Laudatio
Die Laudatio von kicker-Herausgeber Rainer Holzschuh auf den Preisträger des Walther-Bensemann-Preis Sir Robert 'Bobby' Charlton.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
Ich gehe mal davon aus, dass Sie - die Sie alle wohl große Fußball-Enthusiasten sind - die gesamte Palette an Profi-Charakteren vor Augen haben: Den eleganten Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer, den emsigen Uwe Seeler, den kauzigen Eric Cantona, den Smiley Jürgen Klinsmann, den verbissenen Oliver Kahn, den überharten Gattuso, und, um irgendwie unseren Ruhmreichen mit einzubringen: den überaus temperamentvollen Pinola. Eine weitere Kategorie, die auf dem Fußballplatz nicht sehr häufig anzutreffen ist, verkörpert der Mann, den wir heute Abend mit dem Walther-Bensemann-Preis ehren: Den Gentleman-Kicker. Sir Bobby Charlton gilt weltweit als der seriöse, bedachtsame, aufrichtige, ehrliche und überall respektierte Weltstar - ohne Allüren, ohne Skandale, ohne überzogene Selbstdarstellung; aber mit Selbstdisziplin, innerer Ruhe, einer enormen Ausstrahlungskraft und einem großen Herz für seine Mitspieler und seine Fangemeinde. Natürlich auch ausgestattet mit einem fulminanten Quantum fußballerischer Genialität, wie sie nur wenigen außergewöhnlichen Sportlern zu Eigen ist.

- Rainer Holzschuh übergibt den MAX an 'Bobby' Charlton © Daniel Marr
Diese nicht übertriebene, höchst seltsame Komposition aus Charakter und Können haben ihn zu einer Ikone nicht nur aller britischen Menschen werden lassen, er ist weltweit bekannt und hoch geachtet. Sein Buchautor James Lawton fasst in einem Satz die Aura zusammen, die Charlton um sich verbreitete: "Die Bedeutung eines Bobby Charlton übertrifft die bloße Fußball-Technik. Es ist vielmehr Lebensstil und Geisteshaltung, die die bloßen Zweikämpfe des Fußballs übersteigen. Und die sicherlich nicht zum Überschwang neigende Frankfurter Allgemeine Zeitung hat ihn kürzlich fast hymnisch beschrieben: "Sein Name, seine Aura, seine von innen besonnte stete Freundlichkeit fasziniert auch Menschen und Sportler aus ganz anderen Weltgegenden. Charlton ist eine volksnahe und doch beinahe mythisch verehrte Spielernatur geblieben. Er verkörpert die gute alte Zeit und den guten Geist des Fairplay im englischen Fußball - symbolischer und glaubwürdiger als jeder andere" (Zitat Ende). Sein legendärer Trainer Matt Busby fasste das Phänomen Charlton viel knackiger zusammen: "Bobby ist als Fußballer so perfekt wie als Mensch!"
Wenn Sie jetzt, meine sehr verehrten Damen und Herren, bei all diesen hehren Worten an eine übersinnliche Figur denken ohne realen Hintergrund: Der Herr, der dort sitzt, ist besagter Bobby Charlton und ein Mensch aus Fleisch und Blut - ich war in den letzten Jahren oft genug mit ihm zusammen, um dies bestätigen zu können.
Er war und ist in der Tat ein wahrer Gentleman, auf dem Platz, außerhalb des Platzes. Auch auf dem Platz vereinte er alle Charakterzüge in sich, die man von einem Vorbild des Fußballs auch nur im Entferntesten verlangen kann: Können, Fleiß, mannschaftskonformes Denken und Handeln, die notwendige Prise Selbstvertrauen. Und, was im Sport leider nicht immer Gang und Gäbe ist, das Selbstverständnis des fairen Verhaltens.
Im FAZ-Zitat befindet sich dieses Stichwort "Fairplay", das heute gerne gebraucht oder sagen wir: missbraucht, doch viel zu selten befolgt wird. In seiner gesamten Laufbahn mit mehr als 700 Pflicht- und ungezählten Freundschaftsspielen ist er kein einziges Mal vom Platz gestellt, nur ein einziges Mal - wegen eines hinterher aufgeklärten Missverständnisses - verwarnt worden! Von sogenannten "Schwalben", Provozieren, dem heute ständigen Ausspucken brauchen wir ohnehin nicht zu reden...
