Freeway Football
von Frank Hanauer
„Freeway Football“ ist der Name eines Fußball-Projekts am Rande Kapstadts. Doch wo kann man auf der Autobahn Fußballspielen? Klar: Auf dem Seitenstreifen. Der ist mehrere Kilometer lang und ist nun mal die einzige Möglichkeit für Kinder der umliegenden Townships zu kicken. Und noch viel mehr...
Vollgas auf dem Grünstreifen
Jeden Nachmittag, wenn sich die Sonne langsam über dem Tafelberg senkt, erwacht Kapstadts außergewöhnlichster Sportplatz zum Leben. Wobei Sportplatz es nicht ganz trifft, wenn vom Grünstreifen entlang einer Autobahn die Rede ist.
Entlang der N2, die vom Zentrum Kapstadts zum Flughafen und dann weiter in Richtung Osten verläuft, treffen sich täglich die Kinder und Jugendlichen der angrenzenden Townships, um in einer informellen Liga Fußball zu spielen.
Nyanga, Langa oder Khayelitsha heißen diese Viertel, die während der Apartheid entstanden, als es Schwarzen verboten wurde, in den Städten zu wohnen. Hütten aus Wellblech und Holz bestimmen das Bild, darüber ein Gewirr aus abenteuerlich verlegten Stromleitungen.
Die andere Seite der Traumstadt
Ein paar Kilometer vor den Toren Kapstadts erinnert nicht mehr viel an goldene Sandstrände, noble Restaurants oder luxuriöse Einkaufszentren. Nur der Tafelberg bestimmt auch hier eindrucksvoll die Kulisse.
Durch den mannshohen Zaun aus Holzlatten, der die Townships umgibt, schlüpfen nachmittags die Jugendlichen. Während die Pendler im quälend langsamen Berufsverkehr aus der Stadt zuckeln, geht es wenige Meter weiter schneller zur Sache.
Wo immer der Seitenstreifen einigermaßen eben ist, rollt der Ball. Über mehrere Kilometer hinweg reihen sich die Fußballfelder aneinander. Die Tore bestehen meist nur aus aufgehäuften Klamotten, alten Reifenteilen oder sonstigen Fundstücken, die an der Autobahn liegen.
Fair Play und Tricks
Seitenlinien gibt es nicht, auch keine Schiedsrichter. Trotzdem geht es fair zur Sache, erklärt Thabo Nontloko, Trainer von Monwabisi United: „Hier wird eher getrickst als gegrätscht. Es geht nicht nur um das Gewinnen, sondern auch darum, sein Können zu zeigen.“
Der Grund, dass der Seitenstreifen der Autobahn jeden Nachmittag in eine einzige Fußballarena umfunktioniert wird, ist ziemlich banal. In den Townships Langa und Nyanga gibt es keine Wiesen oder offenen Flächen, wo die Jugendlichen spielen können. Und die Fußballplätze der Stadt oder die lokalen Stadien können sich die Teams nicht leisten - auch wenn die Platzmiete nur 29 Rand (knapp drei Euro) pro Stunde beträgt.
Somit wird neben der Autobahn gespielt und trainiert. Sehr zum Erstaunen der vorbeifahrenden Pendler. Einer von denen war Colin Habberton, ein junger Geschäftsmann mit viel Erfahrung im Aufbau von Sozialprojekten. „Als ich die Kids dort spielen sah, wollte ich sofort wissen, was dort dahintersteckt. Und ob es eine Möglichkeit gibt, zu helfen.“
Colin Habberton telefonierte in seinem Bekanntenkreis herum und fand mit dem Fotografen Damon Hyland und Morgan Cathey, einem ehemaligen Fußballprofi, zwei Mitstreiter für seine Idee: Die Geschichte des Fußballs an der Autobahn durch Bilder zu erzählen und ein Modell zu entwickeln, damit möglichst viele Menschen davon profitieren.
Bilder sagen mehr als Worte
Herausgekommen ist das Projekt „Freeway Football“, das in mehrere Phasen gegliedert ist. Den Anfang machte Fotograf Damon Hyland, dessen Bilder von den Fußball spielenden Kids Aufmerksamkeit bei Medien und potentiellen Sponsoren erzeugen sollten.
