Besuche im Schattenreich

Abstecher nach Daressalam (Tansania), Kampala (Uganda), Akonolinga (Kamerun), Helena (Südafrika) und Bomanono (Kenia) zwischen Frühjahr 2005 und Herbst 2008. Auszug aus dem Kapitel:

Die Finsternis hatte sich längst über das Stadion gesenkt. Vom Meer wehte eine leichte salzige Brise herüber. Ansonsten war es still und schwül, und die meisten Bewohner der Stadt hatten sich mehr oder weniger lethargisch nach Hause, zu ihren Familien, geschleppt. Daressalam befand sich also in jenem tropischen Dämmerzustand, der so typisch ist für diese Stadt am Indischen Ozean. Nur in den Hafenkaschemmen ramenterten an diesem Abend noch ein paar Besoffene herum und stritten sich über den Ausgang des großen Derbys, das am nächsten Tag stattfinden sollte. Wenn die Simbas auf die Yangas treffen, gibt es selbst in Daressalam immer genügend Gesprächsstoff für ein paar Tage und auch mal Zoff. Ansonsten herrschte im »Haus des Friedens« (deutsch für Dar es Salam) Ruhe und das, was man in Ostafrika so unter Ordnung versteht.

Da tauchten plötzlich ein paar Gestalten auf und kletterten über den Zaun des Fußballstadions. Nervös blickten sie sich immer wieder um, ob ihnen jemand gefolgt war, und als sie sahen, dass die Luft rein war, spurteten sie los, rissen das Tor zum »National Stadium« auf, rannten auf den Rasen und pinkelten genüsslich auf das Spielfeld. Als sie ihr Werk verrichtet hatten, verschwanden sie so geräuschlos, wie sie gekommen waren, in der Nacht – und dabei hätten sie es vielleicht auch bewenden lassen sollen.

Doch das machten sie nicht. Sie prahlten und plauderten und rühmten sich ihrer Tat. Und so kam die ganze verdecke Operation ans Tageslicht.
Nun könnte man einwenden, dass das Urinieren aufs Spielfeld vielleicht nicht gerade ein Kavaliersdelikt, darüber hinaus ziemlich unhygienisch und zumindest gegenüber dem Platzwart respektlos ist, aber immer noch als Ordnungswidrigkeit und nicht als Kapitalverbrechen zu ahnden. Und dass man die ganze leidige Ange-legenheit damit auch hätte beenden können und vielleicht im Sinne des Sports auch möglichst schnell vergessen sollen, dass alles, kurz und gut, keine große Sache war, »no big thing« also, oder »Hakuna Matata« wie man in Tansania sagt – auch wenn es sich, wie sich wenig später herausstellte, bei den Übeltätern um die Spieler von Yanga höchstselbst gehandelt hatte, die sich da zur Entleerung ihrer Blasen gemeinschaftlich auf den Weg in den Strafraum gemacht hatten.

Aber so kam es eben nicht, sondern es wurde an die große Glocke gehängt, und so machte die Pinkelaffäre die Runde und weitete sich schon bald zu einem der größeren Skandale in der Geschichte des afrikanischen Fußballs aus.

Die Spieler von Yanga, das stellte sich im Nachhinein schnell heraus, waren nämlich keineswegs die einzigen gewesen, die den Schutz der Dunkelheit gesucht hatten, um das Spielfeld des Nationalstadions zu manipulieren. Zuvor schon waren die Aktiven vom Simba SC dagewesen. Sie hatten im leeren Strafraum nächtens ein Pulver verstreut, Eier zerschlagen, und eine Tinktur aus Dotter und Kokosnussschalen zwischen den Pfosten verschmiert. Danach hatten sie sich im Gefühl des sicheren Sieges auf den Weg nach Hause gemacht. Sie hatten das Spielfeld verhext, davon waren sie überzeugt, nun konnte im Derby gegen die Young Africans nichts mehr schiefgehen. Die würden Augen machen, diese Halunken! Das Rezept mit den Kokosnussschalen und dem Eidotter hatten die Simbas nämlich exklusiv: Man kann damit Tor- und Seitenlinien verschieben, wenn es nötig ist. Wie sollte Yanga bei dieser Hexerei auch nur ein Tor gelingen?

Vielleicht hätten sie es bei diesem Bubenstück bewenden lassen und schweigen sollen. Doch das taten sie nicht. Sie prahlten und plauderten und rühmten sich ihrer Tat, und so bekamen die Yangas Wind von der ganzen Sache und sahen sich gezwungen, den Zauber zu neutralisieren – auf ihre Art. Sie handelten folglich in einer Art Notwehr.

Am nächsten Tag ging der Spuk weiter.
Um dem bösen Blick der Gastmannschaft auszuweichen, marschierten die Yanga-Spieler rückwärts ins vollbesetzte Stadion, und Spielführer John Masanja verweigerte dem Simba-Kapitän Seleman Matola den obligatorischen Handschlag. So wollten sie ganz sicher gehen, dass die böse Kraft nicht doch irgendwie auf sie übertragen werden konnte. Das Spiel endete schließlich 2:2. Da hatten sich wohl die Zaubermächte gegenseitig ausgeglichen.

Dem tansanischen Fußballverband aber, der solchen Hokuspokus schon seit langem gewohnt ist, platzte endgültig der Kragen. 500 Dollar Strafe verhängten die Fußballoberen über beide Vereine – »wegen inakzeptablen Vorgehens«. Wo komme man denn da hin? »Das sind unsere größten Klubs, und ihr starker Glaube an die Hexerei könnte anderen ein schlechtes Beispiel geben«, meinte der Generalsekretär der Football Association of Tanzania, Mwina Kaduguda, und startete gleich eine Kampagne gegen die Hexerei, »um allen Teams in der Liga beizubringen, dass derartige Praktiken im Fußball keinen Platz haben«.

Aus: 

Traumfußball. Geschichten aus Afrika

ISBN 978-3895336416 
Verlag Die Werkstatt, 2009 
Preis: 24,90 Euro, 240 Seiten 

Verlagsinfo



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