Die UdSSR goes West

- Europameister 1960 UdSSR
von Dietrich Schulze-Marmeling
1960 wurde die UdSSR erster Europameister. Dabei hatten sich die Sowjets erst nach dem Zweiten Weltkrieg dem Sportbetrieb mit dem „kapitalistischen“ Westeuropa geöffnet. Seit 1925 hatte die UdSSR ausschließlich gegen politisch befreundete Teams der internationalen Arbeitersportbewegung gespielt.
Im November 1946 ereilte die FIFA nun ein Aufnahmegesuch der Sowjetunion. Zwischen den Kriegen hatten sich namentlich Jules Rimet und der deutsche FIFA-Generalsekretär Ivor Schricker um die Mitgliedschaft des riesigen Staates bemüht. Mit dem Ende der organisierten internationalen Arbeitersportbewegung waren den Sowjets nun die Gegner ausgegangen.

- Jules Rimet
Bereits im November 1945 war Dynamo Moskau durch Großbritannien getourt, auf Einladung der britischen Regierung, um gemeinsam den Sieg über Hitler-Deutschland zu feiern. Am 13. November 1945 wurde an der Londoner Stamford Bridge der erste internationale Auftritt einer sowjetischen Fußballmannschaft nach dem Zweiten Weltkrieg angepfiffen. Vor 85.000 Zuschauern trennten sich Hausherr Chelsea und Dynamo Moskau unentschieden.
Der Manchester Guardian attestierte den Gästen, sie hätten auf höchstem internationalen Niveau gespielt und eigentlich den Sieg verdient gehabt. Tausende begeisterter Zuschauer strömten nach dem Schlusspfiff auf das Spielfeld und trugen die sowjetischen Akteure auf den Schultern zu den Umkleidekabinen. Auch bei den Glasgow Rangers erreichte Dynamo ein Remis. Gegen Arsenal London gab es im Stadion Highbury bei starkem Nebel einen knappen 4:3-Sieg, Cardiff City wurde mit 10:1 deklassiert.
Der offizielle Eintritt der Sowjets in die „bürgerliche Fußballwelt“ erfolgte mit der Meldung eines Teams für die Olympischen Spiele 1952 in Helsinki. Im Mai 1952 bestritt die UdSSR das erste offizielle Länderspiel unter dem Dach der FIFA. Beim Olympischen Fußballturnier bezwang man Bulgarien am 15. Juli 1952 im finnischen Kotka mit 2:1, schied aber anschließend gegen Jugoslawien – nach einem Wiederholungsspiel – aus.
Das Team verschwand nun zunächst erneut von der internationalen Bühne und betrat diese erst wieder am 8. September 1954 mit einem eindrucksvollen 7:0-Sieg über Schweden in Moskau. Es folgte eine Indien-Reise mit drei Siegen gegen Indien in Dehli, Bombay und Calcutta. Ein 6:0-Sieg gegen Schweden in Stockholm am 26. Juni 1955 bedeutete den ersten Sieg auf "westlichem Boden".

- Konrad Adenauer
Knappe zwei Monate später, am 21.August 1955, empfing die UdSSR in der sowjetischen Hauptstadt den amtierenden Weltmeister Deutschland. Gute zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bereitete Moskau den westdeutschen Gästen einen herzlichen und bewegenden Empfang. Das Spiel korrespondierte mit einer "Tauwetterperiode" im "Kalten Krieg". Die Sowjets, die laut DFB-Nationalspieler Hans Schäfer stürmten, "als wollten sie Berlin noch einmal erobern", gewannen mit 3:2.
Wenig später reiste auch Bundeskanzler Konrad Adenauer erstmals nach Moskau. 1956 gewann das CCP-Team bei den Olympischen Spielen in Melbourne Gold. Allerdings war das Teilnehmerfeld das am schwächsten besetzte seit den Spielen von 1912, weshalb man dem Turniersieg keine große sportliche Bedeutung beimaß. Die Mehrzahl der Gegner der UdSSR waren in diesen Jahren noch immer sozialistische "Bruderländer" oder neutrale Staaten.





