Fußball-Kultur in der Hauptstadt
Wenn der 1. FC Union und Hertha BSC in ihrem allerersten Pflichtspiel aufeinandertreffen, wartet eine ganze Stadt elektrisiert auf den Anpfiff. Berlin bebt! Die Hauptstadt-Journallie überschlägt sich seit Tagen regelrecht in ihrer Berichterstattung. Da werden Ex-Spieler beider Vereine zusammen mit dem Taxi durch die City gekurvt; Schauspieler dürfen öffentlich erklären, warum sie wem die Daumen drücken; Sänger geben bereitwillig Auskunft, ob sie sich in rot- oder blau-weißer Bettwäsche lümmeln; und Politiker werden nicht müde zu betonen, dass sie beide, wirklich beide (!), Vereine total knorke finden.
Schnell wird klar: Im Hier und Jetzt ist in Berlin sogar Zweitliga-Fußball Gesprächsthema Nummer 1, ehe bald wieder die schnöde Defensivtaktik vom SC Paderborn und die Auswärtsaufstellung des FSV Frankfurt freudetrunken eingebimst werden müssen. Ob die weltweit hippe Kapitale Deutschlands – wenn schon sportlich zweitklassig – derzeit wenigstens fußballkulturell erstklassig ist, hat die Fußball-Akademie bei ihren Mitgliedern versucht in Erfahrung zu bringen...
Glaubt man Schriftsteller Thomas Brussig ist die Antwort auf die Frage schnell gefunden: "Wer in Berlin in eine Fußballkneipe geht, sollte das so heimlich tun, als ginge er ins Sexkino. Ich hab noch nicht eine Kneipe gefunden, die ich o.k. finde. Es gibt zwar einige bekannte, z.B. das legendäre "Café King", wo die Fäden des Hoyzer-Skandals zusammenliefen - aber das sind alles keine Orte, wo ich jemanden mit gutem Gewissen hinschicken könnte."
Gerd Dembowski hält dagegen und verweist vor allem auf die Kneipen der Exil-Fans in Berlin. Etwa das "Niedersachsenstadion" für die Anhänger von Hannover 96 (www.dasroteberlin.de) oder das Vereinslokal der THC Franziskaner FC Kreuzberg, einer alteingesessenen St. Pauli-Fan-Kneipe. Im Wilde 13 werden sämtliche Spiele des SV Werder Bremen gezeigt. Wo man hin muss, um während eines Berlinaufenthalts die Spiele der eigenen Mannschaft zu verfolgen, erfährt man hier.
Für Anhänger des SC Freiburg und des 1. FC Köln ist die Schwalbe in Prenzlauer Berg die erste Anlaufstelle. Dort ist jedoch deutlich mehr geboten als die Übertragung der Bundesligaspiele: Lesungen, Diskussionen und Veranstaltungen, die sich alle um das Thema Fußball drehen. Wer Berlin fußballkulturell besuchen will, kommt daher um einen Besuch der Schwalbe nicht herum.
Im Mittelpunkt steht der Ball auch im GOAL - eine Welt für Fußball. Mit Eröffnung des liebevoll dekorierten Ladens erfüllte sich Inhaberin Tülin Duman einen Kindheitstraum. Hier interessiert weniger das Tagesgeschäft Fußball, als dessen Kraft, Menschen und Völker miteinander zu verbinden. Ein Thema, zu dem auch Lesungen und Veranstaltungen statt finden.
Besonders ist auch das Angebot des kleinen Ladens: Von klassischer Fußballkultur (Bücher, DVDs, etc.) über Lifestyle-Produkte bis hin zur Sportausrüstung findet sich ein Querschnitt durch die Fußballwelt. Nicht zu vergessen die Fußballspiele: Vor allem "Tip Kick"-Liebhaber kommen hier auf ihre Kosten.
Fußballkulturellen Glanz in der Hauptstadt versprüht jährlich im Frühjahr 11mm - Das Internationale Fußballfilmfestival, das von Brot & Spiele e.V. durchgeführt wird. Lesen Sie hier mehr über ein Wochenende voller Fußballfilme und warum dafür der Besuch in der Hauptstadt gar nicht mehr zwingend notwendig ist.
Norbert Niclauss eröffnet ein weiteres Feld der Fußballkultur: "Jenseits von Hertha und Union ein Tipp für Nostalgiker: Wer sich für Fußballgeschichte und altehrwürdige Stadien interessiert, sollte dem Mommsen- und dem Poststadion einen Besuch abstatten. Im 1930 gebauten Mommsenstadion beeindruckt - neben der überaus sympathischen Anhängerschaft von Tennis Borussia - vor allem die elegante Tribüne von Fred Forbát im Stil der Neuen Sachlichkeit. Einen veritablen Weimarer-Republik-Look bietet auch das Poststadion, in dem nicht nur Max Schmeling gekämpft hat, sondern der 1. FC Nürnberg auch mal Meister wurde."
Geschichte über den Fußball hinaus bietet natürlich auch das Olympiastadion, worauf die Sportwissenschaftlerin Tanja Walther-Ahrens hinweist. Schon ob seiner Größe faszinierend, beeindruckt die Kombination aus Alt und Neu. Denn bei der Renovierung für die Weltmeisterschaft 2006 mussten sowohl die Anforderungen der FIFA, als auch die des Denkmalschutzes erfüllt werden. Inwiefern das gelungen ist, findet man am Besten bei einem Besuch heraus.
Ein fußballkultureller Streifzug sollte jedoch nicht an den Toren der großen Stadien halt machen. Berlin ist voller kleiner "Stadien" auf denen jede Woche Amateur- und Hobby-Spieler zu Gange sind. Tülin Duman vom Fußball-Laden "Goal" empfiehlt etwa den Besuch eines Spiels der Frauen vom BSV Al Dersimspor, die Protagonistinnen der Dokumentation Football Under Cover sind. Frauenfußball besitzt in der Hauptstadt überhaupt einen besonderen Stellenwert, wofür der Berliner Fußballverband 2010 ausgezeichnet wurde.
Die Berliner Fußballkultur hat durchaus erstklassiges Potential. In welcher Liga am Ende gespielt wird, ist aber dort gar nicht so wichtig. Und so wie in der Zweitklassigkeit der Hertha immer mehr ihren Platz im Olympiastadion finden, so wird jeder Fußballfreund seinen Platz in Berlin finden. Nicht umsonst sitzt 11 Freunde - Magazin für Fußballkultur auch in der Hauptstadt.









