Ohne Loddar

von Dietrich Schulze-Marmeling

Die Europameisterschaft war nicht das Turnier des Rekordnationalspielers Lothar Matthäus. 1980 wurde das DFB-Team Europameister. Auch der 19-jährige Lothar Matthäus durfte mitfeiern, wenngleich er nur 17 Minuten auf dem Platz gestanden hatte, die auch noch recht unglücklich verliefen. Im Gruppenspiel gegen die Niederlande führten die Deutschen nach 66 Minuten durch drei Treffer von Klaus Allofs mit 3:0. In der 73. Minute nahm Bundestrainer Jupp Derwall im sicheren Gefühl des Sieges Kapitän Bernard Dietz vom Platz, der seinerseits eine Verletzung vortäuschte, um sich für die folgenden Aufgaben zu schonen.

Hinein kam der Debütant Matthäus, und dank Matthäus wurde es noch einmal spannend. Nur sechs Minuten nach seiner Einwechselung verursachte Matthäus einen (allerdings unberechtigten) Elfmeter, den Rep zum 1:3 verwandelte. In der 85. Minute konnte die Elftal weiter auf 2:3 verkürzen, was dann auch – trotz eines fortgesetzten Sturmlaufs der Niederländer – der Endstand war.

Bei der EM 1984 schied die DFB-Elf mit Lothar Matthäus bereits in der Vorrunde aus. Vier Jahre später scheiterte man mit Matthäus, mittlerweile zum Kapitän aufgestiegen, im Halbfinale an den Niederlanden.
Bei der EM 1992 war Matthäus verletzungsbedingt nicht dabei. Die DFB-Elf wurde ohne ihn immerhin Vize-Europameister.


Bei der EM 1996 gewann die deutsche Nationalelf ihren bis heute letzten großen Titel. Allerdings ohne Matthäus. Seit der WM 1994 war das Verhältnis zwischen Matthäus und dem Bundestrainer Berti Vogts sowie anderen Führungsspielern heftig gestört. Matthäus wurde u.a. Intrigantentum und Informantentum gegenüber der Boulevardpresse vorgeworfen.

Schon Anfang der 1980er beklagte sich der damalige DFB-Assistenztrainer Erich Ribbeck über den notorischen Dampfplauderer: „Sogar wenn wir den Speiseplan diskutieren, quakt er noch dazwischen.“ Und Rudi Völler empfahl ihm später vor einem Spiel, seine Ansprache doch bitte „an die Klobrille“ zu richten, anstatt die Mannschaft zu belästigen. Pierre Littbarski diagnostizierte sogar einen „Dachschaden“ beim Kollegen.

Matthäus erklärte nun seinen Verzicht auf das Turnier in England. Bereits seit Längerem beschlich ihn das Gefühl, Opfer einer Verschwörung zu sein, womit er durchaus richtig lag. Vogts und die Troika Klinsmann/Helmer/Sammer wollte ohne Matthäus weitermachen, nur mochte es keiner dem Kollegen offen sagen. Erst als Matthäus Klinsmann in der Öffentlichkeit massiv angriff, erklärte Vogts: „Solange ich Bundestrainer bin, wird Matthäus nicht mehr in der deutschen Nationalelf spielen.


Ohne Matthäus, dafür aber mit einer gehörigen Portion „team spirit“, wurde die DFB-Elf Europameister. Mit Köpke, Sammer, Klinsmann, Bierhoff und Eilts waren fünf Kräfte dabei, die später in unterschiedlichen Funktionen die Reform des deutschen Auswahlfußballs betreiben sollten

Bei der EM 2000 war Matthäus wieder an Bord. Die DFB-Elf holte aus drei Gruppenspielen nur einen Punkt und erzielte auch nur ein Tor, was die schlechteste Endrundenbilanz einer deutschen Nationalmannschaft bei einer EM bedeutete.