Literatur
Das Prinzip Uli Hoeneß - Ein Leben für den FC Bayern
In seinem aktuellen Buch »Das Prinzip Uli Hoeneß« stellt Christoph Bausenwein das Leben und die Persönlichkeit des großen "Mister Bayern" vor.
Autor: Christoph Bausenwein
Das Prinzip Uli Hoeneß- Ein Leben für den FC Bayern
ISBN 978-3-89533-670-6
Verlag: Die Werkstatt, 2009
Preis: 28 Euro, 445 Seiten
Uli Hoeneß hat den deutschen Fußball geprägt wie kein Zweiter. In wenigen Jahren gewann er auf dem Platz alles, was ein Spieler erreichen kann, bevor er als 27-Jähriger seine Managerkarriere beim FC Bayern begann. Seither dominiert und polarisiert er die Bundesliga: Mit ehrgeizigen Zielen und ungestümen Attacken, aber auch mit schwäbischer Sparsamkeit und sozialem Engagement.
In seinem aktuellen Buch »Das Prinzip Uli Hoeneß« stellt Christoph Bausenwein das Leben und die Persönlichkeit des großen "Mister Bayern" vor. Lesen Sie hier Auszüge aus seinem Schlusskapitel.
Der Unikatische
Eigentlich kann man sich nicht vorstellen, dass es den Bayern-Manager Uli Hoeneß einmal nicht mehr gibt. Aber natürlich musste auch er sich mit dem Gedanken ans Aufhören beschäftigen. Am 9. Juni 1997 sagte er im „Kicker“: „Wenn die Idee eines eigenen Stadions einmal realisiert ist und Bayern den Europapokal gewonnen hat, dann trete ich zurück.“ Die Bayern gewannen den Europapokal und bald darauf war auch die Allianz Arena realisiert, er hatte eigentlich alles erreicht, was er wollte, aber Uli Hoeneß trat dennoch nicht zurück. Der Gedanke ans Aufhören fiel ihm schwer, sehr schwer. Mehrmals kündigte er seinen Rücktritt an, aber dann verlängerte er seinen Vertrag doch immer wieder. „Ich werde mich zwingen“, nahm er sich schließlich vor, „eines Tages das operative Geschäft einem Nachfolger zu übergeben.“ Er wollte seiner Susi entgegenkommen, die schon lange von mehr Lockerheit träumte und einem entspannten Lebensabend. Aber da nahm ihn der Franz zur Seite und sagte: „Du musst das machen, bis du nicht mehr atmen kannst.“ Und so lebte er weiter zwischen diesen beiden Polen, bis ihm, endlich, ein Licht aufging: „Aufhören heißt ja nicht aufhören beim FC Bayern.“ Ja mei, es gab doch noch was anderes als Manager, und so entschied er sich, den „Kaiser“ zu beerben. Er, Uli Hoeneß, der „Mister Bayern“, musste da nicht bitten oder hoffen, er musste es lediglich wollen, denn dass er von den Mitgliedern bei der Jahreshauptversammlung am 27. November 2009 gewählt werden würde, stand außer jedem Zweifel. Und so stand der Nachfolger von Franz Beckenbauer als Präsident des FC Bayern und Aufsichtsratsvorsitzender der AG fest. „Das würde prima passen“, dachte er. „Ich liebe diesen Verein, ich habe Herzblut in dem Verein, und ich kann mir ein Leben ohne Bayern zurzeit nicht vorstellen. Deswegen wäre das eine ideale Lösung.“
