Regionalliga-Reform 2012

Zur kommenden Saison (2012/2013) stehen im Amateurfußball erneut Umstrukturierungen an: Aus den bestehenden drei Regionalligen (Nord, West und Süd - aktuell 4. Liga) werden in Zukunft fünf und die Organisation, die vorher beim DFB lag, übernehmen die Landes- bzw. Regionalverbände. Ziel ist es, die Schnittstelle zwischen Profi- und Amateursport sowohl attraktiv als auch finanzierbar zu gestalten.

So stellte sich die Situation in Liga 4 zuletzt dar: Zum einen hohe Hürden bei der Lizenzvergabe zum anderen zu geringe Einnahmen - mit dem Ergebnis, dass immer mehr Amateurvereine Insolvenz anmelden mussten. Die Lösung sollte also heißen: Gesund schrumpfen. Denn - so machte etwa der Wendelsteiner Anstoß klar - es gehe um Amateursport, was oft bedeute, dass Funktionäre ehrenamtlich arbeiten und die Spieler nebenbei noch einem Beruf nachgehen.

Nun soll also alles besser werden: Mit deutlicher Mehrheit beschloss der DFB-Bundestag bereits im Herbst 2010 eine Reform, die von Amateurvereinen ausging, aber auch die Interessen der Profi-Klubs (Stichwort: Nachwuchsförderung der U23-Mannschaften mit sportlich starken Gegnern) aufnahm. Gerade in Bayern, wo es ab der neuen Saison eine eigene Regionalliga gibt, verspricht man sich viel von der Aufwertung der bisherigen Bayernliga - gerade in Bezug auf Attraktivität und Zuspruch von Sponsoren.

Doch genau hier hält unser Gastautor Ernst Werner Schneider dagegen: Sportlich zu schwach werde die neue Regionalliga Bayern aufgestellt sein, vor allem im Vergleich zu den traditionsstarken Ligen Nord und West. Durch die an vielen Stellen unnatürliche Grenzziehung müsse auch weiterhin mit niedrigen Zuschauerzahlen gerechnet werden. Das habe bereits die Historie mehrfach gezeigt. Probleme entstünden zudem durch die notwendig gewordene Umstrukturierung der unteren Ligen. Aber lesen Sie selbst.

Ist die Regionalliga Bayern konkurrenzfähig?

von Ernst Werner Schneider

Alle paar Jahre müssen sich die Spitzenvereine im Amateurlager als Versuchskaninchen behaupten! Wieder einmal wird ab der Saison 2012/13 von Seiten des DFB an den Regionalligen als Unterbau zu den Profiligen herumgebastelt als handelte es sich dabei um einen zum Tode geweihten Patienten. Mal besteht die Regionalliga aus vier Staffeln, dann erfolgt die Verteilung in drei Gruppen und sogar eine Zweiteilung musste die eigentlich geografisch feststehende Grenze der Regionen über sich ergehen lassen. Und die Aufteilung in fünf Staffeln – die gab es doch zwischen 1963/64 bis 1973/74 als Nachfolger der fünf alten Oberligen auch schon.

Als geeigneter Unterbau zu den drei höchsten eingleisigen Spielklassen wäre gegen die Wiederbelebung der alten historischen Ligen nichts einzuwenden. Doch anstatt die Verbände Bayern, Baden Württemberg und Hessen in der jetzigen traditionellen Regionalliga Süd zu lassen, soll ab der Saison 2012/13 die höchste Spielklasse des Freistaats seine eigene Regionalliga erhalten, während die Teams der alten Regionalliga Südwest (bis 1974) zu den verbleibenden Südklubs stoßen.

Nachvollziehbar wäre noch gewesen, wenn sich die Vereine aus Bayern und Hessen in einer Liga sowie Baden-Württemberg mit dem Südwesten in der anderen Staffel um Punkte streiten. Eine gewisse Spielstärke wäre noch vorhanden.

Gab es doch Erfahrungen aus den Süddeutschen Endrunden zu Beginn der 1930er Jahre als 1931/32 acht Teams aus Bayern, Baden und Württemberg in einer Südoststaffel bzw. acht Klubs aus Hessen und des Südwesten (Nordweststaffel) ihre drei Endrundenteilnehmer zur Deutschen Meisterschaft ermittelten. Ein Jahr später änderte man den Modus in die Staffeln Ostwest und Nordsüd, womit eine Rotation zum Ausdruck kam.

Nord und West stehen für Tradition, Attraktivität und Qualität

Dagegen können die Regionalliga Nord und die des Westens auf alte Traditionen zurückgreifen, so dass mehr Derbys statt finden, womit die Attraktivität für die Zuschauer steigt. Gar die Traditionen der DDR-Oberliga können die Vereine des Nordostens aufleben lassen, die Rivalität zwischen den Spitzenklubs aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sorgt für Zündstoff. Nicht ganz so stark dürfte die zusammen gewürfelte Regionalliga Süd-Südwest sein, wo lediglich Eintracht Trier als Zugpferd des Südwestens für die hessischen und baden-württembergischen Teams angesehen werden kann.    

