Hugo Meisl und der International Cup

Hugo Meisl

von Dietrich Schulze-Marmeling

Am 27. Oktober 1926 berieten in Prag Vertreter Österreichs, Italiens, Ungarns und der Tschechoslowakei über die Einrichtung internationaler Fußballwettbewerbe. Die Anwesenden beschlossen die Austragung eines Mitteleuropäischen Cups für Vereinsmannschaften (Mitropa Cup) sowie die Planung eines International Cups für Nationalmannschaften.

Motor dieser Projekte war Hugo Meisl, seit 1913 Verbandskapitän beim Österreichischen Fußball-Verband (ÖFV) und in dieser Funktion verantwortlich für das Nationalteam. Der 1881 im mährischen Ostrava in eine jüdische Kaufmannsfamilie hineingeborene Meisl war gewissermaßen der Erfinder des modernen Fußballs auf dem Kontinent und der erste "Fußballbürokrat", der in europäischen Dimensionen dachte.

Die FIFA lehnte Meisls EM-Pläne zunächst als Konkurrenz zum eigenen Projekt einer WM ab. Meisl engster Verbündeter war der Franzose Henry Delaunay, seit 1919 Generalsekretär des französischen Fußballverbandes. Im Februar 1927 legten Meisl und Delaunay einen neuen Vorschlag vor. Um eine Überschneidung mit dem FIFA-Projekt zu vermeiden, sollte „ihre“ Europameisterschaft zwischen die Weltturniere eingeschoben worden. Als Vorbild diente die Kontinentalmeisterschaft der Südamerikaner.

Die FIFA erteilte dem neuen Plan schließlich grünes Licht, rührte aber keinen Finger für den International Cup. Die "große Lösung" unter Einbeziehung aller europäischer Fußballnationen ließ sich nicht realisieren. Die „Europameisterschaft“ blieb auf die Länder Österreich, Italien, Tschechoslowakei, Ungarn und Schweiz beschränkt. Trotzdem besaß der International Cup eine große sportliche Bedeutung, allein schon auf Grund der fußballerischen Qualität seiner Teilnehmer. Österreicher, Italiener, Tschechoslowaken und Ungarn gehörten zu den führen Fußballnationen Europas.

Die vierte Auflage (1936-37) musste aufgrund der politischen Entwicklung vorzeitig beendet werden. Italien näherte sich mehr und mehr dem nationalsozialistischen Deutschland an, das im März 1938 Österreich und zehn Monate später Böhmen und Mähren besetzte. Hugo Meisl weilte zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr unter den Lebenden. Der Vater des International Cups und der Idee einer Europameisterschaft erlag am 17. Februar 1937 einem Herzschlag.


Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Wettbewerb wieder aufgenommen und nun über einen Zeitraum von fünf Jahren ausgetragen. Bei seiner sechsten und letzten Auflage (1955-60) hieß er Dr. Gerö-Cup, zu Ehren des 1954 verstorbenen Präsidenten des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB).

Josef Gerö, wie Meisl ein Wiener Jude, war während der NS-Jahre ins Konzentrationslager verschleppt worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Justizminister im resouveränisierten Österreich. Als Präsident des ÖFB (1945 - 54) war Gerö einer der treibenden Kräfte der Gründung der UEFA gewesen (s.u.). Der International Cup/Dr. Gerö Cup war der ernsthafteste, populärste und sportlich gewichtigste Vorläufer der heutigen EM.



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