Niemand weiß freilich, ob Uli Hoeneß die Macht wirklich wird loslassen können. Auch er selbst nicht. Da behauptete er einmal, er werde so manchen überraschen, der glauben möchte, ein Motoriker wie er könne niemals aufhören. Als er seinem Sohn Florian die Leitung seiner Nürnberger Wurstfabrik übertrug, hätten alle befürchtet, dass der arme Bursche unter dem Alten nur leiden würde. Doch weit gefehlt: „Mein Sohn beschwert sich sogar manchmal, dass ich mich zu wenig um die Firma kümmere.“ Und genau so gedachte er es beim FC Bayern zu halten. „Ich betrachte mich dann als Elder Statesman, der im Hintergrund die Dinge mitprägt“, versuchte er seine neue Rolle schon mal im Vorgriff zu definieren. „Ich werde dort im Rahmen des Ratgebens und Aufsehens aufpassen, dass alles in Ordnung ist“, fügte er später hinzu, „und werde versuchen, meine Erfahrung mit einzubringen.“
„In Zukunft muss ich hoffen, dass andere die richtigen Entscheidungen treffen“, stellte Uli Hoeneß fest und ihm schwante: „Das wird schwer für mich.“ Eigentlich, grübelte er, fühle er sich noch nicht reif für’s Altenteil. Und so fasste er den Entschluss, alle die zu enttäuschen, die ihn bereits als geruhsamen und zurückhaltenden Vorruheständler sahen: „Wenn ich Präsident werde, werde ich dieses Amt natürlich aktiver ausfüllen, als das der Franz jetzt kann.“ Gut vorstellbar ist, dass der „Mister Bayern“ den Fußball künftig in der Rolle des umtriebigen und immer wieder mal polternden Alten vom Tegernsee begleiten wird. „Daran müssen diejenigen sich möglicherweise schon gewöhnen“, prophezeite er mit beinahe drohendem Unterton, „dass ein Aufsichtsratsvorsitzender zumindest ständig seinen Rat anbietet.“ So wird also mit gutgemeintem und zuweilen wohl auch brachial vorgetragenem Rat zu rechnen sein. Aber wen meinte er mit „diejenigen“? Diejenigen, die dann das Sagen haben, seine Nachfolger. Denn Uli Hoeneß dachte da im Plural: Für einen allein wären seine Fußstapfen zu groß.
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Der Gescheiterte
In der Art und Weise, wie Hoeneß an die Frage seiner Nachfolgeregelung heranging, lassen sich wesentliche Grundzüge seines Charakters geradezu idealtypisch ablesen. Es zeigt sich ein Fußballverrückter, der nicht loslassen kann; ein Machtmensch, der die Kontrolle nicht abgeben will; ein Familienpatriarch, der seine Sippe nach alter Väter Sitte zu regieren trachtet. Irgendwie erinnert das alles ein wenig an einen Renaissance-Fürsten im Stile der Medici. Der Vergleich ist nicht zufällig gewählt, denn tatsächlich lag ja im Florenz des 15. Jahrhunderts die Wurzel des als Event zelebrierten Fußballspiels, des Calcio. Als Renaissancefürst in Florenz hätte sich ein Uli Hoeneß sicher äußerst wohlgefühlt. Er hätte sich gefallen als Veranstalter opulenter Spiele auf den großen Plätzen der Stadt. Er hätte als Anhänger des großen Machttheoretikers Macchiavelli nicht nur alle Taktiken der rationalen Herrschaft angewandt, sondern wohl auch innovative Vermarktungsstrategien entworfen. Und wahrscheinlich hätte er, der passionierte Moralphilosoph, sogar versucht, Papst zu werden, um seinen Predigten ein angemessenes Podium zu verschaffen. So wie Leo X., bürgerlich Giovanni de Medici, der ein derart glühender Anhänger des Calcio war, dass er selbst im Vatikan nicht auf ihn verzichten wollte und auf der Piazza des Belvedere eine pompöse Inszenierung der Ballkünstler veranlasste.
