Laudatio: Bensemann-Preis
Rainer Holzschuh ist Herausgeber des kicker-sportmagazins und in dieser Funktion Teil der Jury des Walther-Bensemann-Preises. Als journalistischer Wegbegleiter und persönlichem Freund des in diesem Jahr ausgezeichneten Otto Rehhagels oblag es auch ihm, die Laudatio zu halten.

- Rainer Holzschuh © Karl-Friedrich Hohl
Eigentlich stammt Otto Rehhagel aus dem bürgerlichen Lager. Ein Essener Junge mit Bergarbeiter-Milieu, wie es einst im Kohlenpott zur Fußball-Tradition gehörte. Nur allzu logisch, dass es ihn zu "König Fußball" zog, der fortan sein Leben prägte. Doch dass man ausgerechnet einem heranwachsenden eisenharten Verteidiger dereinst den Titel „König Otto“ verpassen würde, hätte er seinerzeit wohl als Nonsens abgetan. Titel jedoch, in jedweder Form, gehören nun einmal zur einzigartigen Vita des Trainer Rehhagel: Deutscher Meister, deutscher Pokalsieger, Europapokalsieger, und schließlich, als Krönung des Ganzen: Europameister! Hervorstechend in dieser Sammlung: Nicht ein Titel wurde ihm dank übervoller Geldschatullen und millionenschwerer Spielertransfers auf dem silbernen Tablett angeliefert - Otto Rehhagel hat aus der Wundertüte des Fußballs selber die Stars produziert und mit dem vermeintlichen Goliath Erfolge produziert.
Bis jetzt, lieber Otto, ist alles richtig, was über Dich gesagt wurde, oder? Denn von Dir stammt schließlich der Ausspruch: "Neunzig Prozent dessen, was Sie über mich lesen oder hören, ist falsch!"
Niemals falsch können die reinen Fakten Deiner Vita sein: Du bis jetzt 72 Jahre alt, hast in Essen Fußball spielen gelernt, erst bei TuS Helene, dann bei Rot-Weiss. Und als die Bundesliga gegründet wurde, warst Du gleich am ersten Spieltag dabei: Am 24. August startetest Du Deine Profi-Karriere bei Hertha BSC, holtest beim 1:1 gegen - na wen? - den 1. FC Nürnberg einen Punkt, und mußtest gleich gegen Max Morlock ran. Was Du, wenn man den damaligen Berichten glauben darf, sehr ordentlich gemacht hast - trotz des 0:1 durch Morlock.
Insgesamt 201 mal hast Du in der Bundesliga bis in das Jahr 1972 hinein gespielt, für Hertha und den 1. FC Kaiserslautern. Robust warst Du als Abwehrspieler, ja gefürchtet. Obwohl Du mir stets versichert hast, dass Deine Spielweise im besten Sinne herzhaft war - was immer man darunter verstehen mag.

- Die Preisübergabe mit Toni Schnell (r.) vom Olympia-Verlag © Karl-Friedrich Hohl
Als Deine Mitspieler noch von Toren und Siegen träumten, hast Du bereits den Trainerschein gemacht, 1970, unter dem berühmten Hennes Weisweiler. Mit lauter Zweiern im Zeugnis, ausgenommen ausgerechnet der Rhetorik, als Du bei Deinem Vortragsthema den Faden verlorst. Garniert mit einem Lächeln von Weisweiler. Wie mir später glaubhaft berichtet wurde. Der gute Hennes muss damals bereits geahnt haben, dass da jemand heranwuchs, der dereinst an seiner Aura als Realist auf dem Trainerstuhl kratzen könnte. Denn Hennes war ein gewiefter Fuchs, wie wir beide wissen...
