Laudatio: Lernanstoß

Das Projekt "Fußball trifft Kultur" von der LitCam wurde in diesem Jahr mit dem Deutschen Fußball-Kulturpreis in der Kategorie »Lernanstoß - der Fußball-Bildungspreis« ausgezeichnet. Lesen Sie hier die Laudatio des diesjährigen Jury-Vorsitzenden Norbert Niclauss.

Norbert Niclauss © Karl-Friedrich Hohl

Guten Abend,

ich habe festgestellt, dass es für mich gar nicht so leicht ist, zu einem Bildungspreis zu sprechen ohne ins Oberlehrerhafte zu fallen. Aber ich werde versuchen, mich kurz zu fassen.

Fußball und Bildung: Diese Kombination war in Deutschland eigentlich immer ambivalent. Die Anhänger des Spiels haben von Anfang an seine positiven Bildungseffekte beschrieben: von der körperlichen Fitness über die sozialen Aspekte des Mannschaftssports bis zur Völkerverständigung.

Dem steht eine bildungsbürgerliche Aversion gegenüber – gerichtet u.a. gegen die britische Herkunft des Spiels, gegen den (vermeintlichen) Arbeitersport und die Populärkultur im Allgemeinen. Man findet diese pädagogische Anti-Fußball-Haltung am Ende des 19. Jahrhunderts in einer bekannten Kampfschrift des Gymnasialprofessors Karl Planck. Er lehrte in Stuttgart das Turnen. Die Schrift trägt den schönen Titel „Fusslümmelei – über Stauchballspiel und englische Krankheit“. Sie wendet sich in scharfer Form gegen die Verrohung, die der Fußball mit sich bringe. Über den Tritt gegen den Ball sagt Planck etwa: „Zunächst ist jene Bewegung ja schon, auf die bloße Form hin angesehen, hässlich. Das Einsinken des Standbeins ins Knie, die Wölbung des Schnitzbuckels, das tierische Vorstrecken des Kinns erniedrigt den Menschen zum Affen ...“

Man findet die Abneigung des Bildungsbürgers auch noch in den 1950er-Jahren, beispielsweise am Beginn von Sammy Drechsels Roman „11 Freunde müsst ihr sein“. Dort tritt der Mathematiklehrer Peters auf, der die „blöde Ballrauferei“ verachtet, sich dann allerdings doch auf das Berechnen einer Fußballtabelle einlässt.

Die Anti-Haltung ist immer noch virulent. Mir wurde dies erst vor einigen Tagen wieder klar. Ich erwähnte den Fußball-Bildungspreis gegenüber einer sozial engagierten Kulturschaffenden, und sie vertrat daraufhin durchaus vehement die These, dass der Preis ziemlich sinnlos sei. Fußball und Bildung würden einander ausschließen.


Helga Uhlemann (Tessloff-Verlag), Preisträger Zeljko Ristic und Karin Plötz, Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein und Laudator Norbert Niclauß bei der Preisübergabe © Karl-Friedrich Hohl

In der Jury für den „Lernanstoß“ haben wir auch in diesem Jahr wieder nach dem Gegenbeweis gesucht. Und wir haben ihn gefunden, an einem sehr heißen Sommertag nach relativ kurzer Diskussion (was einen Teil der Jury übrigens nicht davon abgehalten hat, im Anschluss noch 12 Stunden über Fußball zu reden). Die Laudatio gilt dabei nicht nur dem Preisträger. Sie bezieht sich auch auf eine Bewerbung, die eine „lobende Erwähnung“ verdient hat, wie es immer etwas lapidar heißt.

Lobend zu erwähnen ist das Projekt „Fit ist der Hit“ der Villa Kunterbunt. Dieser kleine Kindergarten, ländlich zwischen Alb und Bodensee gelegen, nahm Sönke Wortmanns Film zum Sommermärchen 2006 als Ausgangspunkt. Beim Remake 2010 stellte sich den 2- bis 6-jährigen Filmemachern eine Reihe von Fragen: Wo liegt eigentlich Südafrika? Essen Fußballspieler nur Nuss-Nougat-Creme? Und: Wie verhalten sich Wirklichkeit und Film?

Aus Fragen wie diesen ergaben sich Themenwochen, die den Fußball auf ganz verschiedenen Ebenen anschaulich zum Lerngegenstand machen, eigenes Kicken inklusive. Das Projekt wurde so einfallsreich gestaltet und mit einem solchen Einsatz betrieben, dass es nach Auffassung der Jury alle Anerkennung verdient.

Nun aber zum Preisträger. Bei dem ausgezeichneten „Lernanstoß“ 2010 handelt es sich um das Projekt „Fußball trifft Kultur“. Der Film hat uns schon einen Eindruck gegeben. „Fußball trifft Kultur“ zielt auf Kinder und Jugendliche, die in ihren Bildungsvoraussetzungen benachteiligt sind. Das Projekt bietet einen effektiven Anreiz: Training bei einem Bundesligaverein. Damit wird Unterricht verbunden, der die Schule ergänzt und um den Fußball kreist: zum Beispiel Leseförderung, das Berechnen der Tabelle, Recherchen im Internet. Angebote der kulturellen Bildung sind ebenfalls Teil des Pakets.

Der Erfolg von „Fußball trifft Kultur“ liegt nicht zuletzt in der klaren Struktur. Es gibt das zentrale Gerüst des Projekts, getragen von der LitCam und engagiert vertreten von Frau Plötz. Und es gibt die lokale Anbindung mit der Kombination von Fußballverein, Schule und Kultureinrichtungen. Begonnen hat „Fußball trifft Kultur“ in Frankfurt, inzwischen sind Hamburg, Berlin und Stuttgart dazugekommen.

Damit haben wir einen Punkt, den die Jury als modellhaft im Sinne der Ausschreibung bewertet hat: Das Projekt kann ausgebaut werden oder als Vorbild für andere dienen. Es erreicht seine Zielgruppe punktgenau und versteht Bildung umfassend, denn es spricht kognitive, soziale, motorische und emotionale Gesichtspunkte an. „Fußball trifft Kultur“ ist nah am Ball, baut aber zugleich Brücken in die Welt jenseits des Fußballs. All diese Gesichtspunkte haben die Jury zu einem eindeutigen Urteil bewogen.

Herzlichen Glückwunsch!



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