Da die Tradition des italienischen Calcio im 17. Jahrhundert abbrach, wurde der Fußball erst über den Umweg England und dann ab dem Ende des 19. Jahrhunderts als Arbeitersport weltweit populär. Und so wurden keine Fürsten und Päpste, sondern ehrgeizige Unternehmer zu den Förderern und Schirmherren des Spiels. Leute also vom Schlag eines Uli Hoeneß, die nicht der Glamour adliger Prachtentfaltung umweht, sondern der Stallgeruch des Kleinbürgertums. Der wie ein mittelständischer Patron agierende Manager des FC Bayern schaffte es denn auch nie, den Duft der großen weiten Welt nach München zu transportieren. So intelligent er den Verein vermarktete, so sehr er ihn medial aufrüstete – er blieb immer ein besserer Handwerksbetrieb. Uli Hoeneß legte nie die Verbissenheit des Aufsteigers ab – die Nonchalance des Könners, die einen Beckenbauer trotz seiner chaotischen Aussagen so unwiderstehlich macht, besaß er nie. Nur Beckenbauer hat es geschafft, den Charme der Bourgeoisie zu kultivieren, ansonsten pflegte man in der Führungsetage des FC Bayern eine Mentalität, die eher für den Stammtisch der Metzgerinnung taugt. Hoeneß’ schwäbischer Sparsinn hat die Bayern zwar einerseits vor dem finanziellen Ruin bewahrt, andererseits aber ist darüber der Anspruch, den europäischen Fußball zu dominieren, in weite Ferne gerückt. Nicht nur im Klang des Namens und im Flair, auch bei den zählbaren Erfolgen blieb man weit hinter dem Vorbild Real Madrid zurück. Trotz aller Erfolge muss man Uli Hoeneß – gemessen an seinem Anspruch, den FC Bayern dauerhaft zur europäischen Nummer eins des Fußballs zu machen – als einen Gescheiterten betrachten. Bayern wurde unter seiner Regie nie zum Maß aller fußballerischen Dinge. Immer wieder waren andere besser, manchmal sogar sehr viel besser, zuletzt der FC Barcelona.
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Der Zerrissene
Sein großes Ziel, die Bayern als Europas Nummer eins zu etablieren, hat Uli Hoeneß nicht erreicht. Aber während er dorthin strebte, konnte er dennoch, eine Nummer kleiner, eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte schreiben: Er hat den FC Bayern zu einem permanenten Kandidaten für die besten acht Teams der Champions League geformt, der durchschnittlich in jedem achten Jahr mit etwas Glück eine Finalchance bekommt; in Deutschland sind die Münchner zum unumstrittenen Branchenführer geworden, und damit schenkte Uli Hoeneß allen Fußballenthusiasten zwischen Alpen und Nordsee eine Konstante, durch die das von Polarisierungen abhängige Fußballtheater – im Bösen wie im Guten, im Ärger wie in der Freude – erst so richtig funktioniert. Und während er den FC Bayern in der Bundesliga als eine in Serie siegende Dauer-Provokation etablierte, ist es ihm gleichzeitig gelungen – und dies ist sicher seine bewundernswerteste Leistung –, ein in der Fußballbranche einzigartiges Beispiel für wirtschaftlichen Erfolg zu schaffen: In kaufmännischer Hinsicht ist der FC Bayern tatsächlich Europas Nummer eins.
Die Erklärung für diese Erfolgsgeschichte muss man wohl im Charakter des Uli Hoeneß suchen, der widersprüchliche Eigenschaften in eigentümlicher und unverwechselbarer Weise in sich vereinigt. Und gerade in diesem Zusammenwirken des scheinbar Unvereinbaren muss man wohl den Kern des „Prinzips Uli Hoeneß“ sehen. Der Macher des FC Bayern hat sich in seinem Leben an zahlreichen Synthesen versucht: Er hat den unstillbaren und übertriebenen Ehrgeiz des Aufsteigers an die realistisch-pragmatische Machbarkeitsperspektive des gediegenen Mittelständlers gekoppelt und auf diese Weise den Erfolg ohne riskantes Vabanquespiel auf Dauer gestellt; er hat mit visionärem Innovationswillen die Vermarktungsmöglichkeiten im Fußball neu ausgelotet, dabei aber immer auch den puren Sport und die traditionelle Fankultur als nicht hintergehbare Werte verteidigt; er hat sich als temperamentvoller Siegertyp mit selbstherrlicher Gewinner-Mentalität immer angriffslustig gezeigt, konnte das aber stets verbinden mit Werten wie Vereinstreue und Engagement für die Schwachen. Am typischsten für Uli Hoeneß ist aber wohl die Melange aus Geschäftssinn und Sentimentalität. Er zeigte sich als kühler Betriebswirtschaftler und cleverer Taktiker der Macht, seine eigentliche Antriebskraft blieb aber immer die authentische und mit allen Gefühlsfasern gelebte Leidenschaft für das Spiel.