Zwei Jahre später begann Deine professionelle Trainerlaufbahn. Anfangs mit stetigem Wechsel zwischen Höhen und Tiefen, das Dir über viele Jahre hinweg den Ruf des "Feuerwehrmannes" eintrug - in schwierigen Situationen schnell geheuert, ebenso schnell – manchmal vorschnell – gefeuert. Es war eine verrückte Bundesliga-Zeit, anders als heute, aber nicht minder aufregend. Was Dich damals zu dem vorschnellen Fazit verleitete: "Mit fünfzig bin ich im Irrenhaus. bis dahin möchte ich aber so viel verdient haben, dass ich wenigstens erster Klasse liegen kann!"
In diesen Tagen haben wir uns kennen und ich Deine Emotionalität, aber auch Deine Professionalität schätzen gelernt. Du hast damals schon aus jeder Niederlage positive Schlüsse gezogen, und Dich damit rasant weiter entwickelt
Doch zurück zu der Vita. Die achtziger Jahre brachten den endgültigen Durchbruch als Erfolgstrainer. Mit Fortuna Düsseldorf holte Rehhagel 1980 den DFB-Pokal. 1981 wechselte er an die Weser zum SV Werder, den er interimsmäßig bereits vier Jahre vorher für vier Monate betreut hatte. Bremen wurde seine zweite Heimat. Fünfzehn Jahre blieb er dieser Liebe treu, garniert mit einer für "mittelständische" Vereine sensationellen Erfolgs-Skala: Zweimal deutscher Meister, zweimal Pokalsieger, und als Krönung der Europapokal im Jahre 1992.
Obwohl Du, meines Wissens nach, allen Heimsuchungen widerstanden hast, Dich mit Krone und Zepter fotographieren zu lassen, mag es Dir dennoch gefallen haben, dass irgendjemand , ich weiß bis heute nicht wer, Dich als den "König von der Weser" titulierte. Und Dich damit in den fußballerischen Adelsstand erhob.
Nach dem Abstecher Anfang der Neunziger Jahre zum FC Bayern, der mit seinem Hollywood-Gehabe sicher nicht zu Deiner Trainer-Philosophie passte, hast Du - man möchte es fast als Trotzreaktion kennzeichnen - zwei weitere Aufgaben in einer Art und Weise bewältigt, die Dir einen Platz in den Fußball-Geschichtsbüchern auf ewig sichern. 1997 hast Du Deine alte Liebe 1. FC Kaiserslautern wieder entdeckt, bist mit den zweitklassigen „Roten Teufeln“ in die Bundesliga zurückgekehrt, wo Du auf Anhieb ein Wunder vollbrachtest: Als Aufsteiger Deutscher Meister zu werden ist ein Erfolg, den man in Zeiten der Millionen-Transfers nicht hoch genug bewerten kann. Fachliche Stärke, gepaart mit Teamgeist, vermag also immer noch eine Scheckbuch-Mentalität zu besiegen. Wie Du dann gleich nochmals bewiesen hast. Denn sechs Jahre später gelang Dir ein internationaler Erfolg, mit dem wirklich niemand rechnen konnte: 2004, als sich Deutschlands Nationalelf zum zweiten Mal hintereinander bei einer EM blamierte, holtest Du mit dem krassen Außenseiter Griechenland den Titel eines Europameisters. Mit Spielern, von denen nicht einer in einem Top-Klub dieser Welt unter Vertrag stand. Mit einem Team, das im eigenen Land bei vielen Fans umstritten war. Mit einem Fußballstil, der oft diskutiert wurde, aber auf rationalen Erkenntnissen fußte: "Modern spielt, wer gewinnt," hast Du den Kritikern bescheinigt. Denn Dein taktisches System ist einfach, aber präzise: Du hast es mal kontrollierte Offensive genannt. Kurz gefasst: Jeder muss seine Aufgabe im Verbund mit den anderen erfüllen. Jeder muss das spielen, was er kann! Und jeder muss fit sein! Mit welch erstaunlichen Methoden Du diese Fitness erarbeitet hast, hat Dein Schützling Rudi Völler einmal zum Besten gegeben: "Ich fand Ottos Training immer sehr angenehm," konstatierte er. "Denn er ließ am liebsten den Ball rollen. Doch wenn es in Bremen zwei Tage geregnet hatte, dann sagte er das Training ab und wir gingen gemeinsam frühstücken. Bremen hat ein wunderbares Klima. Es hat dort oft geregnet..."
