im neuen DFB, an dessen Gründungsversammlung Bensemann wenig später teilnahm, übernahm er wohl auch aus diesem Grund kein Amt. Stattdessen zog es ihn ins Ausland – zunächst in die Schweiz, dann nach Großbritannien. Der Erste Weltkrieg, in dem er gute Freunde auf beiden Seiten der Front verlor, zwang ihn nach Deutschland zurück. Im Gepäck hatte er den Plan für eine Zeitung, die dem sinnlosen Töten auf den Schlachtfeldern eine pazifistische Sportidee entgegensetzen sollte. Als die Waffen endlich schwiegen, machte er den "Kicker" zum Sprachrohr für diese Idee.

von Bernd-M. Beyer

Damit endet unsere kleine Reihe über die ersten Länderspiele und das Wirken Walther Bensemanns zum Ende des 19. Jahrhunderts. Hier geht es zu  Teil 1,  Teil 2 und  Teil 3.

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