Das Feld der "Barfuss-Historiker"

Erinnerungsarbeit hängt im Fußball immer noch am Engagement einzelner Personen. Podiumsrunde nimmt Vereine und Verbände in die Pflicht.

Alexander Schmidt, Lorenz Peiffer, Moderatorin Birgitt Glöckl und Alexander Feuerherdt (v.l.)
© C. Schirmer

Lange hat es gedauert, bis man sich an die Geschichte und Rolle der Fußballvereine zur Zeit des Nationalsozialismus gewagt hat. Die Initiative ging dabei allerdings nicht von den Vereinen und Verbänden aus - einzelne Engagierte nahmen sich der mühsamen Aufgabe an, in den Archiven zu recherchieren.

Bis heute gibt es keine Strukturen im professionellen Fußball, die sich nachhaltig mit dem Thema befassen. Die Arbeit hängt weiter an sogenannten "Barfuss-Historikern", was Sporthistoriker Prof. Lorenz Peiffer beim Podiumsgespräch "Mehr als nur Fußball" am Montag vehement kritisierte. Er forderte neben Vereinen und Verbänden auch die Städte und die Universitäten auf, sich an Forschung und Präsentation zu beteiligen - die gesellschaftliche Relevanz des Fußballs sei dafür das entscheidende Argument.

Nicht nur die positiven Seiten aufzeigen

Allzu oft blieben in der heutigen Fußballwelt allerdings Marketing-Aspekte ausschlaggebend - immerhin sorgt die Aufarbeitung der eigenen Geschichte für Aufmerksamkeit und prinzipiell positive Resonanz. Wichtig dabei sei allerdings nicht nur die Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Regimes, sondern auch die eigene Verwicklung in das System zu thematisieren. Sonst, so Alexander Schmidt vom Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, könne es gerade bei diesem Thema schnell zu negativen Effekten führen.

Publizist Alex Feuerherdt fehlt zudem oft die Glaubwüdigkeit. Er sieht das eigentlich vorbildliche Engagement des FC Bayern sehr kritisch: Immerhin kooperiert der Branchenführer sehr eng mit Katar, einem Land, das Israelis nicht einreisen lässt und das Judentum nicht als Religion anerkennt. Dass ein entsprechender Sponsorenvertrag am Holocaust-Gedenktag bekanntgegeben wurde, lege den Mangel an Bewusstsein erst recht offen.

Ausstellung noch bis 24. April im Haus eckstein zu besuchen

Die Bedeutung der  Ausstellung "Verehrt - Verfolgt - Vergessen" über Opfer des Nationalsozialismus beim FC Bayern München soll durch die Kritik am Gesamtpaket nicht geschmälert werden. Es lohnt sich also noch im eckstein vorbei zu schauen - bis 24. April 2018 können Sie die Lebenswege verfolgter und ermordeter Funktionäre beim deutschen Rekordmeister erforschen.

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