Eine spezielle Art, seine Spieler fit zu machen, die zur Nachahmung anregt, nicht wahr, lieber Hans Meyer?

- Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, Laudator Holzschuh, Preisträger Rehhagel mit den Jury-Mitgliedern Toni Schnell, Theophil Graband und OB Dr. Uli Maly © Karl-Friedrich Hohl
Marco Bode, der im Bus und im Trainingslager immer ein Buch bei der Hand hatte, hat mal ein weiteres Zitat von Dir zum Besten gegeben, das ich nicht vorenthalten will. Originalton Rehhagel laut Bode: "Marco, lassen Sie mal Ihre Bücher. Legen Sie sich lieber einen Fußball ins Auto - und wenn Sie an eine rote Ampel kommen, steigen Sie aus und halten den Ball zehnmal hoch."
Auch eine Art, die Spieler zu Fußball-Zauberern zu machen.
Zurück zur Realität. Solch großen Erfolge schüttelt man nicht mal so eben aus dem Ärmel. Was Dich immer charakterisiert hat und als eines Deiner Garanten gelten muss, ist die Art und Weise, Deine Mannschaften zusammenzustellen und mit den Spielern zu arbeiten. Mal holtest Du blutjunge Talente wie Rudi Völler, Karl-Heinz Riedle, Thomas Schaaf, Marco Bode, die Du zu Klasse-Leuten entwickeltest; mal waren es altgediente, ja fast ausrangierte Haudegen wie Manfred Burgsmüller, Erwin Kostedde, Klaus Allofs oder gar den Bundesliga-Dino Klaus Fichtel, der mit 44 Jahren noch heute den Methusalem-Rekord hält. Es war immer Dein Team, das Du aufbautest, zu dem Du standest, und das deshalb für Dich durchs Feuer ging. "Ich bin ein demokratischer Diktator," hast Du mal Deine Arbeitsweise beschrieben, was Deine Spieler mit absoluter Hochachtung aufnahmen: Dank der Fachlichkeit bei der Arbeit, ebenso dank der Menschlichkeit im Umgang. Du hast jeden einzelnen nicht als Objekt zur Gewinn-Maximierung, sondern als wertvollen Menschen behandelt, ihm damit eine Eigen-Verantwortung aufgebürdet und damit die Schaffung eines realen Teamgeistes ermöglicht. Du hast jedem vertraut, der sich bemühte, Vertrauen zu rechtfertigen. Du hast ein System der "Familie" in der Mannschaft geschaffen - Jeder sollte die Stärken des anderen achten, um damit die Schwächen zu kompensieren. Jeder sollte für den anderen da sein: Der Spieler für den Mitspieler, der Trainer für alle! Und damit auch alle für den Trainer.
Diese Devise hast Du mal beschrieben mit den Worten: "Es gab und gibt immer einfache und schwierige Charaktere. Man muss nur den Zugang zu ihrem Kopf und ihrer Seele finden. Alle meine Spieler haben gemerkt, dass ich sie im Grunde geliebt habe. Als Spieler muss ich sie kritisieren, als Menschen sind sie mir heilig". Zitat Ende. Andy Herzog, einer der Superstars, hat diesen Führungsstil folgendermaßen bestätigt: "Alle Spieler sind für Otto Rehhagel wie seine eigenen Söhne. Wenn man ein Problem hat, braucht man nur mit ihm zu reden. Da merkt der einzelne Spieler auch, dass man sich hundertprozentig auf ihn verlassen kann."

- Otto Rehhagel und Katrin Müller-Hohenstein - auf der Leinwand: Rehhagel als Europameister © Karl-Friedrich Hohl
Und auch ich weiß von vielen Deiner ehemaligen Profis, mit welch absoluter Hochachtung jeder von Deinem Umgangsstil spricht. Ich kenne keinen Einzigen, der Dir Negatives hinterherschickt. Eine Rarität in der heutigen Fußballgesellschaft!
Nur mit diesem ausdrücklichen Willen zur Gemeinschaft, mit Vertrauen untereinander, erwuchs gegenüber den vielfach favorisierten Kontrahenten ein Gefühl der Stärke, das auch in schwierigen Situationen nicht zu erschüttern war. Du hast dadurch immer wieder bewiesen, dass der Mannschaftssport Fußball auch eine Art Geisteshaltung verinnerlicht, und damit eine Wertigkeit in unserem kulturellen Leben , so wie es die "Deutsche Akademie für Fußball-Kultur" verdeutlichen will.
Ein weiteres simples, aber vielleicht wirklich schlüssiges Geheimnis, das neben den fußballerischen Grundtugenden Erfolg verspricht, hast Du mal folgendermaßen beschrieben: "Fußball ist einfach, und keine Wissenschaft!" Und ergänzend: "Dieser ganze Hokuspokus mit Mentaltrainern und so weiter. Ich bin bei meinen Mannschaften zugleich der Motivator, der Technik- und Taktiktrainer, und auch der Seelendoktor. Ich mache aus dem Fußball kein Computerspiel. Ich weiß, wie Fußballer ticken."
Quod erat demonstrandum: Die letzten beiden Titel waren Jahrhundert-Ereignisse und haben die Trophäen mit Düsseldorf und Bremen noch einmal getoppt. Leistungen, die nicht hoch genug anzusiedeln sind und in aller Welt Deinem Namen - und damit dem deutschen Fußball – bedeutendes Ansehen hinzugefügt haben.
Einen weiteren, ganz persönlichen Rekord möchte ich nicht vergessen: 820 Spiele als Bundesliga-Trainer hat noch keiner auf dem Buckel. Und mit den 201 Einsätzen als Aktiver – damals gab es noch keine Einwechslungen, speziell in der 89. Minute – bist Du unumschränkter Rekordhalter der Bundesliga mit dem Durchbruch der Schallmauer von mehr als tausend Spielen! – eine Leistung, die wohl für sehr lange Zeit Bestand haben dürfte! Und dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob Du nicht doch nochmals in der Bundesliga auftauchst. "Es gibt 30 jährige Greise und 70 jährige Feuerköpfe," hast Du mal gesagt. Diesen Feuerkopf nehme ich Dir heute noch hundertprozentig ab.
Lieber Otto. Ich möchte meine Laudatio nicht schließen, ohne neben den Leistungen im sportlichen Bereich auch den Menschen Rehhagel zu würdigen. So, wie ich Dich seit mehr als dreißig Jahren persönlich erlebt habe. Du hast Dich zu einem polyglotten Menschen entwickelt mit mannigfaltigen Freunden aus verschiedensten Ebenen des Lebens: Dem Fußball, der Kunst und Kultur – was ja nicht so weit entfernt ist, wie wir Mitglieder der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur wissen. Aber Du hast auch nie verleugnet – selbst in höchsten Höhen nicht – ein Mensch des Ruhrgebietes zu sein. Mit dem dort geschätzten Charakter, geradlinig, ehrlich, sich selbst treu zu sein. Du besitzt, wie jeder Mensch, reichlich ausgeprägte Ecken und Kanten. Viele Journalisten-Generationen haben unter Deinen Attitüden gelitten, wie Du unter manchen Journalisten-Kommentaren ebenso gelitten hast. Aber wen Du mal als aufrichtig und Dir wesensnah erlebt hast, dem bist Du stets auf Augenhöhe begegnet. Etwas, was im Fußball nicht selbstverständlich ist. Walther Bensemann, der Gründer des kicker und einer der Pioniere des Fußballs in Deutschland, hätte an Deiner knorrigen, aber ehrlichen Art seine Freude gehabt.
Lieber Otto, wir alle gratulieren Dir recht herzlich zur Verleihung des Walther-Bensemann-Preises.





