Quotenkönig Fußball

von Jérôme Grad

Viele Spiele, noch mehr Zuschauer und Traumquoten für die TV-Anstalten. Das ist die positive Bilanz für die Sender während der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika. Der Frage nach Berechnung und Ermittlung der Einschaltquoten wird dabei selten nachgegangen.

13.000 Testzuschauer bestimmen über die TV-Quoten

Täglich werden die Einschaltquoten gemessen und veröffentlicht. Ihren Ursprung hat diese Datenerhebung im Jahre 1988. ARD und ZDF gründeten gemeinsam mit der RTL Group und der ProSiebenSat.1 Media AG die Kooperation Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF). Die Gesellschaft für Konsumforschung, kurz GfK, wird mit der Datenerhebung beauftragt und ermittelt täglich die Einschaltquoten im deutschen Fernsehen. Gemessen wird täglich mit dem sogenannten Messsystem Telecontrol XL bei 13.000 Testzuschauern in 5.640 Haushalten. Dabei müssen die Personen mindestens drei Jahre alt, sowie deutsche Staatsbürger oder EU-Ausländer sein. Der sogenannte GfK-Meter, ein schwarzer Kasten, der die Nutzung des Fernsehers und aller daran angeschlossenen Geräte sekundengenau aufzeichnet, dient als Hilfsmittel. Dort müssen sich alle Haushaltsmitglieder während des TV-Konsums einloggen und jeden Programmwechsel dokumentieren. So werden auch Daten übermittelt, wenn der Videotext aktiviert oder manuell aufgenommene Filme auf Band abspielt werden.
Besonders interessant sind diese Daten für die Fernsehsender, die daraus die Preise für Werbespots festsetzen können. Dabei spielt König Fußball eine nicht unerhebliche Rolle. Zu Weltmeisterschaften steigt das Medieninteresse und somit auch das Interesse am Fernsehen.

 

Deutsche Spiele als Quotenkönige

Während des WM-Turniers in Südafrika konnten die öffentlich-rechtlichen Sender mit den deutschen Spielen punkten. Die Vorrundenspiele gegen Australien mit 28,03 Millionen, Serbien mit 22,11 Millionen und Ghana 29,19 Millionen hatten bereits Spitzenquoten.
Während beim Achtelfinale gegen England ein Rückgang auf 25,57 Millionen Zuschauer zu verzeichnen war, sahen gegen Argentinien 25,95 Millionen zu. Dies entsprach einem Marktanteil von 89,2 Prozent, dem höchsten Marktanteil im deutschen Fernsehen eines Fußballspiels während der gesamten Weltmeisterschaft. Dass lediglich knapp 26 Millionen Deutsche das Viertelfinale sahen, kann mit der früheren Anstoßzeit begründet werden.

Die Rekordeinschaltquote wurde beim Halbfinalspiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien erreicht. Durchschnittlich 31,10 Millionen Zuschauer verfolgten das Spiel, was einem Marktanteil von 83,2 Prozent entsprach. (Den bisherigen Spitzenwert hielt das WM- Halbfinale gegen Italien 2006 mit 29,66 Millionen Zuschauern.) In der Spitze verfolgten sogar 32,88 Millionen  - oder in Marktanteilen gerechnet 88,4% - die Begegnung, wie die ARD tags drauf mitteilte. Hinzu kommen noch diverse Public Viewing Veranstaltungen quer durch das Land, die sicherlich auch noch eine beachtliche Zahl von Zuschauern bündelten. "Diese noch nie dagewesenen Zuschauerzahlen bedeuten eine großartige Würdigung der mitreißenden Spielweise und sympathischen Ausstrahlung des deutschen Teams", merkte ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky im General Anzeiger Bonn an.

 

Gebrochene Rekorde bei den Finalteilnehmern

Doch nicht nur in Deutschland, auch im Nachbarland Niederlande hat das WM-Halbfinalspiel zwischen der heimischen Fußball-Nationalmannschaft und Uruguay sämtliche Rekorde gebrochen. Von insgesamt 17 Millionen Einwohnern verfolgten 12,27 Millionen den 3:2-Erfolg der Elftal im Fernsehen. Damit war der Oranje-Triumph die bisher meistgesehene TV-Sendung in der niederländischen Fernsehgeschichte. Auch hier hielt König Fußball mit 11,7 Millionen Zuschauern im WM-Halbfinale 1998 gegen Brasilien den bisherigen Rekord.