Zugleich nahm sich Hyland aber auch als Mentor der Förderung von zwei Fotografen aus dem Township Khayelitsha an: „Es gibt in den Townships einige Jungs, die vor allem auf Geburtstagen oder anderen Festen Fotos schießen. Die Leute hier lieben es, fotografiert zu werden. Aber viel Geld können sie dabei nicht verdienen. Mein Ziel ist es, den Jungs auch ein Netzwerk außerhalb des Townships aufzubauen. Mit Erfolg: Einer von ihnen wird für die FIFA bei der WM fotografieren.“
In einem zweiten Schritt veranstalteten die Macher von Freeway Football im Januar diesen Jahres ein Fußballturnier. Die Teams, die sonst nur auf dem staubigen Streifen an der Autobahn kickten, traten zum „Khayelitsha Cup“ auf feinstem Kunstrasen an.
Der Sieg ging an das Team vom FC Monwabisi United, wo sich Trainer Thabo Nontloko und Sibabale Ncithakale über einen speziellen Preis freuen durften: Die Teilnahme an einem sechsmonatigen Computerkurs. „Bildung ist noch wichtiger als Sport. Vor allem für die Kids. Deswegen ist dieser Preis besser als ein paar Hundert Rand, die dann für nutzlose Dinge verschleudert werden“, freute sich Nontloko.
Gründung einer eigenen Akademie
Mittlerweile ist das Projekt Freeway Football in seiner dritten Phase angekommen, dank der Unterstützung von Sponsoren, darunter einer bekannten Sportartikelfirma und Sponsor der Englischen Nationalmannschaft. Die besten Talente werden nun in einer eigenen Akademie auf einem Trainingsplatz in Khayelitsha trainiert.
Nkosayikhonjwa Sibotho, von allen nur „Chief“ gerufen, kümmert sich dort um die Kids. Morgan Cathey von Freeway Football ist begeistert: „Chief ist ein Glücksfall für uns. Er trainiert mehrere Teams in verschiedenen Altersgruppen gleichzeitig, hat bis zu 40 Kids auf dem Platz, und trotzdem herrscht immer Disziplin. Sport ist so wichtig, um die Kids von negativen Einflüssen wie Drogen oder Kriminalität fernzuhalten.“
Chief selbst, der davor arbeitslos war, freut sich über seine neue Aufgabe: „Mir macht der Job sehr viel Spaß. Es ist mehr als nur ein Job. Und die Kids haben richtig Talent. Nur beim Tore schießen hapert es, wie bei so vielen afrikanischen Kids. Jeder will jeder den Ball ins Tor tragen, aus der Distanz schießt hier keiner. Kein Wunder, denn ohne Tornetze ist klar: Wer trifft, muss den Ball holen.“
Vision für die Zukunft
Die Macher von Freeway Football sind zufrieden mit dem bisherigen Verlauf ihres Projekts: Dank der Sponsoren konnten jetzt schon einige der Autobahnkicker mit neuen Bällen oder Shirts ausgestattet werden. Und für die Trainer der Mannschaften werden Schulungen gehalten. Auch das nächste Turnier steht an, um weitere Sponsoren zu finden und neue Kooperationen einzugehen.
In Gedanken sind sie aber schon einen Schritt weiter: Sie wollen ihr Modell auch in andere Regionen des Landes übertragen, so Morgan Cathey: „Es gibt im ganzen Land solche Geschichten, die erzählt werden wollen. Wir wollen zeigen: Wenn man die richtigen Leute zusammenbringt, kann man gemeinsam etwas bewegen.“
© Frank Hanauer
Frank Hanauer, geboren 1978 in Erlangen. Der Sportwissenschaftler lebt seit zwei Jahren im südafrikanischen Kapstadt und arbeitet dort als Freier Journalist. Besonders fasziniert haben ihn verschiedene Sportprojekte in den Townships, von BMX-Bahnen über Rennradprofis bis hin zu den Kickern von der Autobahn.











