Erwachen aus dem „großen Traum“
Der aktuelle Kinofilm "Der ganz große Traum" mit Daniel Brühl beschreibt Konrad Koch als einen fortschrittlichen Pazifisten, der den Fußballsport gegen die Widerstände der konservativen Gesellschaft in Deutschland etablieren will. Fußball-Historiker Malte Oberschelp hat sich detailliert mit der historischen Person auseinandergesetzt und berichtet von einigen gravierenden Unterschieden zwischen Realität und filmischer Überhöhung.
Als Konrad Koch am 29. September 1874 mit dem Turnlehrer August Hermann einen Fußball unter seine Schüler warf, hatte er keine Ahnung, welche Folgen das haben würde. Der Oberlehrer am Braunschweiger Gymnasium Martino-Katharineum glaubte lediglich, ein Mittel gegen das „Stubenhockerthum“ und die Kneipentouren der Schüler gefunden zu haben. Stattdessen wurde Koch zum ersten Förderer eines Spiels, das heute Millionen begeistert.
Der Spielfilm „Der ganz große Traum“, der gerade in den Kinos läuft, ruft den Pionier wieder in Erinnerung. Allerdings hat der Konrad Koch des Films nicht sehr viel mit der historischen Figur und ihrem Kontext gemein. Zum Beispiel warf Koch in Braunschweig zunächst einen Rugbyball auf das Spielfeld. Der heutige Fußball fand erst ab Mitte der 1880er Jahre den Weg nach Deutschland, und selbst danach blieb Koch lange ein Fan der alten Spielweise.
Eher mit, als gegen den Strom
Auch den Widerstand der Lehrer, des Fördervereins sowie der Schulverwaltung, die im Film den Fußball verbieten wollen, gab es so nicht. Tatsächlich haben sowohl die Schule als auch die Behörden des Herzogtum Braunschweig Kochs Fußballversuche unterstützt. Die Schulbehörde etwa bewilligte Koch 1878 einen jährlichen Etat von 200 Reichsmark, um Bälle und andere Spielgeräte anzuschaffen. Die Gegner des Fußballs kamen eher von außerhalb. Besonders die Deutsche Turnerschaft und die Turnlehrerverbände waren gegen das Spiel.
Insgesamt wird Konrad Koch in „Der ganz große Traum“ viel zu fortschrittlich dargestellt. Im Film tritt er als moderner, fast schon antiautoritärer Englischlehrer auf, der die verkrusteten deutschen Schultraditionen aufbrechen will. Dazu ist er im militärverliebten Kaiserreich Pazifist. Tatsächlich war Koch ein konservativer und patriotischer Mensch, der Latein und Griechisch unterrichtete und dessen Reformeifer sich auf Fußball und Cricket beschränkte.
Fußball nur Ergänzung zum Turnen
Die Schlacht bei Sedan, die im Film seinen Antimilitarismus illustriert, war für Koch wie für die meisten Deutschen das wichtigste Ereignis der jüngeren Vergangenheit. Um des Sieges über Frankreich und damit der Reichsgründung zu gedenken, führte er in Braunschweig die Sedan-Festspiele ein. Dort traten einmal im Jahr die Jugendlichen der Stadt in leichtathletischen Übungen an. Und zu Ehren des Eisernen Kanzlers gab es an dessen Geburtstag am Martino-Katharineum einen Fußballwettkampf zwischen zwei Schulklassen.
Grundsätzlich anders als dargestellt war auch Kochs Motivation, den Fußball in Deutschland einzuführen. Für ihn war das Spiel die perfekte Ergänzung des Turnens. In erster Linie war der Fußball für die Schüler im Turnunterricht und die Erwachsenen in den Turnvereinen gedacht, um die Einseitigkeit der Geräteübungen auszugleichen. Deshalb bezeichnete Koch Fußball auch als „Turnspiel“ und lehnte, auch wenn das paradox klingen mag, den Sport ab. In den schweren Auseinandersetzungen, die es damals zwischen Turnern und Sportlern gab, stand er meist auf der Seite der Turner. Koch geißelte etwa die etwa bunten Trikots, die die Fußballer im Sportklub nach englischem Vorbild trugen. Auch Spiele gegen ausländische Teams, Training, große Zuschauermengen und vor allem den Professionalismus lehnte er ab.
Nicht ohne eine kleine persönliche Tragik
Genau darin liegt die Tragik Kochs. Die Turner, für die er den Fußball vorgesehen hatte, lehnten das Spiel bis auf wenige Ausnahmen ab. Stattdessen blühte und gedeihte der Fußball in den Sportklubs. Mit der Entwicklung des Fußballs zum kommerziellen Massensport wäre Koch deshalb nicht einverstanden. Den eindeutigen Schritt zum Sport vollzog erst die Generation nach ihm, etwa in Gestalt des Vereinsgründers Walther Bensemann.
Das einzige, das im heutigen Fußball noch an Koch erinnert, ist seine Übertragung der Fachbegriffe aus dem Englischen. Auch um die englische Herkunft des Spiels gegenüber dessen Gegnern zu verschleiern beschäftigte er sich jahrelang mit den passenden Übersetzungen. Zugleich geißelte er martialisch jene Fußballer, die englische Ausdrücke verwendeten – und seien es Kinder. „Jeder deutschfühlende Zuschauer kommt in Versuchung, einem solchen Bürschchen, wenn es von ‚Goal’ und von ‚kicken’ spricht, handgreiflich dazuthun, wie wenig sich das für einen deutschen Jungen paßt“, schrieb Koch 1901.
Deshalb ist es auch nicht sehr wahrscheinlich, dass Konrad Koch seine Schüler, wie im Film, jemals mit einem herzhaften „Hip Hip Hurray“ auf dem Fußballplatz begrüßt hat.
Das Buch „Der Fußball-Lehrer. Wie Konrad Koch im Kaiserreich den Ball ins Spiel brachte“ von Malte Oberschelp ist bereits 2010 beim Werkstatt-Verlag erschienen. Der Autor wertete eine Vielzahl von Kochs Schriften und bisher verschüttete Quellen aus. Dem Leser verschafft er so einen Zugang zu den frühsten Entwicklungsschritten des Fußballs in Deutschland.











