Winnie, out of Baden

Yaoundé (Kamerun), im März 2002. Auszug aus dem Kapitel

Der Präsidentenpalast ist eine einzige Scheußlichkeit: groß, klobig und verkitscht von den Marmorböden bis zum Blattgold unter der Decke. Wie eine missglückte architektonische Kreuzung aus dem Bunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld und Karstadt in der Osterstraße thront er auf einer Anhöhe über Yaoundé. In Israel geschulte Gardisten bewachen den Quader mit ihren Uzis, die sie lässig wie Serienkiller aus einem schlechten Film geschultert haben. Nun glotzen sie gelangweilt ins Tal, wo sich die Stadt im Morgendunst ausstreckt: eine Ansammlung von primitiven Hütten, heruntergekommenen Verwaltungsgebäuden und staubigen Schlaglochpisten.

Jede Grünfläche, die in diesem stinkenden Wellblech- und Betonkadaver überlebt, scheint von ballspielenden Kindern bevölkert zu sein. Fußball ist ihre Hauptbeschäftigung. Was sollen sie auch sonst tun? Rund anderthalb Millionen Menschen leben in der Hauptstadt Kameruns, die 1889 von deutschen Kolonialbeamten als Forschungsstation und Basislager für den Elfenbeinhandel gegründet wurde. Und die meisten leben in bitterer Armut: Etwa 500 Euro beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen, jeder zweite der rund vierzehn Millionen Einwohner des zentralafrikanischen Staats hat weniger als zwei Dollar am Tag zur Verfügung. Die Lebenserwartung liegt bei fünfundfünfzig Jahren. Statistisch ist jeder vierte Kameruner arbeitslos.

Es ist heiß und schwül an diesem Tag, und dem deutschen Trainer läuft der Schweiß in Sturzbächen über die gerötete Stirn. Zur Feier des Tages hat sich Winfried Schäfer in ein schneeweißes Hemd und einen dunklen Anzug gezwängt, der ihm nun die Würde eines hibbeligen Konfirmanden verleiht. Er wartet auf seinen Herrn, seit einer geschlagenen Stunde schon, denn der will ihm einen Orden am roten Band verleihen: den »Chevalier de l’Ordre et de la Valeur«. Doch Paul Biya, Kameruns unumschränkter Herrscher, lässt sich Zeit, wieder einmal – er demonstriert seine Macht.

Seit einem halben Jahr erst ist der Fußball-Lehrer Winfried Schäfer, den die Boulevardzeitungen wegen seiner Veitstänze an der Seitenlinie in Deutschland gerne Winnie-Wahnsinn nannten, Trainer der Nationalmannschaft Kameruns. Vor ein paar Wochen gewann er mit seinem Team in Mali den »Africa Cup of Nations«. In zweieinhalb Monaten wird die Fußballweltmeisterschaft in Südkorea angepfiffen werden. Und Kamerun ist ausgerechnet der Gruppe E zugelost worden: zu Saudi-Arabien, Irland und – Deutschland. Winnie kommt sich in letzter Zeit also ein wenig vor wie im Wunderland: Paläste, Präsidenten, die große Show demnächst in Asien, eine Mannschaft, von der alle Welt schwärmt, und als Belohnung noch ein Duell mit Völlerrudis »Rumpelfußballern« (F. Beckenbauer). Welch eine Genugtuung! Winnie Schäfer, 52, heimisch im badischen Ettlingen, ist plötzlich wieder wer – ein »Günstling des Glücks« (die tageszeitung), der »König der Löwen« (Bild). Wie soll man da nicht die Bodenhaftung verlieren? Der Stern wird die Kicker von »unserem Freund Winnie Schäfer« neben den Ballzauberern aus Argentinien demnächst sogar zum Favoriten auf den Turniersieg erklären.

Winnie guckt auf die Uhr.
»Der kommt noch«, mahnt er sich zur Ruhe, »das ist Afrika.« Neben Schäfer haben sich die Spieler aufgebaut; Muskelmänner in feinem Zwirn. Ohne ihre Fußballhemden sehen sie aus wie Bodyguards. Sie albern herum, spielen mit ihren goldenen Rolex’ und tippen was in die Handys. Winnie guckt ein bisschen streng und ziemlich stolz. »Meine Jungs«, sagt er. Zwischen den Klötzen in Abendgarderobe wirkt der schmächtige Mann mit dem wehenden, rotblonden Haar eher wie eine aufgeregte Pressesprecherin. Vielleicht lässt aber auch dieser Empfangsraum den Alemannen so klein erscheinen. Groß ist der Wartesaal, pompös wie eine Bahnhofshalle, von marmornen Säulen gestützt, von zentner-schweren Gobelins eingehüllt.

Und über der komplett versammelten Truppe baumelt ein Riesenporträt des Präsidenten.

Die französische Tageszeitung Le Monde nennt den Mann despektierlich Dinosaurier-Diktator, für Stefan Klein von der Süddeutschen Zeitung ist er »eher der Typ mittelmäßiger Technokrat«; aber Winnie findet, dass der Herrscher »ein toller Typ« ist. Vielleicht liegt das aber nur daran, dass Biya ihn selbst zum Trainer gekürt hat – wie der Führer alle Angelegenheiten von größter staatspolitischer Relevanz höchstpersönlich zu erledigen pflegt. Und kaum etwas scheint in diesem Land hier wichtiger zu sein als das Spiel mit der Lederkugel. »Der Fußball hält unser ganzes Volk zusammen und löst unsere Probleme«, sagt Paul Biya gerne. »Der Präsident interessiert sich tatsächlich für Fußball«, wundert sich Winnie und starrt an die Decke, hoch zum ersten Mann im Staat. Er kommt sich immer noch vor wie im Traum. 

© Verlag Die Werkstatt, Göttingen

Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur dankt dem Autor und dem Verlag für die die freundliche Bereitstellung des Textes.

Aus: 

Traumfußball. Geschichten aus Afrika

ISBN 978-3895336416 
Verlag Die Werkstatt, 2009 
Preis: 24,90 Euro, 240 Seiten 

Verlagsinfo



Searches: Chloe paraty python bag replica, designer handbags replica Fendi, Sominex info, Buy Sominex online, cheap Burberry replica handbags, best replica Louis Vuitton handbags, replica Prada bags uk, replica Prada shirts, Louis Vuitton handbags replica handbags designer handbags, Chloe edith bag replica, replica Prada flats, best quality replica Louis Vuitton handbags, best Louis Vuitton replica website, designer replica Burberry scarf, replica bags Fendi, best Hermes replica handbags, Chloe paraty bag replica, Prada nylon messenger bag replica, Burberry diaper bag replica, about sominex, bags replica Burberry, Fendi peekaboo bag replica

Pages: Replica watch central review, Replica watch review uk, Cheapest rolex replica, Luxury watch replicas, Chronomat b01 replica, Antique replica watches, Audemars watches replica, Super avenger breitling replica, Replica watches 1st, Tag heuer rolex replica