Nach meiner Meinung dürfte die Spielstärke der neuen Regionalliga Bayern gegenüber den vier anderen Regionalligen nur wenig auszurichten haben. Diese Bayernliga bekommt nur eine sportliche Aufwertung von der Fünft- in die Viertklassigkeit. Aber welche Teams kommen aus der Noch-Regionalliga? Außer dem FC Memmingen und Bayern Alzenau (dessen sportliche Heimat seit Jahren in Hessen ist) doch nur die fünf zweiten Garnituren der Profiklubs.

Ein Blick auf die Zuschauerzahlen der letzten Jahre sorgt zusätzlich für Ernüchterung. Selbst zu „Schlagerspielen“ wie beispielsweise FC Memmingen gegen den Würzburger FV dürften in der nächsten Saison doch kaum über 1.000 zahlende Zuschauer zu erwarten sein. Die einstigen Traditionsvereine FC Schweinfurt 05, SpVgg Bayern Hof und SpVgg Bayreuth befinden sich seit Jahren in einer Lethargie, so dass die einstigen fränkischen Größen ebenfalls die durchschnittliche Marke von 1.000 Zuschauern verfehlten. Spitzenreiter Schweinfurt kam auf  913 (2010/11), Hof war Dritter mit 688 vor FC Eintracht Bamberg (620) und der SpVgg Bayreuth (615). Mit solchen Zahlen ist der Überlebenskampf angesagt. Aus wirtschaftlichen Gründen hatte der FC Ismaning bei einem Schnitt von 409 (!) als Bayernligameister schon keine Lizenz für die Regionalliga beantragt, so dass der FC Ingolstadt II als Zweiter das Aufstiegsrecht wahrnehmen durfte. Das große Dilemma ist das das Fehlen von lukrativen Gegnern. Aber selbst der heutige Bundesligist FC Augsburg verfehlte in der Spielzeit 2001/02 mit einem Schnitt von 981 Zuschauern hinter Bayern Hof (995) in der Bayernliga die 1.000er-Marke. Und welcher Sponsor möchte bei solchen mickrigen Zahlen eine höhere sechsstellige Summe locker machen?

Können die Traditionsvereine so überleben?

Von einem Problemfall „Dritte Liga“ schrieb der Kicker in seinem Bundesliga Sonderheft 2011/12 auf S. 201. Da kamen lediglich sieben Vereine in den Genuss, dass über 5.000 Anhänger zu ihren Heimspielen strömten. Die Schlusslichter bildeten die drei zweiten Mannschaften der Bundesligisten FC Bayern München (1.078), Werder Bremen (1.014) und VfB Stuttgart (748). Durch mehr Derbys wollte man die vierte Liga (Regionalliga) wieder etwas aufmöbeln, wogegen eigentlich nichts einzuwenden ist: Einerseits sind die Anfahrtswege zu den Auswärtsspielen kürzer, andererseits besitzen viele Spiele in der Nachbarschaft eine gewisse Tradition, zumal es um das eigene Ansehen geht.

Aber wer geht in einer Regionalliga schon gerne zu Spielen gegen Vereine wie den TSV Buchbach, SV Seligenporten oder SV Heimstätten – immerhin Bayernligisten der Saison 2010/11, die allesamt den Klassenerhalt geschafft hatten. Negative Beispiele gibt es doch genug. Nach seinem Abenteuer in der Regionalliga erlebte der SC Feucht den sportlichen und finanziellen Abstieg. Selbst Traditionsvereine vom Kaliber der SpVgg Ansbach erlebten den Absturz, die SpVgg Weiden, einst in der alten Regionalliga Süd (1965/66), musste während der letzten Saison in der Regionalliga seinen Spielbetrieb einstellen und in Insolvenz gehen.     

Derweil wurde von mir das bayerische Spielklassen-System im Buch „Der weite Weg zur Europaliga“ (S. 62) als noch gelungen gelobt, weil es dem BFV bereits 1963 gelungen war, die Ligenstruktur nach unten hin pyramidal aufzufächern und somit eine transparente Auf- und Abstiegsregelung gewährleistet. Die einzige Änderung geschah zur Spielzeit 1988/89 mit der Einführung von sieben Bezirksoberligen, womit die seit 1946 zweigeteilte Bezirksliga (in Oberbayern und Unterfranken gab es zeitweise drei Staffeln), um eine Spielklasse abgestuft wurde.

Die Liga-Reform weckt bei mir Erinnerungen an die Spielzeit 1921/22 als der BFV seine beiden Kreisligen (damals höchste deutsche Spielklasse!) in vier Staffeln teilte, um nur ein Jahr später wieder auf die Zweiteilung in Südbayern und Nordbayern zurückzugehen. Zur Saison 1923/24 kam es dann zur Einführung der Bezirksliga, womit beide Spielklassen wie schon bis 1913/14 (Ostkreisliga) wieder vereint wurden. Die Schritte nach 1922 bewirkten uninteressante Partien wie der FC Bayern München gegen die SpVgg München oder SpVgg Fürth gegen TV 1860 Schweinau – die in beiden Staffeln alles andere als Kassenschlager waren. Durch diese Radikalkur erfolgte innerhalb von zwei Jahren für einige Vereine der sportliche Abstieg in die Drittklassigkeit, woraus diese nicht mehr herauskamen.

