"Das elektronische Auge"
Mit diesem Beitrag schaltet sich der langjährige deutsche FIFA-Schiedsrichter Dr. Markus Merk in die immer wieder aufflammende Debatte über technische Hilfsmittel zur Vermeidung von Fehlentscheidungen ein. Dabei fordert er eine differenzierte Betrachtung: Der technische Fortschritt dürfe keinesfalls ignoriert werden - sein Einsatz allerdings auch den typischen Charakter des Fußballspiels nicht grundlegend verändern.
Das unvergessene "Wembley-Tor"
Geoff Hurst schießt, der Ball prallt in der 101. Spielminute von der Unterkante der Latte auf den Boden. Der Schweizer Schiedsrichter Dienst berät sich mit seinem sowjetischen Linienrichter Bahramov. Ohne einer gemeinsamen Sprache mächtig zu sein, entscheiden sie auf „Tor“! Wir schreiben den 30. Juli 1966, das Tor zum 3:2 geht als das „Wembley-Tor“ in die Geschichte ein. England ist Fußballweltmeister, Deutschland nur „Vize“.
Es gibt wenige Momente im Fußball, die den Fußballer mehr bewegen als Wembley 66. Tor oder nicht Tor, diese Frage wäre heute leicht zu lösen. Der „Chip im Ball“ wird immer wieder, auch von den Kritikern der technischen Hilfsmittel, gefordert, er ist technisch ausgereift. Aber an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass der ärgerlichste aller Fehler (Nichtanerkennung eines Tores) doch sehr selten vorkommt. Die FIFA beugt dem Einsatz des „Chip im Ball“ vor. Denn: Elfmeter ja oder nein, Rot oder doch nur Gelb, war das Tor in seiner Entstehung korrekt oder irregulär, sind wesentlich häufiger vorkommende und ebenso „spielentscheidende“ Fehler. Man befürchtet eine Flut an technischen Hilfsmitteln. Kaum ein Thema wird mit jahrzehntelanger Tradition mehr diskutiert, wie der Einsatz technischer Hilfsmittel im Fußball und es polarisiert wie kaum ein Zweites.
Das "elektronische Auge" als Ergänzung zur menschlichen Wahrnehmung?
Vorab: Fernseh-, Videobeweis, Oberschiedsrichter, ich spreche lieber von dem „Elektronischen Auge“ als Ergänzung zu der menschlichen Wahrnehmung. Ich habe nie den Einsatz der Technik im Fußball gefordert. Eine Diskussion über Ja oder Nein ist der falsche Ansatz, konzeptionelle Grundgedanken sollten im Vordergrund stehen. Das vermisse ich bei vielen selbsternannten Experten. Zwei Sichtweisen stehen sich gegenüber und sind dabei zu berücksichtigen:
1. Der Fußball lebt von seiner Emotionalität, der Geschwindigkeit und seinen wenigen Unterbrechungen, er ist schnell und muss schnell bleiben. Der „Spielfluss“ ist sein Charakteristikum, Unterbrechungen stören das Spiel. Dies zeichnet ihn aus, macht ihn erfolgreich und unterscheidet ihn von anderen Sportarten. Vergleiche mit anderen Sportarten, die technische Hilfsmittel teilweise erfolgreich nutzen, sind deshalb kritisch zu bewerten. Aber, der Fußball kann, im 21. Jahrhundert muss er diese Erfahrungen für sich nutzen.
2. Wembley war vorgestern, die Bilder haben im letzten Jahrzehnt mehr als laufen gelernt, Situationen können heute innerhalb einer Minute analysiert werden. Und es ist heute ein Spiel von Wirtschaftsunternehmen. Es geht um die „Big Points“, die klaren Entscheidungen. Wir werden immer über die „Sowohl-als-auch-Entscheidungen“ aus der Grauzone diskutieren, dies ist auch gut so. Kein Mensch kann doch wahrhaft daran interessiert sein, dass klare, vermeidbare Fehler ein Spiel entscheiden. Dies widerspricht dem Grundsatz des Sports, dem Grundsatz des Fairplay.