So klingt sein sportbezogenes Credo allzu verständlich: "Man sieht heute zu viele unfaire Dinge. Alle großen Spieler haben immer fair gespielt. Ich habe nie gesehen, dass ein Beckenbauer, ein Crujff, Pele, Eusebio, di Stefano oder Gullitt ein grobes Foul begangen hätten, die hatten das gar nicht nötig. Wir haben sie alle als großartige Fußballer in Erinnerung, während diejenigen, die sich mit unfairen Mitteln durch ihre Karriere boxen, schnell vergessen werden. Ich war nie an Fouls oder Betrügereien im Spiel interessiert, es wäre mehr ein Eingeständnis gewesen, dass ich es auf faire Art nicht schaffe!" Man sollte allen überharten Profis diesen Satz an ihren Spind hängen! Und: Mir schienen diese Aussagen Charltons für die heutige Zeit wichtig genug, sie zentral in die Laudatio einzubauen!
Die Vita von Sir Bobby liest sich wie aus dem Bilderbuch des Sports: Geboren im Oktober 1937, entstammte er einer wahrlich fußballbegeisterten Familie aus einer kleinen Bergarbeiterstadt im Nordosten Englands; ein Verwandter war gar Nationalspieler, sein Bruder Jackie wurde übrigens wie er später Weltmeister. Als 15-Jähriger zog es ihn nach Manchester, wo er vorspielen durfte und als Lehrling genommen wurde. Mit gerade 19 Jahren wurde er im Oktober 1956 erstmals in die 1. Mannschaft berufen, wobei er gleich zwei Treffer zum 4:2-Sieg beisteuerte. Eine Ära begann, die er gleich als einer der Stützpfeiler zum Gewinn der englischen Meisterschaft unterstrich, mit einem Verein, der damals wie heute Kult ist. National, aber auch weltweit. Mehr als ein Dutzend nationale Titel und der Gewinn der Champions League, damals Europapokal der Landesmeister, mit ihm als Kapitän folgten. Das Wort ManU verzaubert seitdem Hunderte von Millionen Menschen auf allen Kontinenten.

- © Daniel Marr
Dennoch musste Sir Bobby am Anfang seiner Karriere bitter erfahren, wie eng Glück und Unglück im wahrsten Sinne des Wortes beieinander liegen können: Am 6. Februar 1958 stürzte eine Maschine, mit der kompletten Mannschaft von Manchester United an Bord, auf dem Münchner Flughafen Riem ab. Acht der 23 Todesopfer waren Teamkollegen, Bobby Charlton wurde nur leicht verletzt geborgen. Charlton selber spricht von seinem Leben als ein Wunder, wenn er sagt: "Die Wahrheit ist, dass mir, obwohl ich hart an meinen Gaben arbeitete, mein Lebensweg wie ein geschenktes Wunder vorkommt. Aber 1958 in München musste ich auch lernen, dass Wunder ihren Preis haben!" Dieses Horrorszenario hat Bobby Charlton tief geprägt und zu einem sehr besinnlichen Menschen gemacht. Vielleicht sogar seinen Ehrgeiz gestärkt, ManU dennoch zu einer Marke von internationalem Ruf zu verhelfen. "Wir durften damals nicht aufgeben, das waren wir unseren toten Kameraden schuldig," bekannte er später.
Bobby Charlton hat niemals aufgegeben, aber alles erreicht im Leben. Er wurde 1966 Weltmeister, Europas und Englands Fußballer des Jahres, Europapokalsieger, Landesmeister, und schließlich erhielt er neben Dutzenden von Ehrungen 1994 aus der Hand der Queen die Ernennung in den Adelsstand zum "Knight Commander of the Order of the British Empire".
Sein sportlicher Höhepunkt, die WM 1966 mit dem Finale in London geht ohnehin als eine der meist diskutierten Spiele in die Geschichte des Fußballs ein. Nicht nur weil Bobby Charlton und unserer früherer Bensemann-Preisträger Franz Beckenbauer sich als direkte Kontrahenten faszinierende Duelle lieferten, nicht nur weil es ein großartiges Finale auf Augenhöhe war, sondern wegen des weltweit diskutierten "Wembley-Tores", das England letztlich den Titel brachte. Ich gehe mal davon aus, lieber Bobby, dass Du uns auch nicht schlussendlich sagen kannst - oder willst - ob der Ball wirklich drin war. Wahrscheinlich hat der Schiedsrichter vom letztjährigen Achtelfinale bei der WM eine Art Selbstjustiz üben wollen und bei Frank Lampards Tor zum vermeintlichen 2:2 sich gesagt, wenn meine Kollegen damals alles falsch gemacht haben, dann zeige ich denen heute auch eine lange Nase...
