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Das Potenzial ausschöpfen: Fußballorte als außerschulische Lernorte in der (politischen) Bildung

In der Fußball-Utopie von Sascha Kurzrock werden in der gesamten Republik selbst unscheibare Fußballorte zu außerschulischen Lernorten der politischen Bildung.

Mit der Fußball-Utopie "Das Potenzial ausschöpfen: Fußballorte als außerschulische Lernorte in der (politischen) Bildung" bewirbt sich Sascha Kurzrock um den mit bis zu 5.000 Euro dotierten easyCredit-Fanpreis 2020. Bewerbungen waren bis zum 31. August 2020 möglich. Alle Informationen zur Teilnahme am Wettbewerb "Fußball-Utopie des Jahres"

Das Potenzial ausschöpfen: Fußballorte als außerschulische Lernorte in der (politischen) Bildung (von Sascha Kurzrock)

Wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer frühestens im November wieder in die Stadien dürfen, um Bundesligafußball zu sehen, sollten wir gerade in dieser Zeit die einzigartigen Eigenschaften dieser Orte sinnvoll nutzen, und zwar so, wie es der Verein "Lernort Stadion" seit einigen Jahren vormacht. Auf der Internetpräsenz des Vereins wird das vorrangige Ziel so umschrieben: "Wir bringen politische Bildungsangebote in Fußballstadien." Konkret bedeutet das, "Jugendliche anhand der vielen Facetten des Fußballs darin [zu] bestärken, aktiv an der Gesellschaft teilzuhaben und ein Bewusstsein für demokratische Werte zu entwickeln" (www.lernort-stadion.de). Dass diese demokratischen Werte von immenser Wichtigkeit sind, zeigen die Ereignisse vom vergangenen Wochenende.   

Meine Utopie setzt an der Arbeit des Vereins an und noch geht einen Schritt weiter. Sie sieht vor, die diesbezüglichen Potenziale des Fußballs nicht nur in den Großstädten der Bundesrepublik zu etablieren, sondern auch in den Gebieten, die nicht von Erst-, Zweit- oder Drittligafußball profitieren. Auch in scheinbar fußballverwaisten Regionen bieten sich Fußballorte an, die die Kriterien eines außerschulischen Lernorts erfüllen und die Jugendlichen Bildungsinhalte näherbringen.

Legitimation eines Fußballorts zum außerschulische Lernort

Damit Fußballorte als außerschulische Lernorte im Allgemeinen und als außerschulische Lernorte in der politischen Bildung im Speziellen fungieren können, ist eine Öffnung des Politikbegriffs notwendig. Ein weiter Politikbegriff beschränkt sich – im Gegensatz zum engen Politikbegriff – nicht auf die klassischen Politikprozesse, sondern öffnet sich für gesellschaftliche Fragen und soziale Bewegungen. 

Insbesondere die problematische Zielgruppe der bildungsfernen Jugendlichen kann über den Fußball angesprochen werden (Vosgerau 2014, S. 247f.). Es gibt konkrete Ansätze in der politischen Bildung, um für bildungsferne Jugendliche den Zugang zur Politik zu öffnen. Diese Lösungsvorschläge werden danach unterschieden, ob sie bei der Psychologik des Subjekts oder bei der Sachlogik der Politik ansetzen (Detjen 2007, S. 7). Darüber hinaus gibt es zusätzlich das Konzept der vorpolitischen politischen Bildung. Ziel dieses Konzepts ist ein Zuwachs im Selbstvertrauen und im Selbstwertgefühl der Jugendlichen, der das Bewusstsein für Soziales und Partizipation verstärken soll (vgl. ebd.).

Die drei vorgestellten Ansätze haben eine Sache gemein: Sie profitieren von einem ausgedehnten Politikbegriff und tendieren "mehr oder weniger großzügig dazu, die Thematisierung der Politik nicht allzu ernst zu nehmen"(Detjen 2007, S. 8). In den Augen der Befürworter dieser Ansätze liegt ihr Vorteil darin, besser entfernte als gar keine politischen Inhalte zugänglich zu machen (ebd.). Detjen gehört zu den Kritikern dieser vorgestellten Ansätze, ohne ihre Potenziale zu verhehlen. Möglichkeiten sieht Detjen (2007, S. 8) darin, "in der außerschulischen, auf Freiwilligkeit beruhenden politischen Bildung differenzierte Angebote zu machen und dabei Politik in Maßen zu "entgrenzen". Auch Vosgerau sieht die Chancen weniger im schulischen Politikunterricht als in der außerschulischen Jugendbildungsarbeit: 

"Gerade in der zeitlich begrenzten außerschulischen Bildungsarbeit sollte es um attraktive Impulse durch lebensnahe und praxisrelevante Themen gehen, die von den Jugendlichen aufgenommen und in ihren Alltag überführt werden können. […] Dies kann vor allem in Lernsettings gelingen, die Bezüge zur Lebenswelt herstellen können. Die Faszination Fußball und der Lernort Stadion bieten hierfür vielversprechende Ansätze." (Vosgerau 2014, S. 250)

Die Utopie

In meiner Utopie werden in der gesamten Bundesrepublik Fußballorte als außerschulische Lernorte in der politischen Bildung eingesetzt. Die Idee meiner Utopie basiert auf zwei Säulen, die ich nun kurz erläutern möchte.