Das gesamte Denken, Handeln und Fühlen des Bayern-Managers wirkt wie ein Versuch, den in den letzten 30 Jahren immer schärfer hervortretenden Widerspruch zwischen dem kommerzialisierten Showbetrieb und der althergebrachten Fußballkultur in sich zu vereinigen und auszuhalten. Als Mensch gewordenes Symbol des zur „Geldmaschine“ gewordenen Profizirkus ist er gleichzeitig einer der aufrichtigsten Mahner dafür geblieben, dass der Fußball über allen Vermarktungszwängen seine Seele nicht verlieren darf. Es ist ein schwieriger Spagat, den er sich zur Lebensaufgabe gemacht hat. So wenig außer Zweifel steht, dass sich Uli Hoeneß immer als einer zeigte, der das Auseinanderstrebende im modernen Profifußball zusammenbringen will, so sehr muss zugleich bezweifelt werden, ob dieser Kraftakt auf Dauer gelingen kann. Wie soll es möglich sein, einerseits den Fußball mit allen nur denkbaren Mitteln und auf alle nur möglichen Weisen zu vermarkten, und andererseits gleichzeitig seine Seele – die Schönheit des Spiels an sich und die Reinheit der parteiischen Fanempfindung – zu bewahren? Hoeneß zeigte sich oft genug selbst zerrissen. Unermüdlich pushte er die Marketing-Maschinerie und zugleich ekelte es ihn vor den Konsequenzen seines Tuns. Der streng rechnende Kaufmann Hoeneß war vergnügt, wenn die Kasse klingelte, den romantisch fühlenden Bayern-Fan Hoeneß aber schauderte es doch ein wenig, wenn die VIP’s in den Stadionlogen über dem Delikatessenverzehr nicht nur das Mitfiebern, sondern oft sogar das ganze Spiel vergaßen. Regelrecht angewidert zeigte er sich von der Eskalation des Medienhypes. Es ist kein bloßes Lippenbekenntnis, wenn der Zauberlehrling Hoeneß angesichts des – zum großen Teil von ihm selbst entfesselten – Medienspektakels wiederholt äußerte, dass er die Geister, die er gerufen hat, eigentlich gerne wieder los wäre. Natürlich wollte er, dass das Reality-TV „Säbener Straße“ ein Quotenrenner für die Medien ist, natürlich wollte er massenhaft Bayern-Berichte in der Presse, aber er wollte nie, dass darüber der echte Sport zur Nebensache wird und die ernsthafte Begeisterung für den Fußballverein FC Bayern verloren geht. Unter dem Manager Uli Hoeneß gelang den Bayern der Spagat über den Widersprüchen noch einigermaßen, und das ist wohl am meisten ihm selbst zu verdanken. Die Hoeneß-Bayern im Fußballzirkus – das war nicht „Lindenstraße“, „GZSZ“ oder „Big Brother“, das war Realtheater mit authentischen Gefühlen. Und der „Mister Bayern“, als Hauptdarsteller mittendrin, spielte sich selbst und wirkte dabei von allen Stars am echtesten. Wie ein auf Schritt und Tritt von Kameras beobachteter moderner Renaissance-Fürst lebte er eine Emotionalität vor, die vielen verloren gegangen ist. Sein Temperament machte ihn zur angreifbaren Reizfigur, aber auch zum Aushängeschild deutscher Vereins-Heimatseligkeit und auf jeden Fall zum interessantesten und unterhaltsamsten Protagonisten des großen Fußballtheaters. In gewisser Weise kann man Hoeneß als den „echtesten“ Star in der deutschen Medienlandschaft bezeichnen: keine Fiktion, sondern pure Identifikation, alles echt, mal ernst und mal lustig, mal heiß- und mal kaltblütig im steten Wechsel eines unbestimmten Temperaments, aber immer unterhaltsam, kurz: das pralle Leben, vor laufender Kamera zelebriert. Es ist wohl kaum jemand vorstellbar, der die voyeuristische Lust am Beobachten echten Lebens und Leidens so perfekt befriedigen könnte wie Uli Hoeneß.
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© Verlag DIE WERKSTATT
Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur dankt dem Autor und dem Verlag für die die freundliche Bereitstellung des Textes.