Deutschland war ohnehin Meilenstein für wichtige Charlton-Spiele: Das letzte, das 106. Länderspiel bestritt er vier Jahre später im Viertelfinale der WM von Mexiko ausgerechnet gegen die DFB-Auswahl und erneut gegen Beckenbauer, als Trainer Bill Ramsey den 32 jährigen beim Stand von 2:1 für England auswechselte, um ihn wegen der tropischen Hitze für das Halbfinale zu schonen. Welch tragischer Irrtum!

- Das Präsidium der Akademie gratuliert © Daniel Marr
Eine Stelle aus seinem Buch, meine sehr verehrten Damen und Herren, möchte ich Ihnen nicht vorenthalten: Seine gedachte Welt-Elf aller Ausländer, gegen die er je gespielt hat - und in seiner aktiven Zeit traf er zwangsläufig auf jede Größe. Wir haben vor Bobby fünf Bensemann-Preisträger gekürt, zwei von ihnen waren große Trainer, drei großartige Fußballer, und alle drei sind bei ihm vertreten. Seine Welt-Elf hat folgende Aufstellung: Bert Trautmann, unser Preisträger 2008 – und da fügt Bobby hinzu: Ich stelle ihn noch über Jaschin und Schmeichel; Djalma Santos, John Charles, Franz Beckenbauer, unser Preisträger 2006, Paolo Maldini - Michel Platini, Alfredo di Stefano, unser Preisträger 2007, Johan Crujff, George Best, Diego Maradona, Pele. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir den einen oder anderen aus dieser Elf noch als Deinen Nachfolger hier sehen werden, lieber Bobby. Und wir wären glücklich, wenn Du dann auch anwesend wärest.
Bobby Charlton hat sich auch nach seiner aktiven Karriere, die ihn nach 20-jähriger Tätigkeit für ManU zum Ausklang noch zu kleineren Vereinen weit weg bis hin nach Australien führte, immer um den Fußball gekümmert: Einige Jahre als Trainer, dann als Vorstandsmitglied, und seit 1984 bis zum heutigen Tag als Direktor bei Manchester United, sowie im Fußball-Komitee der FIFA in beratender Funktion. Was seinen lauteren Charakter unterstreicht, sind seine vielfachen karitativen Tätigkeiten: So wirkt er in einer Krebs-Stiftung ebenso mit, wie äußerst aktiv in einem Kuratorium im Kampf gegen Landminen, in FIFA-Charity Projekten und in der Laureus World Sports Academy. Sein Leben beschreibt Charlton in seinen beiden viel beachteten Büchern eindrucksvoll. Sein Fazit: "Ich musste lernen, das Glück zu genießen, als ich erkannte, dass Fußball für mich niemals so sehr ein Muss war als eine Freude!" Und vielleicht noch ein Zitat am Ende mit einen freundlichen Ausblick für den Fußball der Zukunft:"Ich habe eine große Hoffnung für diese und die nächste Generation von Fußball-Stars: Dass Freude und Genugtuung, wie ich sie kannte, auch weiterhin geweckt werden!" Das lässt hoffen, lieber Bobby!
Wir kennen uns seit nunmehr fast zwanzig Jahren, seit unserem ersten Treffen auf einem traditionellen japanischen Schiff in der Bay of Tokio. Veritable Geishas mit einem beeindruckenden Auftreten in puncto Tradition und Kultur erläuterten uns Land und Leute. Du erinnerst Dich, Bobby. Ich habe Dich seit diesem Tag als einen wahrhaft großen Menschen weit über die Bedeutung des Fußballs schätzen gelernt. Ich wünsche allen Fußballern auf dieser Welt, dass sie ein Stück Deiner Lebenshaltung verinnerlichen und damit den Fußball ehrlich und weiterhin liebenswert machen.
Herzlichen Glückwunsch zum Walther-Bensemann-Preis 2011!





