Talentförderung für Spielerinnen

im Deutschen Fußball Bund
von Prof. Dr. Claudia Kugelmann und Yvonne Weigelt-Schlesinger
Mädchen- und Frauenfußball in Deutschland entwickelt sich prächtig. Besonders als Folge der beachtlichen Erfolgsserie der Frauen-Nationalmannschaft: Weltmeisterinnen 2003, Europameisterinnen 2005. Aber auch die männlichen Idole der Fußball WM 2006 in Deutschland gaben vermutlich für viele Mädchen – sei es im Breiten- oder im Leistungssport – Anlass zum Nacheifern.
Im Deutschen Fußball Bund sind derzeit 955.188 weibliche Mitglieder registriert, davon haben sich allein 52.694 Mädchen und Frauen in der Saison 2006/2007 neu in den Vereinen angemeldet (vgl.: DFB-Mitgliederstatistik 2007). Vergleicht man die Mitgliederzahlen der Mädchen (unter 16 Jahre) aus dem Jahr 2000 mit 2007, so sind Zuwachsraten von über 40 Prozent zu verzeichnen. Damit einher geht die deutliche Steigerung bei den Mannschaften: Im Vergleich der Jahre 2006 und 2007 wurden mit 6.292 Teams über 20 Prozent mehr Mädchen-Mannschaften zum Spielbetrieb in den 21 Landesverbänden gemeldet. In der noch immer nachwirkenden Begeisterung über die Männer-WM sollte allerdings zweierlei nicht vergessen werden: Erstens findet in diesem Monat in China die Frauenfußball-Weltmeisterschaft statt. Zweitens wird die Frauenfußball-WM 2011 voraussichtlich hier in Deutschland ausgetragen. Dabei geht es um Spitzensport, wenn dieser auch nicht so Fokus der Öffentlichkeit steht wie die WM der Männer.
<dl><dt>In den Auswahlteams der Länder sind die besten Fußballerinnen der Welt aufgeboten. Gerade im Hinblick auf diese beiden Großereignisse 2007 und 2011 ist es für die Entwicklung von talentierten Spielerinnen besonders wichtig, ihnen alle Chancen für eine gleichberechtigte Partizipation an den Talentförderprogrammen des DFB zu gewähren, damit sie diese Angebote auch wahrnehmen können. </dt></dl>
Dass dies zwar auf einem guten Weg, aber dennoch nicht immer der Fall ist, zeigen die Ergebnisse der Untersuchung „Mädchenfußball unter der Lupe“, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von der Forschungsgruppe Mädchenfußball des Instituts für Sportwissenschaft und Sport der Universität Erlangen-Nürnberg durchgeführt wurde.
Nachholbedarf bei der Förderung talentierter Fußballerinnen
Talentierten Spielerinnen stehen sehr viele Möglichkeiten zur Verfügung eine optimale Förderung zu bekommen – das geht aus den Ergebnissen der Studie hervor (siehe Abbildung). Die Art und Weise der Förderung ist allerdings regional bedingt und in einigen Landesverbänden noch nicht besonders strukturiert. Ein Spitzentalent im Mädchenbereich hat dementsprechend die Möglichkeit, am Vereinstraining (möglicherweise gekoppelt mit einer sportbetonten Schule) und am Stützpunkttraining (entweder DFB-Stützpunkt-, oder Mädchenstützpunkt) teilzunehmen.
Zusätzlich besteht die Möglichkeit zu Trainingsmaßnahmen in den genannten Auswahlmannschaften, um sich dort mit den besten Spielerinnen des Kreises, des Bezirks, des Landesverbandes oder des gesamten Bundesgebiets zu messen. Mädchen profitieren allerdings unverhältnismäßig weniger als Jungen vom DFB-Stützpunktprogramm, welches jährlich mit einer stolzen Summe von 10 Millionen Euro bezuschusst wird. Ca. 22.000 Kinder und Jugendliche werden dort einmal pro Woche geschult. Davon sind nur 604 Mädchen, das entspricht ungefähr 3% (Stand Dez.: 2006). Eine ebenso geringe Teilhabe des weiblichen Geschlechts zeigt sich bei den an den Talentstützpunkten beteiligten Trainern und Stützpunktkoordinatoren. Beispielsweise ist unter 29 hauptamtlichen Stützpunktkoordinatoren nur eine Frau vorzufinden und von 1200 lizenzierten Trainern arbeiten 11 Trainerinnen an den Stützpunkten (Stand: Oktober 2006). Dementsprechend ging die Forschungsgruppe gezielt den Fragen nach, durch welche Faktoren diese ungleiche Förderung ausgelöst wurde und inwiefern sie sich beheben lässt.
Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist, dass die Integration und Förderung von ganz besonders talentierten Spielerinnen in das DFB-Stützpunktprogramm bereits gelungen ist. Die Defizite zeigen sich jedoch im Hinblick auf eine breiter angelegte Suche, Auswahl und Förderung talentierter Mädchen. Im Folgenden die – möglichen – Gründe, warum so wenige Mädchen wirklich etwas vom DFB-Stützpunktprogramm haben:
- Die verschiedenen Beteiligungsgruppen am Stützpunktprogramm (Verband, Vereine, Stützpunkt-TrainerInnen, VereinsTrainerInnen, Eltern, Schule, Spielerinnen) sind sich nicht einig über die Ziele einer Förderung oder machen diese nicht bis an die Basis transparent.
- Schulen, Eltern und Medien unterstützen die talentierten Spielerinnen zu wenig.
- Mädchen müssen erst ihr fußballerisches Können unter Beweis stellen, bevor sie von den Jungen am Stützpunkt akzeptiert werden.
- Spielerinnen würden sich wohler fühlen, wenn noch mehr Mädchen am Stützpunkt trainieren.
- Nur wenige Stützpunkt-TrainerInnen beteiligen sich an mädchenfußballspezifischen Aus- oder Weiterbildungen.
- Verantwortliche bewerten die physischen Ressourcen der Stützpunktspielerinnen schlechter als diese sich selbst einschätzen.
- Sichtungsmaßnahmen für Mädchen bleiben unausgeschöpft.
Was tun?
Die Studie der Forschungsgruppe Mädchenfußball bietet aus diesen Erkenntnissen heraus Lösungsmöglichkeiten und Handlungsempfehlungen an, um all diese Defizite zu durchbrechen: Durch gezielte Verbesserungen sollen talentierte Spielerinnen die Chance haben, alle Möglichkeiten der Talentförderung im DFB voll auszuschöpfen. Durch die Lupe wissenschaftlicher Analysen und Diagnosen betrachtet, profitieren talentierte Mädchen:
- durch eine bessere Verständigung zwischen DFB – Verbänden – Vereinen und talentierten Spielerinnen,
- durch bessere Informationsbereitstellung auf den einzelnen Homepages der Landesverbände bezüglich der Fördermöglichkeiten für talentierte Spielerinnen,
- durch eine gezielte Begleitung und Förderung talentierter Spielerinnen seitens der Vereins- aber auch der StützpunkttrainerInnen,
- durch eine gezielte Ermutigung, dass sie ihre Ziele noch stärker verfolgen und gegenüber Betreuungspersonen ihres Umfeldes auch äußern,
- von einer geschlechtersensiblen Fußballtraineraus- und -fortbildung,
- durch die Verbesserung der Kommunikation zwischen den einzelnen Stützpunkten und den regionalen Medien zur Unterstützung und Sichtbarmachung von talentierten Spielerinnen,
- von Kooperationen mit Schulen, Eltern, Vereinen, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft,
- durch den gezielten Einsatz von gut ausgebildeten Trainerinnen,
- durch gezielte Sichtungsmaßnahmen (auch in Mädchenmannschaften).
Im Anschluss an das Forschungsprojekt wäre es optimal, eine kooperative Planungsgruppe zu bilden. Dann könnten sich alle relevanten Gruppen (Spielerinnen, StützpunkttrainerInnen, VereinstrainerInnen, Eltern, Schule, Medien, Wissenschaft) an einem (Neu-) Konzept der Talentförderung beteiligen. Um künftig die aus der Studie gewonnenen Ergebnisse zu verbessern und auszubauen, sind der DFB und seine Landesverbände eingeladen und aufgefordert, die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen.
PROF. DR. CLAUDIA KUGELMANN
Prof. Dr. Claudia Kugelmann ist Akademiemitglied und seit 1995 Professorin für Sportpädagogik und Sportdidaktik an der Universität Erlangen-Nürnberg. Sie habili-tierte zum Thema „Weiblichkeitszwang – Körperpolitik- Sport“. Ihre Arbeitsschwer-punkte liegen u.a. in den Bereichen Frauen- und Geschlechterforschung, sowie Mädchen- und Frauenfußball. Sie ist Dekanin der Erziehungswissen-schaftlichen Fakultät und Leiterin der Forschungsgruppe Mädchenfußball an der Universität Erlangen-Nürnberg.
YVONNE WEIGELT-SCHLESINGER
Yvonne Weigelt-Schlesinger ist Mitglied der Forschungsgruppe Mädchenfußball an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitbegründerin des Netzwerkes
F_in Frauen im Fußball. Sie promovierte in Tübingen zum Thema: Geschlechterstereotype als Qualifikationsbarrieren von Trainerinnen im Frauenfußball. Yvonne Weigelt-Schlesinger besitzt außerdem die Fußballtrainer B-Lizenz.








