Laudatio
Die Laudatio von Norbert Niclauß, Referent beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), auf den Bildungspreisträger "Bleib am Ball".
Guten Abend,
bevor ich der eigentlichen Aufgabe nachkomme und den Preisträger lobe, möchte ich kurz auf die Entwicklung des Bildungspreises zurückblicken. Der „Lernanstoß“ wurde vor fünf Jahren zum ersten Mal vergeben, und ich erinnere mich noch gut daran, dass die Ausschreibung nicht frei von Unsicherheit war: Ist die Zielrichtung klar? Würde es genügend Bewerbungen geben? Und gäbe es dabei hinreichend interessante Projekte?

- Fokus auf die Bildung: Laudator und Jury-Kapitän Norbert Niclauss © Daniel Marr
Die Antworten fielen schon 2006 positiv aus, aber das Bewerberfeld 2011 zeigt im Vergleich, dass sich das Feld Fußball und Bildung bemerkenswert entwickelt hat. Eine beachtliche Verbreiterung ist zu beobachten, und das Feld scheint heute klar konturiert. Schwerpunkte und Trends lassen sich ablesen, zum Beispiel seit einigen Jahren in der Leseförderung. Bei den Bewerbungen wurde in diesem Jahr übrigens auch ein geografischer Trend deutlich, denn viele bemerkenswerte Projekte entstehen in Bremen und Niedersachsen.
Über die Ursachen der regionalen Konzentration kann ich hier nicht spekulieren und über die allgemeine Entwicklung auch nur in Stichworten. Im Hintergrund mag der generelle Bildungseifer stehen, der sich – zu Recht – im Schatten von PISA entfaltet hat. Auch die noch weiter gewachsene Bedeutung des Fußballs im gesellschaftlichen Diskurs spielt hier sicherlich eine Rolle. Ein konkreter Faktor bei der Verbreiterung des Feldes Fußball, Bildung und Kultur ist die Institutionalisierung, die in den letzten Jahren stattgefunden hat. Ich denke hier natürlich an die Akademie, aber ebenso an die Kulturstiftung des DFB. Einen weiteren Faktor bildet der Schub der großen Turniere. Zur Frauen-Weltmeisterschaft gab es in allen WM-Städten – aber auch in Nürnberg – beachtliche Kulturprogramme mit ausgeprägtem Bildungsbezug. Die DFB-Kulturstiftung hat sich hier stark engagiert. Auch mein Haus – der BKM – konnte mit kleiner Münze zwei Projekte zur Frauen-WM unterstützen; außerdem haben wir den „Lernanstoß“-Gewinner des vergangenen Jahres gefördert.
Ich erwähne das nicht nur, um Werbung zu betreiben, sondern um die Veränderung zu verdeutlichen: Vor fünf Jahren wurde die Teilnahme an einer Fußball-Bildungspreisjury noch als eher esoterisches Hobby wahrgenommen; heute werde ich regelmäßig in unserer Projektgruppe Kulturvermittlung um fußballerischen Rat gebeten.
Bevor nun die Fußball-Bildungseuphorie ihren Höhepunkt erreicht, komme ich zum Preisträger. Wie Sie gleich sehen werden, ist in diesem Jahr die Laudatio selbst didaktisiert: Die Würdigung wird in Echtzeit anschaulich unterlegt; das schult übrigens auch die Medienkompetenz hier im Saal.

- Renate Dittscheidt-Bartolosch und Chiara Menzel freuen sich mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein über ihren MAX © Daniel Marr
Die Bilder geben einen guten Eindruck. Sie zeigen, dass die Ausstellung „Bleib am Ball“ nah an der kindlichen Lebenswelt ansetzt, dass sie auf Augenhöhe konzipiert ist. Sie erfüllt damit ein wesentliches Kriterium für die Entscheidung der Jury: Es geht um Eigeninitiative und spielerisches Lernen. Ein Projekt also nicht nur für, sondern vor allem von und mit Kindern, von denen 90 schon an der Vorbereitung beteiligt waren.
Die Besucher können an verschiedenen Stationen in Rollen schlüpfen: Fan, Spieler, Schiedsrichter und Moderatorin. Dabei erschließen sich die Kinder nicht nur die Welt des Fußballs, sondern auch Themen jenseits des Spiels. Deutlich wird dies besonders im beeindruckenden Begleitprogramm mit Workshops, Filmen, Lesungen und sportlichen Angeboten. Das Projekt spricht Kinder also auf allen Ebenen an: motorisch, emotional, sozial und kognitiv. Dem entspricht die Bandbreite der Themen. Bibiana Steinhaus beantwortete zum Beispiel die Frage „Wie werde ich Schiedsrichterin?“, es gab eine Veranstaltung zu „Hungerlöhnen in Nähfabriken“, die Kinder konnten aber auch der Reiterstaffel der Polizei über die Schulter schauen.
Ein solches Spektrum kann man nur transportieren, wenn man ein breites Umfeld aktiviert. Auch das ist den Ausstellungsmachern vorbildlich gelungen: Partner waren u.a. ein Stadtteilzentrum, Kitas und Schulen, die Kirchengemeinde, der Niedersächsische Fußballverband, der Tischfußballverein „Partisanen Hannover“ aber auch Hannover 96, ein Kino, diverse Stiftungen und private Unterstützer wie Per Mertesacker. Mit anderen Worten: ein Community-Ansatz par excellence.
Die genannten Aspekte haben die Jury zu einem glasklaren Urteil geführt. Das war in der Geschichte dieses Preises nicht immer so. In den ersten beiden Jahren hat die Jury jeweils zwei Preisträger ermittelt. Sie ist dann zu einem Gewinner und einer lobenden Erwähnung übergegangen. In diesem Jahr ist unsere Entscheidung zum ersten Mal eineindeutig: Der „Lernanstoß“ 2011 geht an „Bleib am Ball“ des Vereins „Zinnober – Ein Museum für Kinder in Hannover. Herzlichen Glückwunsch und bleiben Sie dran!