Ausbildung von Lehrkräften

Lehrkräfte werden in Aus- und Fortbildung auf die fußballbezogene außerschulischen politischen Lernorte aufmerksam gemacht und bekommen entsprechende Schulungen. Dabei spielen zwei wesentliche Anforderungen an den außerschulischen Lernort eine Rolle. Einerseits ist das Interesse der Lehrkräfte für die Auswahl des außerschulischen Standorts eine essenzielles Kriterium, andererseits wird damit dem methodischen Dreischritt Rechnung getragen, d. h. die Lehrkräfte werden zu Expertinnen und Experten für diesen außerschulischen Schulort und sorgen für eine entsprechende Vor- und Nachbereitung sowie eine entsprechende Durchführung vor Ort. Dies verringert ein allgemeines Risiko beim Besuch von außerschulischen

Lernorten, das Ciupke (2014) wie folgt beschreibt: "Der Reise wie der Exkursion wird oft noch unterstellt, im Gewande einer Bildungsveranstaltung oberflächliche Erlebnisintentionen und Freizeitinteressen zu bedienen, und so werden sie mit purem Kulturtourismus assoziiert" (S. 503).

Potenziale von Fußballorten erkennen und fördern

Bisher finden sich die außerpolitischen Lernorte mit Fußballbezug fast ausschließlich in Städten, die einen Erst-, Zweit- oder zumindest Drittligisten vorweisen können. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, Fußballorte in den Unterricht einzubeziehen, die auf der Landkarte in eher unterrepräsentierten Fußballregionen auftauchen. Exemplarisch möchte ich meine Idee beispielhaft für zwei Orte in Thüringen skizzieren.

Die Fußballzeitreise in Bad Tabarz

Im thüringischen Bad Tabarz wurde vor einigen Jahren das vermutlich kleinste Fußball-Museum der Bundesrepublik geschaffen. Der Schwerpunkt des Museums liegt auf der Weltmeisterschaft 1954 im Allgemeinen und der Kameradschaft und dem Zusammenhalt der Herberger-Elf im Speziellen. Diese Schlüsselkompetenzen werden in der Fußballzeitreise durch Geschichten weitergetragen, die von den WM-Helden übermittelt wurden. Darüber hinaus bieten sich Möglichkeiten für fächerübergreifendes Lernen. Naheliegend ist hier das Fach Geschichte mit der Entwicklung der deutschen Nachkriegsgeschichte, aber auch Fächer wie Ethik oder Religion, insbesondere wenn man Einzelschicksale wie das von Werner Kohlmeyer betrachtet oder das Leben von Ottmar Walter, der einen Suizidversuch überlebte. Einzigartige Einzelstücke wie eine jahrzehntelalte Ballpumpe bieten zusätzliche Möglichkeiten, zum Beispiel hinsichtlich der Gesetze der Physik. 

Waldstadion Kaffeetälchen in Tiefenort

Wie kommt ein Ort mit 4000 Einwohnerinnen und Einwohnern zu einem Stadion, das doppelt so groß ist? Das Wirtschaftsprinzip der DDR lässt sich (nicht nur) in Tiefenort am Beispiel eines Stadions darstellen: Ein Trägerbetrieb fungiert als Geldgeber und schafft Möglichkeiten, die mit dem Mauerfall hinfällig sind. Fächerübergreifende Optionen bieten sich durch die jeweiligen Volkseigenen Betriebe und deren jeweilige Dienstleistungen. Vor Ort bietet sich zusätzlich die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an.

Schlussbetrachtung

Die beiden kurz angerissenen Beispiele lassen sich beliebig erweitern. Eine Utopie wird im Duden als "undurchführbar erscheinender Plan" (www.duden.de) definiert. Auch wenn meine Utopie sehr nah an der Wahrheit angelegt ist, dann muss die Frage erlaubt sein, warum sie nicht flächendeckend umgesetzt wird und ausschließlich die Städte vom Fußball profitieren, die sowieso an den Vorteilen des professionellen Fußballs partizipieren. Wir sollten das Konzept in der Zeit umsetzen, in der die Stadien leer sind, damit die Utopie in der Zeit danach eben kein unmögliches Vorhaben, sondern fester Bestandteil in der Bildungspolitik wird.

 

Ciupke, P. (2014). Reisend lernen: Studienreise und Exkursion. In W. Sander (Hrsg.), Handbuch politische Bildung  (4. völlig überarb. Aufl.) (S. 501-509). Schwalbach/Ts.: WOCHENSCHAU-Verlag.

Detjen, J. (2007). Politische Bildung für bildungsferne Milieus. Politik und Zeitgeschichte, 32-33, 3-8.

Duden (o.J.). Utopie. Letzter Zugriff am 31.08.2020 unter www.duden.de/rechtschreibung/Utopie.

Lernort Stadion (o.J.). Lernort Stadion. Letzter Zugriff am 31.08.2020 unter www.lernort-stadion.de.

Vosgerau, S. (2014). Lernort Stadion – Was Fußball zur politischen Bildung beitragen kann. Unsere Jugend, (6), 247-256).

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