Wien - Erste Fußballmetropole Kontinentaleuropas
Vor dem Ersten Weltkrieg stieg Wien zur ersten internationalen Stadt auf dem europäischen Kontinent auf. Allein aus Böhmen waren Hunderttausende in die Donau-Metropole eingewandert. Hinzu kamen Slowaken, Polen, Ukrainer, Rumänen, Ungarn, Slowenen, Italiener und eine erhebliche Zahl jüdischer Zuwanderer.

- Wien Mannschaftsfoto 1923
Bereits vor dem 1.Weltkrieg waren in Wien 10.000 Zuschauer bei großen Spielen keine Seltenheit. Auch in der Berichterstattung der Tageszeitungen war der Fußballsport bereits fest etabliert. Nach dem Krieg und dem Zusammenbruch der K.u.K.-Monarchie avancierte der Fußball zu einem Massenphänomen. So geriet Wien zur ersten Fußballmetropole auf dem Kontinent. 1920 wurden in der österreichischen Hauptstadt 182 Vereine mit 37.000 Spielern gezählt. Am 15. April 1923 verzeichnete das Stadion "Hohe Warte", zu diesem Zeitpunkt das größte auf dem Kontinent, beim Länderspiel Österreich gegen Italien mit 85.000 Besuchern einen Zuschauerrekord. In keiner anderen Stadt auf dem Kontinent spielten so viele Menschen Fußball, gab es so viele Fußballinteressierte und wurde so viel und intensiv über das Spiel diskutiert.
Doch nicht nur in Wien, auch in Budapest und Prag hatte der Fußball ein hohes Niveau erreicht. Ein spezifisch mitteleuropäischer Spielstil firmierte als "Calcio Danubia" ("Donaufußball") und Gegenentwurf zum englischen "kick and rush".
Hierfür zeichnete sich nicht zuletzt ein Engländer verantwortlich: Jimmy Hogan, ein Anhänger des schottischen Flachpassspiels, das eine gute Technik voraussetzte und als "wissenschaftlicher Fußball" galt. In Wien wurde das schottische Kurzpassspiel um eine künstlerische Note bereichert.

- Journalist Friedrich Torberg Freund des Hakoah Fußballs
Wien avancierte zur Metropole des "Calcio Danubia", auch weil Kontinentaleuropas erste multikulturelle Stadt von der Immigration ungarischer und tschechischer Kicker profitierte. In Ungarn war im November 1919 die Räte-Republik Bela Kuns niedergeschlagen worden und die Macht lag nun in den Händen des autoritären und antisemitisch gestimmten Admirals Miklós Horthy . Zahlreiche Juden, viele von ihnen technisch starke Kicker, verließen das Land und schlossen sich der Wiener Fußballszene an, insbesondere der Austria und dem exklusiv-jüdischen SK Hakoah.
In der Hauptstadt der jungen Republik Österreich, genauer: in dessen Kaffeehäusern, kam es zu einer historisch einmaligen Verschmelzung von Fußballer- und Literatenszene, von Populär- und Hochkultur.

- Matthias Sindelar - Fußballer des Jahrhunderts in Österreich
1924 führte Österreich als erstes Land auf dem Kontinent den Professionalismus ein. Die Tschechoslowakei folgte 1925, Ungarn 1926. In den 1920ern verbreiteten Trainer und Spieler aus Wien und Budapest ihr Wissen auf dem Kontinent und traten das Erbe der englischen und schottischen „Entwicklungshelfer“ an. Als der FC Bayern München 1932 seinen ersten Meistertitel errang, hieß der Trainer Richard Dombi. Der außergewöhnliche Fußballvisionär stammte aus Wien und hatte sechsmal das österreichische Nationaltrikot getragen. Im Mai 1933 musste Dombi Deutschland aufgrund seiner jüdischen Herkunft wieder verlassen.





