Anno 1924 - Eidgenossen sind erster Europameister

Genfer See 1914

Die Wiege des kontinentalen Fußballs stand in den elitären Privatschulen am Genfer See, die in größerer Zahl von Söhnen britischer Industrieller besucht wurden.
Im 'Institut du Chateau de Lancy' wurde bereits in den 1840ern und 1850ern ein Ballspiel mit unklaren Regeln gespielt. Im 'Institut de la Chatelaine' spielten die Zöglinge 1869 Fußball - zunächst vermutlich nach den Regeln von Rugby. Die britischen Schüler übertrugen den Fußball-Virus auf ihre Schweizer Mitschüler, die nun ebenfalls als Vereinsgründer und Multiplikatoren des Spiels tätig wurden - auch jenseits der Landesgrenzen und hier insbesondere in Katalonien, Norditalien und Südfrankreich.

So waren 15 der 25 Gründer des FC Torino Schweizer. In Mailand kam es 1908 beim Milan Cricket and Football Club zu einem Disput zwischen Einheimischen und Ausländern. Unter letzteren befand sich auch einige Schweizer wie Enrico Hintermann, der zum Motor einer Abspaltung avancierte, die sich bezeichnenderweise FC Internazionale - kurz: Inter - nannte. Als Inter 1910 die nationale Liga gewann, standen neun Schweizer im Team.

Stade Helvétique Marseille, zwischen 1909 und 1913 dreimal Französischer Meister, wurde von einem Kreis Schweizer Geschäftsleute aus der Taufe gehoben. In Katalonien wurde 1899 vom Schweizer Hans Kamper der FC Barcelona ins Leben gerufen.


Walter Bensemann

Die treibenden Kräfte des Fußballs gehörten zur Schicht der mobilen Eliten, und viele der ersten Adressen waren "Migrantenvereine".

Auch Deutschlands Fußballpionier Walther Bensemann verdankte seine erste Kontaktaufnahme mit dem "englischen Spiel" dem Besuch einer Bildungseinrichtung am Genfer See. Der Sohn eines Berliner Bankiers wurde im Alter von zehn Jahren auf eine englische Schule in Montreux geschickt, wo er 1883 erstmals Zeuge eines Football-Matches englischer Mitschüler wurde, die allerdings die Rugby-Variante praktizierten.


Olympiasieger Uruguay

Das 4. Olympische Fußballturnier 1924 in Paris war mit 22 Teilnehmern die bis dahin hochkarätigste internationale Fußballveranstaltung. Mit Uruguay war erstmals auch Südamerika vertreten. Von den bedeutenderen europäischen Fußballnationen fehlten somit lediglich England, Schottland, Österreich und Deutschland.

Da zu diesem Zeitpunkt noch keines der teilnehmenden Länder den Professionalismus offiziell eingeführt hatte, gingen auch nur erste Garnituren an den Start. Das Endspiel bestritten Uruguay und die Schweiz, die sich zuvor gegen Litauen (9:0), Tschechoslowakei (1:1, 1:0), Italien (2:1) und Schweden (2:1) durchgesetzt hatte.


Europameister Schweiz

Vor 60.000 Zuschauern im Stade des Colombes unterlagen die Eidgenossen den Ballkünstlern um Andrade mit 0:3.

Als bester europäischer Teilnehmer wurden die Schweizer zum inoffiziellen Europameister gekürt. Im Bahnhof von Basel bereiteten Tausende von Fans den zurückkehrenden Spielern einen begeisternden Empfang. Es war bis heute der größte Erfolg einer Schweizer Fußballnationalmannschaft.