Den Spielbetrieb aufrechterhalten
– aktuelle Forschung zu Fußball im NS
von Nicole Selmer
In den letzten Jahren setzen sich immer mehr Fußballvereine mit ihrer Geschichte während des Nationalsozialismus auseinander. Bücher und Studien widmen sich der Frage, wie sich der Umgang mit dem NS-Regime, seinen Propagandainstrumenten und Restriktionen gestaltete, ob vorauseilender Gehorsam, notgedrungene Anpassung oder gar Widerstand erkennbar ist. Nicole Selmer stellt eine aktuelle Studie zur Geschichte des FC St. Pauli vor.
Noch im Jahr des 100-jährigen Geburtstags des FC St. Pauli wird eine Publikation erscheinen, die sich mit der Geschichte des Vereins im Nationalsozialismus befasst. Beauftragt mit diesem Projekt ist Historiker (und St.-Pauli-Fan) Gregor Backes. Er untersuchte die Biografien von Vereinsmitgliedern, Spielern und Funktionären, aber auch das Agieren des Klubs während des Nationalsozialismus allgemein. Im Rahmen des antirassistischen Einladungsturniers www.antira-stpauli.org der Fanszene von St. Pauli stellte er vor Kurzem einige Ergebnisse der Recherchen vor. Gregor Backes‘ kurzgefasstes Resümee zum Umgang des FC St. Pauli mit dem NS-Regime, lautet: „Opportunismus“. Kein vorauseilender Gehorsam, wie etwa ein frühzeitiger Ausschluss jüdischer Mitglieder oder frühe Parteieintritte der Klubführung. Es gab jedoch auch keinen politisch motivieren Widerstand als Verein oder eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in den Jahren nach dem Krieg. „In erster Linie“, sagt Gregor Backes, „ging es darum, die Vereinsinteressen zu wahren.“
Schwierige Forschungsbedingungen

- Foto: Michael Pahl
Erkennbar wird dies an vielen Beispielen. Im Frühjahr 1933, also einige Monate nach der Machtübernahme durch die Nazis, nahm der FC St. Pauli zwei neue jüdische Mitglieder auf, die vorher vom SV St. Georg ausgeschlossen worden waren: die Brüder Otto und Paul Lang, die die heute noch erfolgreiche Rugbyabteilung des Vereins aufbauten. Gregor Backes: „Es war der Vereinsführung offenbar egal, dass sie Juden waren. Bekannt dürfte es gewesen sein, laut mündlicher Überlieferung hieß es damals, beim FC St. Pauli werde Sport getrieben, der Rest interessiere nicht.“ Otto Lang emigrierte zwei Jahre später. Was aus ihm, seinem Bruder und den anderen jüdischen Vereinsmitgliedern wurde, ob der FC St. Pauli sie vor dem Kriegsbeginn oder erst 1940, als dies von allen Sportorganisationen gefordert wurde, dazu gibt es keine Unterlagen. Denn für seine Forschung stand Backes vor einer schwierigen Aktenlage. Die alten Vereinszeitungen, Mitgliederlisten oder Vereinskorrespondenz gibt es nicht mehr, wie er berichtet: „Laut Aussagen des damaligen Präsidenten Wilhelm Koch wurde alles bei einem Bombenangriff vernichtet. Ich musste einen großen Aufwand betreiben, um überhaupt an verwertbares Material zu kommen und Informationen auszugraben. Manche Fragen, wie etwa die nach den jüdischen Mitgliedern des Vereins, bleiben auch in meiner Arbeit offen.“ An die Brüder Lang erinnert heute eine Gedenktafel am Vereinsgelände.
Was die Mitgliedschaft der Vereinsfunktionäre in der Partei angeht, ist das Bild ambivalent. Der FC St. Pauli wurde nicht von überzeugten Nazis geführt“, sagt Gregor Backes. Ein Foto von 1935 etwa zeigt die Vereinsführung – keiner der Funktionäre trägt Parteiabzeichen oder Uniform. Fest steht jedoch, dass 1937 ein großer Teil der Vereinsoberen der NSDAP beitrat, vermutlich eben weil es den Vereinsinteressen dienlich. Gregor Backes hat sich auch individuelle Biografien genauer angeschaut. Der Bekannteste ist Wilhelm Koch, der mit einigen Unterbrechungen von 1931 bis zu seinem Tod 1969 Vereinspräsident des FC war. Auch er trat 1937 der Partei bei, seine Akte enthält genau ein Dokument: die Eintrittserklärung. Kein glühender Nazi, aber eben Parteimitglied. 1970 wurde das Stadion nach Wilhelm Koch benannt. So hieß es bis 1998, als seine NSDAP-Mitgliedschaft publik wurde und auf einer turbulenten Mitgliederversammlung kritische Fans die Rückbenennung in Millerntorstadion durchsetzten.
Während der Fall Koch bereits ausführlich in Fan- und Vereinskreisen diskutiert wurde, sind die Geschichten anderer Vereinsmitglieder, mit denen sich Gregor Backes beschäftigt hat, noch weniger bekannt: So etwa die von Jugendleiter Walter Köhler, ab 1932 Mitglied der SA, oder Otto Wolff, der in den 1930er-Jahren für die erste Mannschaft spielte. Parteimitglied seit 1930, SS-Standartenführer und als kommissarischer Gauwirtschaftsberater von großem Einfluss in der Hamburger Wirtschaft während des Nationalsozialismus. Wolff bereicherte sich persönlich an der Enteignung jüdischen Eigentums, er wurde nach dem Krieg interniert und wegen seiner SS-Mitgliedschaft zu einer Geldstrafe verurteilt, die mit der Internierung jedoch als abgegolten galt.
In der Nachkriegszeit gründete Wolff die Otto Wolff Versicherungs KG, Teilhaber war der ehemalige Reichstatthalter von Hamburg, Karl Kaufmann. Beim FC St. Pauli wurde er wohlwollend wieder aufgenommen. Er spielte in der Altherrenmannschaft, wurde 1950 für die Wahl zum Vizepräsidenten vorgeschlagen und 1971 Mitglied auf Lebenszeit. Der Verein verlieh ihm die Ehrennadel und rühmte ihn nach seinem Tod im Nachruf der Vereinszeitung: „Während des Krieges hat unser Senior in exponierter Stellung für unser Land, für unsere braun-weißen Farben segensreich gewirkt.“ Das war 1992, zu einer Zeit also, als der FC St. Pauli durch das antirassistische Engagement seiner Fans bekannt wurde. Für Gregor Backes ist dies auch ein Hinweis auf den gesamtgesellschaftlichen Umgang mit NS-Verbrechen: „Der Nachruf auf Otto Wolff wurde von einem der älteren Mitglieder geschrieben, der Wolff seit Jahrzehnten als guten Vereinskameraden kannte.Wolffs Tätigkeiten während des Krieges waren wohl nur diesen alten Mitgliedern bekannt, öffentlich gemacht wurde das alles erst später. Die Frage nach seiner Verstrickung in NS-Verbrechen wurde jahrzehntelang nicht gestellt, warum also hätte das irgendwer nun nach seinem Tod machen sollen.“
© Nicole Selmer
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Akademie-Mitglied Nicole Selmer ist freie Journalistin und schreibt derzeit u.a. für www.kos-fanprojekte.de, www.fanguide-wm2010.de. Sie ist Mitbegründerin von F_in, dem Netzwerk "Frauen im Fußball" und in dieser Funktion u.a. Mitglied der AG-Fandialog beim DFB.