Zum Abschluss der Weltmeisterschaft am Wochenende konnten sich die Fernsehanstalten nochmal freuen. Während am Sonnabend 23,62 Millionen Deutsche ihre Mannschaft beim Spiel um Platz 3 verfolgten, waren 25,11 Millionen am Ausgang des Finals interessiert. Der Marktanteil lag bei 71,4 Prozent, bei den werberelvanten 14- bis49-Jährigen bei 70,9 Prozent.
In den Niederlanden interessierte das Finale nach Angaben der offiziellen Stiftung Zuschauerzahlen (SKO) durchschnittlich 8,5 Millionen und damit wesentlich weniger als noch im Halbfinale. Dennoch waren es 55 Prozent der Gesamtbevölkerung - ein beeindruckender Wert.  Ein Grund könnte auch hier das Public Viewing sein, das nicht eingerechnet wurde.
Im Weltmeisterland Spanien saßen während des Spiels in der Spitze bis zu 20 Millionen der etwa 46 Millionen Einwohner vor dem heimischen Bildschirm. Die Verlängerung sahen durchschnittlich 15,6 Millionen Zuschauer, was dem beträchtlichen Marktanteil von 85,9 Prozent entsprach. Spaniens Quotenmesser sprachen am Montag von der bislang „meistgesehenen Live-Sendung im spanischen Fernsehen“.

 

Rekorder, Auswahl und Public Viewing - was sagen die Quoten aus?

In wie weit diese Zahlen allerdings stimmen, kann auf Grund etlicher Faktoren zumindest hinterfragt werden.
Zum Einen kann die Intensität der Nutzung hinterfragt werden. Die Bewertung einzelner Sendungen durch die Zuschauer können von den GfK-Daten nicht erfasst werden. Sie zeigen lediglich an, welche TV-Kanäle wie lange eingeschaltet werden. Schläft zum Beispiel Zuschauer ein oder verlässt den Raum, ohne sich abzumelden, hilft das der Quote des Senders – auch wenn von einer echten Nutzung nicht die Rede sein kann.

Auch die zunehmende Digitalisierung des Fernsehens führte zu einer Verzerrung der Daten. So konnte beispielsweise bis 2007 kein zeitversetzter TV-Konsum mit Hilfe von Festplatten oder DVD-Recordern gemessen werden. Hier arbeitet die GfK an einer Lösung, die 2011 installiert sein soll. Unklar ist noch der Umgang mit diesen Daten. Werden diese zur „Live-Quote“ nachträglich addiert?

Auch die Vergleichbarkeit hinsichtlich der Verfahrensweise gerade zu Daten vergangener Weltmeisterschaften steht zur Diskussion. Erst vor kurzem stellten die Quotenmesser ihr Verfahren um. War es früher eine reine Datensammlung, werden mittlerweile u.a. durch die AGF anhand von Stichproben auch die Anzahl der Gäste in den repräsentativen Haushalten erhoben. Diese bestätigen die GfK-Methode stets als zuverlässig. Ein Schritt in die richtige Richtung, der allerdings einen Vergleich mit früheren Daten erschwert. Auch die Frage, warum lediglich deutsche Staatsbürger und EU-Ausländer an den Messungen teilnehmen dürfen, wurde bislang nicht hinreichend thematisiert.

Abschließend bleibt unklar, in wie weit der große Public Viewing Andrang Berücksichtigung erfährt. Klar ist: Zuschauer an öffentlichen Plätzen werden nicht mitgezählt. Inwieweit sie bei der Berechnung der Preise für Werbeminuten bei TV-Sendern allerdings beachtet werden, bleibt offen.

 

Weitere Informationen

Medienforum NRW

ARD

General Anzeiger Bonn

GfK

AGF


Der Autor

Jérôme Grad, 1985 in Nürnberg geboren, studiert an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und absolviert ein Praktikum bei der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur.