Deutsche, Niederländer und die Elfmeter
von Dietrich Schulze-Marmeling
1988 wurden die Niederlande Europameister. Im Halbfinale schlug die Elftal Gastgeber Deutschland mit 2:1, späte Revanche für die Niederlage im WM-Finale von 1974. Eigentlich sollte diese nämlich bereits 1976 erfolgen, nachdem sich Niederländer wie Deutsche für die EM-Endrunde in Jugoslawien qualifiziert hatten. Bei beiden Teams waren noch zahlreiche Akteure von München 1974 dabei, doch unterlag die favorisierte Elftal um Johan Cruyff im Halbfinale der CSSR nach Verlängerung überraschend mit 1:3.

Anschließend hieß es, die Niederländer seien wohl mit ihren Gedanken zu sehr beim erhofften Finale mit der DFB-Elf gewesen. Diese erreichte zwar das Finale, musste sich dort allerdings ebenfalls der CSSR beugen. Erstmals wurde bei einem großen Turnier die Entscheidung per Elfmeterschießen gefällt. Uli Hoeneß donnerte den Ball in den Belgrader Nachthimmel, und die CSSR war Europameister. Hoeneß’ Fehlschuss sollte dem DFB-Team eine Lehre sein.

Die Deutschen avancierten nun zu Experten in dieser Disziplin und sollten bis heute kein Elfmeterschießen mehr verlieren. Bei WM-Turnieren siegte das DFB-Team 1982 (Halbfinale gegen Frankreich), 1986 (Viertelfinale gegen Mexiko), 1990 (Halbfinale gegen England) und 2006 (Viertelfinale gegen Argentinien) im Elfmeterschießen, bei der EM war man hier 1996 (Halbfinale gegen England) erfolgreich.
Ganz anders die Niederlande, die trotz des EM-Triumphes von 1988 in erster Linie ein Team der verpassten Chancen sind. Auch wegen ihres notorischen Versagens beim Elfmeterschießen. In die EM 1992 ging Titelverteidiger Niederlande als Favorit und führte in der Gruppe das DFB-Team beim 3:1-Sieg regelrecht vor. Doch im Halbfinale scheiterte man im Elfmeterschießen am krassen Außenseiter Dänemark. Wie schon 1976 war das Team zu sehr mit seinen Gedanken bereits beim Finale, wo man die Deutschen ein weiteres Mal demütigen wollte. Bei der EM 1996 kam das „Aus“ im Viertelfinale gegen Frankreich....nach Elfmeterschießen. Bei der WM 1998 scheiterten die Niederlande erst im Halbfinale... an Brasilien und im Elfmeterschießen.

Der Höhepunkt des niederländischen Elfmetertraumas ereignete sich bei der EM 2000 im eigenen Land. Im Halbfinale gegen Italien verschoss die Elftal insgesamt fünf Elfmeter – zwei während der regulären Spielzeit, drei beim Elfmeterschießen. Damit waren die Niederlande bereits zum vierten Male in Folge bei einem großen Turnier im Elfmeterschießen gescheitert. Von 19 Elfmetern, die die Elftal in diesen vier Turnieren schoss, konnte sie nur elf verwandeln.
Eine Erklärung für das niederländische Versagen am Elfmeterpunkt lautet: Für die „Meister des Balles“ sei ein Sieg durch Elfmeterschießen unter ihrer Würde, weshalb man diese Disziplin nicht sonderlich ernst nehmen würde. Ohnehin sei der Sieg nicht alles. Dies geht zurück auf das WM-Finale 1974, wo die Oranjes leichtfertig den Sieg vergaben. Einige Spieler suchten anschließend in der Behauptung Zuflucht, wichtiger als das Ergebnis sei gewesen, „dass wir die Besseren waren“. Seither herrscht der Mythos, brillanten Fußball zu spielen sei wichtiger als die Frage eines Weiterkommens. Und da ein Elfmeterschießen nichts mit „Spielen“ zu tun habe, sei dies eine profane Veranstaltung.
Nach dem Elfmeterdrama von Rotterdam 2000 versank das Land allerdings in eine kollektive Depression. Bei der EM 2004 musste die Elftal im Viertelfinale zum fünften Male seit 1992 zum Elfmeterschießen antreten. Gegner waren die Schweden, und erstmals in der Geschichte großer Turniere behielt Oranje die Oberhand.





