Geschichte

"Die Schweiz-Connection"

Vor 125 Jahren begann Walther Bensemann mit der Organisation der ersten internationalen Fußballspiele mit deutscher Beteiligung - gegen teils starke Widerstände nationaler Kräfte. Im ersten Teil der Reihe von Bernd-M. Beyer geht es um die besonderen Beziehungen Bensemanns in die Schweiz und das allererste Spiel gegen ein Team aus Lausanne.

Als Schüler eines Schweizer Internats lernte der junge Walther Bensemann das Fußballspiel durch englische Mitschüler kennen.
Der Engländer-Platz in Karlsruhe, Schauplatz der ersten Fußballspiele in Süddeutschland und wohl auch der Ort, an dem das erste internationale Spiel stattfand. Seit Mai 2018 erinnert dort eine Stele an die Verdienste Bensemanns.

Am 7. Oktober 1893 wurde um 15 Uhr in Karlsruhe das Spiel zwischen einer süddeutschen Auswahl und einem Team aus Lausanne angepfiffen. Das ist nun 125 Jahre her, und soweit es heute bekannt ist, handelte es sich um die erste grenzüberschreitende Fußballbegegnung in Deutschland.

Initiator des denkwürdigen Spiels war Walther Bensemann, Namensgeber der wichtigsten Auszeichnung, die heute alljährlich auf der Gala zur Verleihung der Deutschen Fußball-Kulturpreise in Nürnberg vergeben wird. "Kicker"-Gründer Bensemann hat als Journalist vielfach für seine kosmopolitische Sportauffassung geworben, und in seiner Zeitung sah er ein "Symbol der Völkerversöhnung durch den Sport".

So dachte er bereits als junger Mensch, das Eintreten für internationale Sportbegegnungen durchzieht sein ganzes Leben. Schon seine erste Bekanntschaft mit dem Fußball war vielsprachig geprägt: Er lernte ihn als deutscher Internatsschüler im französischsprachigen Montreux von englischen Mitschülern kennen. Als er den Fußball ab 1889 nach Süddeutschland importierte, war das Spiel dort noch völlig unbekannt. Gerade bei nationalkonservativen Skeptikern stieß Bensemann auf mannigfaltige Vorurteile gegen die "englische Modetorheit" – was ihn nicht davon abhielt, gerade den internationalen Aspekt des Sports zu betonen. Und dazu gehörte auch die Idee eines grenzüberschreitenden Sportverkehrs, die er bereits als Student verfolgte und umsetzte.

Bensemann bemüht seine Kontakte

Im Jahr 1893 hatte Bensemann nicht nur einige Vereinsgründungen in Süddeutschland initiiert, darunter den bis heute existierenden Karlsruher Fußballverein (der 1910 Deutscher Meister wurde). Er hatte auch die Gründung eines ersten Dachverbandes angestoßen, die Süddeutsche Fußball-Union. Eine Auswahl dieser Union spielte am 7. Oktober gegen die schweizerische Mannschaft Villa Longchamp aus Lausanne, auf Vermittlung Bensemanns, der einige Zeit in Lausanne studiert hatte und die dortige Fußballszene bestens kannte.

Villa war eine Internatsmannschaft, die vornehmlich aus englischen Schülern und Lehrern bestand und zu den stärksten Teams in der Schweiz zählte (1895 gehörte sie zu den elf Vereinen, die den Schweizerischen Verband gründeten; 1898 stand sie im Finale um die erste Schweizer Meisterschaft und verlor gegen die Grasshoppers aus Zürich).

Der Sieg geht an die Süddeutschen - blieb jedoch weitgehend unbeachtet

Die erste internationale Begegnung erfuhr in Karlsruhe keine allzu große Resonanz. Die Berichterstattung der Presse blieb äußerst dürftig, nicht einmal die Zuschauerzahlen sind bekannt. Einigermaßen ausführlich berichtete dagegen die in Berlin erscheinende Zeitung "Spiel und Sport" am 21. Oktober. Sie schrieb über die Gastmannschaft (die sie als "eine der besten Clubs des europäischen Continents" vorstellte): "Da gelang es nach einiger Zeit den Lausannern durch ihr tadelloses Zusammenspiel, den Ball durch die Reihe der halfbacks und backs vor das feindliche Goal zu bringen.Es entstand vor demselben ein Gedränge und die Folge war ein Goal für Villa Longchamp."

Allerdings gewannen die Süddeutschen, bei denen Initiator Bensemann selber mitstürmte, am Ende noch mit 2:1; Torschützen waren der Karlsruher Karl Grevé und der Frankfurter Hermann Stasny. Mit einem "Hip, hip, hurra", so der Chronist, endete die historische Partie.

Vermutlich war den meisten Beteiligten seinerzeit die eigene Pionierrolle nicht wirklich bewusst. Walther Bensemann allerdings erinnerte noch 1924 anlässlich eines Länderspiels gegen die Schweiz daran, dass seinerzeit in Karlsruhe der Grundstein für „eine mehr als dreißigjährige Freundschaftstradition“ gelegt worden ist. 

von Bernd-M. Beyer

Im  zweiten Teil der Reihe geht es um die erste "Kontinentalmeisterschaft" - und warum dieser Titel unbedingt in Anführungsstrichen gefasst werden muss.

Das könnte Sie auch interessieren

News zum Thema

Geschichte

Als Urländerspiele gelten heute die ersten Begegnungen deutscher Auswahlmannschaften gegen die aus dem Mutterland des Fußballs. Wie weit der hiesige Fußball von der Weltspitze entfernt war, zeigt der vierte (und letzte) Teil Bernd-M. Beyers Reihe über Walther Bensemann und die ersten internationalen Spiele.

Weiterlesen
Geschichte

Deutschland und Frankreich trafen sich lange meist mit den Waffen - Walther Bensemann setzte sich dagegen für verbindende sportliche Wettkämpfe ein. Heute selbstverständlich, war es 1898 fast undenkbar. Der dritte Teil von Bernd-M. Beyers Reihe zu den ersten internationalen Fußballspielen.

Weiterlesen
Geschichte

Mit der "Kontinentalmeisterschaft" hatte Walther Bensemann schon 1894 ambitionierte Pläne. Spielort war Karlsruhe - welche Teams am Ende dabei waren, berichtet Bernd-M. Beyer im zweiten Teil seiner Reihe über die ersten internationalen Spiele mit deutscher Beteiligung.

Weiterlesen
Geschichte

Zum Erinnerungstag im Deutschen Fußball erinnert der FC Bayern München an sein Gründungsmitglied. Mit den Akademie-Mitgliedern Bernd M. Beyer, Andreas Wittner und Jörg Jakob aus der Jury des Walther-Bensemann-Preises.

Weiterlesen