Laudatio

Jürgen Kaubes Laudatio auf Dietrich Schulze-Marmeling und dessen prämiertes Werk Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Was ist das Gegenteil von Fußball?

Nun, die einen werden sagen: Handball, und ich will nicht leugnen, dass an dieser scharfsinnigen Antwort etwas dran ist. Aber Diego Maradona, Sie erinnern sich, hat sie am 22. Juni 1986 widerlegt. Manchmal ist Fußball Handball. Andere werden antworten: Das Gegenteil von Fußball ist der 25. Juni 1982, 17 Uhr 15, die Schande von Gijon nahm ihren Lauf. Ja, das war auch ein Gegenteil von Fußball.


Das Buch von Dietrich Schulze-Marmeling, das wir hier ehren, „Der FC Bayern und seine Juden. Aufstieg und Zerfall einer liberalen Fußballkultur“, enthält eine andere Antwort auf unsere Frage. Und zwar eine historisch ebenso überraschende wie zutreffende. Sie lautet: Das Gegenteil von Fußball ist Turnen.

Der Fußball nämlich, das zeigt Schulze-Marmeling, war in seinen deutschen Anfängen eine bürgerliche, kosmopolitische, dem Profitum zugewandte und unideologische Leibesübung. Der Fußball begeisterte in seinen Anfängen darum nicht nur, aber vor allem weltläufige Leute.

© Daniel Marr


Der FC Bayern München ist das beste Beispiel dafür. Seine Gründungsmitglieder kamen unter anderem aus Berlin, Leipzig, Düsseldorf, Bremen und Dortmund. Der Anstoß zu seiner Gründung kam von einem jüdischen Freiburger Mediziner. Der erste Präsident war ein preußischer Fotograf, ihm folgte ein holländischer Chemiker, dessen Dissertation von Portwein handelte.

Und wieso ist das jetzt das Gegenteil von Turnen?

Nun, als der Deutsche Fußballbund im Jahr 1900 gegründet wurde, fehlten bayerische Vertreter. Der wichtigste Sportklub Bayerns damals lehnte als Turnverein den Beitritt zu einem reinen Fußballverband ab. Deutsche Turner machten sich nicht mit Kosmopoliten oder gar Judenfreunden gemein. Sie waren völkisch, die Fußballer international. Die Turner waren Franzosenhasser, die meisten Fußballer Englandfreunde. Sie, die Turner, waren kernige Amateure, was blieb ihnen auch übrig, kein Mensch hätte dafür bezahlt, ihnen zusehen zu dürfen. Manche Fußballer hingegen begriffen sofort, dass Geld dem Sport nicht schadet, sondern nützt.

Das ist die Geschichte, die Dietrich Schulze-Marmeling erzählt: Die Geschichte eines Vereins, der von 1900 bis 1933 ein liberaler, weltoffener Verein war, in dem auch Juden willkommen waren. Das war allerdings auch unter den Fußballern nicht überall so. Schon beim Stadtrivalen TSV 1860 ging es ganz anders zu. Und der Streit um das Profitum spaltete früh den Fußball auch intern.

Schulze-Marmeling erinnert an die Juden des FC Bayern, den Präsidenten Kurt Landauer, den Trainer Richard Dombi und den Jugendfunktionär Otto Beer zum Beispiel, unter deren Regie 1932 in Nürnberg die erste Deutsche Meisterschaft gewonnen wurde.

Laudator Jürgen Kaube und Preisträger Dietrich Schulze-Marmeling lauschen zusammen mit Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und Theophil Graband der Grußbotschaft von Karl-Heinz Rummenige © Daniel Marr

Kurz darauf galt der Verein als „Judenklub“, was er, wie Schulze-Marmeling unterstreicht, nicht war. Die Geschichte der Niedertracht beginnt. Und hört auch nicht mit dem Zweiten Weltkrieg und mit dem Massenmord an den europäischen Juden auf. Denn danach war man selbst beim FC Bayern peinlich von sich selbst berührt und verzieh den Opfern lange nicht, dass sie dazu gemacht worden waren. Dietrich Schulze-Marmeling zeigt uns, wie ambivalent Moral sein kann: Als Kurt Landauer nach München zurückkehrt, wird er sogar noch einmal Vereinspräsident. Als er aber 1961 stirbt, wird im Vereinsnachruf mit keinem Wort erwähnt, dass er Jude war. Heute erst, so Schulze-Marmeling, habe der FC Bayern „zu seiner Geschichte gefunden“; dazu haben nicht wenig übrigens die „Ultras“ von der „Schickeria“ beigetragen.

Wir vergeben den Buchpreis der Akademie also an ein Werk, das exemplarisch zeigt, wie in diesem Sport mit großen Mühen und oft vergeblich um eine sachliches, weltoffenes Leistungsmilieu gestritten wurde. Wir vergeben ihn an ein Buch historischer Aufklärung.

Geehrt wird damit ein Autor, der mehr ist als ein Fußballhistoriker. Dietrich Schulze-Marmeling hat achtzehn Bücher über diesen Sport herausgebracht. Über seine legendären Trainer, seine globale Entwicklung, über seine Fans, die Geschichte der Nationalmannschaft und über die großen Turniere. Es gibt von ihm ein Buch über den FC Barcelona, ein Standardwerk über die Bayern, zwei über Preußen Münster und drei über Borussia Dortmund. Jedes dieser Bücher dient dem Sport durch das Bemühen, ihn so zu sehen, wie er ist. Wir ehren mit dem Preis „Fußballbuch des Jahres 2011“ insofern auch ein Werk, das zeigt, dass Erkenntnis der Bewunderung nicht schadet und Wissen der Begeisterung nicht.


Rummenigge gratuliert

Karl-Heinz Rummenigge ließ es sich nicht nehmen dem Autor für sein "mutiges Werk" und dem Preis zu gratulieren. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München zeigt sich selbst besonders interessiert an der geschichtlichen Aufklärung. Lange Zeit bestand von Seiten des Vereins eher wenig Interesse.


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