Die Thematik ist komplex, einzelne Spielsituationen sind zu analysieren (wann und wie wird das Spiel unterbrochen, wo fortgesetzt, wer entscheidet über Entscheidungen aus der Grauzone usw.), dies kann hier nur punktuell und ansatzweise erwähnt werden und wichtig: bei jedem Konzept liegt die Wahrheit in der Praxis. Befasst man sich mit den Punkten der Gegner von technischen Hilfsmitteln, so stößt man vorrangig auf drei Punkte:
Die Kritiker bangen um den Charakter des Fußballs
1. „Dann wird das Spiel wegen jedem Einwurf an der Mittellinie unterbrochen!“ Die Basis aller Grundgedanken muss dies einschränken. Mit der von mir vor Jahren propagierten 3mal2-Regel, bei der die drei Teams (Mannschaften und Schiedsrichter) zweimal pro Spiel die Chance eines Vetorechts haben, wird dem vorgebeugt. Es darf aber nie als taktisches Mittel missbraucht werden. So könnte eine Option, wenn nicht genutzt, ab der 80. Spielminute entfallen.
2. „Es gibt Fehler, die nicht korrigierbar sind!“ Natürlich, wenn der Assistent einem Spieler eine Torchance „wegwinkt“, dann gibt es dafür kein Regulativ. Aber so funktioniert es überall im Leben und das heißt doch nicht, dass wenn ich von fünf Fehlern vier korrigieren könnte, ich diese vier nicht korrigiere, weil es bei dem fünften unmöglich ist, oder?
3. „Es gleicht sich alles aus!“ Aristoteles sprach von der ausgleichenden Gerechtigkeit, wenn überhaupt, handelt es sich aber um eine ausgleichende Ungerechtigkeit. Ein Fehler plus ein Fehler sind zwei Fehler. Spätestens in einem Finale gleicht sich nichts mehr aus. Oder fragen sie mal den irischen Fußballfan: Wenn ein französischer Nationalspieler seiner Mannschaft mit einem Handspiel die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft sichert, die armen Iren auf der grünen Insel bleiben, dann stellt sich die Frage: „Wann gleicht sich dies aus und wollen wir das wirklich?“
Mehr Objektivität und Gerechtigkeit
Ein zweiter Schiedsrichter, Torrichter, zusätzliche Assistenten fördern die menschlichen Fehler, produzieren weitere Schnittstellen in der menschlichen Wahrnehmung und sind halbherzig. Auch ich schätze „das menschliche Auge“, sie bringen aber noch mehr Subjektivität ins Spiel. Wenn ich nach Veränderungen strebe, dann mit zeitgerechten Hilfsmitteln, ganz oder gar nicht. Man muss nur bereit sein, sich positiv in der Praxis damit auseinanderzusetzen, ganz im eigentlichen Sinne der FIFA: „For the Good of the Games!“ oder vielleicht „For the Best and most Fair of the Games!“
© Abdruck in jeglicher Form, Änderungen, Kürzungen und Ergänzungen sind nur nach Rücksprache und Genehmigung mit dem Verfasser, Dr. Markus Merk, gestattet.
Direkt per e-mail oder über www.merk-es-dir.de
Dr. Markus Merk ist Rekordschiedsrichter der Bundesliga und wurde 2004, 2005 und 2007 von Experten aus über 100 Ländern dreimal zum Weltschiedsrichter gewählt. Seit vielen Jahren befasst er sich intensiv mit der Thematik des Einsatzes technischer Hilfsmittel im Fußball. Dabei geht es ihm immer um eine Verbesserung, nicht um eine Veränderung des Fußballs. Die von ihm kommunizierten Ansätze werden heute von vielen Experten gefordert.






