Rasenspiele - Räuberspiele

Wie um 1893 Pädagogen den Fußballsport für ihre Schützlinge entdeckten

Der Fußball habe sein Fratzengesicht gezeigt und stelle sich so als Problemfall selbst ins Abseits, so hieß es nach den Ausschreitungen in Leipzig Anfang des Jahres.

Die Engländer machten es vor: Football zu Rugby. um 1880

Dort, im Abseits, befand sich der Fußballsport schon einmal. Ganz am Anfang seiner Entwicklung. Fast 120 Jahre ist dies her, als das Spiel in Deutschland als Fußlümmelei oder barbarischer Engländersport beschimpft wurde. Auch damals gab es hierzulande Probleme. Zum Beispiel eines mit dem heranwachsenden Nachwuchs. Ein autoritäres Erziehungs- und Schulsystem erzeugte seinerzeit bei den jugendlichen Schülern und Studenten ein enormes Gewalt- und Aggressions-potential. Mangels guter Konzepte schickten die Pädagogen hoch angesehener Lehranstalten ihre Schüler damals in die Wälder, wo sie sich mittels sogenannter Räuberspiele ihrer überschüssigen Kräfte entledigten. In der Regel endeten solche ´Spiele´ blutig.
Wurden den Schutzbefohlenen solche Angebote von Seiten ihrer Erzieher nicht unterbreitet, mussten diese sich selbst etwas einfallen lassen. So hielt Philipp Heineken, im Jahre 1900 erster Vizepräsident des DFB, die Erinnerungen seiner Stuttgarter Schulzeit Ende der 1880er Jahre, wie folgt fest: "Da waren die jährlichen Kämpfe der vereinigten Schulen gegen die Volksschüler in den Straßen der Vorstädte, bei denen auf der einen Seite ausgiebiger Gebrauch von Steinen, auf der anderen gute Knüppel und forsches Draufgehen die Hauptwaffen bildeten, sie endeten meistens mit blutigen Köpfen auf beiden Seiten und dem Dazwischentreten eines großen Aufgebots der Polizei. Sobald im Frühjahr und Herbst die Wiesen begehbar wurden, folgten ähnliche Kämpfe gegen benachbarte Dörfer."


Allerdings gab es damals schon einige deutsche Pädagogen, die über ihren eigenen Tellerrand hinweg schauten. Nach England. Auf der Insel waren ihre britischen Kollegen schon Jahre zuvor dahintergekommen, welche Möglichkeiten eine Mannschaftssportart wie der Fußball für die Erziehung der Jugendlichen bieten könne: Möglichkeiten der Kompensation von Aggressionen sowie auch der Vermittlung von Werten.
Der Ratzeburger Hermann Raydt bereiste im Jahre 1886, wie andere Pädagogen seiner Zeit, das Königreich, um dort diverse Lehranstalten und deren neue Methoden zu begutachten.

Für Raydt galt bereits damals ein Leitspruch frei nach dem französischen Philosophen Montaigne: "Es ist nicht ein Geist und nicht ein Körper, den wir erziehen sollen, sondern ein Mensch, und wir dürfen ihn nicht teilen."
Zwar langsam, dafür aber stetig, sollten sich Erkenntnisse dieser Art auch auf dem Kontinent durchsetzten. So wusste der oben schon zitierte Philipp Heineken in seiner Publikation "Die beliebtesten Rasenspiele" aus dem Jahre 1893 folgendes zu berichten: "Die Jugend ist auf der ganzen Welt die gleiche, deshalb haben auch die englischen Rasenspiele erfreulicherweise in den letzten 10 Jahren so große Fortschritte in Deutschland, Österreich und Frankreich gemacht. Man hat endlich eingesehen, daß den Schülern nicht bloß Lernen, sondern auch Bewegung nötig ist, weshalb es der Schulleitung Braunschweigs, welche in dieser Richtung bahn-brechend gewirkt hat, nicht hoch genug angerechnet werden kann, daß sie die erste war, die den Versuch wagte."
Eben in Braunschweig gelang es Prof. Konrad Koch bereits Anfang der 1870er Jahre, im Gymnasium Martino-Katharineum sogenannte Spielenachmittage einzuführen und zu legitimieren. Hauptsächlich stand ein dem englischen Rugby ähnliches Spiel im Mittelpunkt dieser zweimal wöchentlich stattfindenden Sport-stunden. Ab dem Jahre 1893 spielte man dort dann nach den Regeln der Football Association. Unseren heutigen Fußball also, der damals als ´Fußball ohne Aufnehmen des Balles´ bezeichnet wurde.

Als die blutigen Straßenkämpfe ausgedient hatten: Cannstatter Mannschaft von 1891. Ganz links sitzend: Philipp Heineken

In den kommenden Jahrzehnten wuchs der Stellenwert der einstmaligen Fußlümmelei in der Gesellschaft. Sein positiver Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen kristallisierte sich immer deutlicher heraus und wurde immer seltener in Frage gestellt.
Philipp Heineken schloss seine Ausführungen über die blutigen Vorstadtkämpfe seiner Schulzeit mit wie folgt ab: "Alle diese rauhen Unterhaltungen verschwanden mit der Errichtung des Fußball-Clubs." 1893 gründete er mit seinen Kameraden den Cannstatter Fußball-Club, aus dem einige Jahre später der VfB Stuttgart hervor gehen sollte.