Im Unterbau werden gewachsene, sporthistorische Grenzen ignoriert

Keine Neuheit ist die Bayernliga Nord und Süd als zweithöchste bayerische Spielklasse. Als Unterbau ersetzen diese beiden Ligen die drei Landesligen. Aber die Amateurliga Nordbayern und Südbayern konnte zwischen 1946/47 und 1947/48 sowie 1953/54 und 1962/63 wenigsten auf die stärksten bayerischen Vereine zurückgreifen. Ab der nächsten Saison befindet sich der Käse lediglich in einer neuen Schachtel und würde auf dem Niveau der Landesligen bleiben, so dass die Zuschauerzahlen des TuS Frammersbach von 474 als Spitzenreiter aller Landesligisten nur unwesentlich überschritten werden dürften.

Zu einer Sprengung der sporthistorischen Grenzen wird die Einführung der fünf neuen Landesligen als Ersatz für die sieben Bezirksoberligen führen. Da werden Vereine aus den Randgebieten einfach in andere Bezirke geworfen, so dass sich unter Umständen schwäbische Vereine plötzlich einer Schar von Mittelfranken ausgesetzt sehen. Der TSV Nördlingen könnte die Spiele gegen TuS Feuchtwangen noch halbwegs als Derby ansehen. Aber die weite Reise zur SpVgg Erlangen oder zum FC Hersbruck wäre bestimmt alles andere als lukrativ.

Selbst die politischen Bezirksgrenzen waren bis dato für Vereine kein Hindernis in einem anderen Fußballbezirk zu spielen. Seine sportliche Heimat sieht beispielsweise der ASV Neumarkt nicht in der Oberpfalz, sondern durch seine Nähe mehr zum Ballungsraum Nürnberg. Dennoch zählt der einstige Bayernligist als Vorletzter aller Landesligisten in der Zuschauergunst mit einem Schnitt von 93 zu den Sorgenkindern, noch schlechter war nur Wacker Burghausen II. Vielleicht wäre man besser beraten gewesen die sieben Bezirksoberligen um eine Staffel zu verringern, dann hätte man nicht nur jeweils drei Aufsteiger, man könnte die Sportgrenzen beibehalten und müsste lediglich die Vereine aus den mitgliederschwachen Bezirken der Oberpfalz und Niederbayern vereinigen, so dass gewisse Rivalitäten aus der Steinzeit des bayerischen Fußballs zu neuem Leben erweckt werden.

England als schlechtes Vorbild

Ohnehin wird die Bayernliga nicht mehr die Spielstärke früherer Tage erreichen. Denn durch die Einführung der dritten Liga gingen attraktive Gegner verloren. Gegen die horrenden Gagen der teils abgehalfterten Spieler in der Bayernliga (!) konnten viele beliebte Traditionsvereine nicht mehr mithalten, womit der sportliche Abstieg seinen Lauf nahm. Der FC Lichtenfels, VfB Coburg, Schwaben Augsburg, Wacker München, TSV Straubing oder die SpVgg Landshut zählten zu den Opfern. Ihre Rückkehr in das bayerische Oberhaus ist mehr als fraglich …

Wenn man sich beim DFB und dem BFV an der Football League orientieren will, dann sollte man bitte auch einen Blick auf die Sorgen der 48 Teams in der dritten und vierten Spielklasse in England werfen. Da gibt es nicht wenige Vereine, die einen Schnitt von unter 2.000 Besuchern haben. Eine Reihe von FA-Liga Vereinen traten in den letzten hundert Jahren freiwillig den Weg in die Non-Football League an. Erstes prominentes Opfer war das Gründungsmitglied der Football League (1888) FC Accrington, das bereits zur Saison 1921/22 für ein Jahr den freiwilligen Gang in die englische Amateurliga antrat. Nach der Rückkehr als Stanley Accrington musste der Verein nach 33 Spielen während der Spielzeit 1961/62 schließlich Konkurs anmelden. Seitdem spielt der Klub als Accrington FC in der Non-Football League.

Ernst Werner Schneider

ist Fußballhistoriker mit Wirtschaftsabschluss und freier Lokalredakteur bei der Windsheimer Zeitung. Seit 1999 gab es unter seinem Namen die Herausgabe mehrerer Bücher über den internationalen Fußball (im Selbstverlag). In Zusammenarbeit mit Klaus Bartlewski entstand die fünfteilige Reihe „Die TOP 100 Vereine der Europäischen Union“. Die beiden Autoren machten sich aber auch Gedanken über ein europäisches Liga-System, das eines Tages die Champions League und Europa League ablösen könnte. Ihre Grundlagen sammelten Schneider und Bartlewski aus der Entwicklung der Spielklassen in verschiedenen europäischen Verbänden, insbesondere in Deutschland.