Laudatio: Fußballbuch des Jahres

Bereits zum zweiten Mal reichte Birgit Schönau den Vorschlag zum Fußballbuch des Jahres ein - und durfte daher das Buch bzw. den Autor bei der großen Preisgala loben. Lesen Sie hier die Laudatio auf Christoph Biermanns "Die Fußball-Matrix. Auf der Suche nach dem perfekten Spiel".

© Karl-Friedrich Hohl

Meine Damen und Herren,

sinnloser als Fußball ist ja nur noch eins: Nachdenken über Fußball.

Dieses Zitat hat Christoph Biermann seinem Buch “Die Fußballmatrix” vorangestellt – mit jener Selbstironie, die den Autor Biermann auszeichnet und die seine Texte so lesenswert macht.

Sinnloser als Fußball ist ja nur noch eins: Nachdenken über Fußball.

Also sprach der Schriftsteller Martin Walser, den ich hiermit für die noch einzusetzende Kategorie: Fußballsprüche für die Ewigkeit vorschlagen möchte. Denn beim Fußball die Sinnfrage zu stellen, das ist wirklich etwas Existenzielles. Wer im Fußball Sinn sucht, der sucht ihn vermutlich auch im Leben, wer im Fußball keinen Sinn sieht, findet ihn womöglich noch weniger woanders, wer aber über Fußball nachdenkt, der hat wohl keine anderen Sorgen.

So könnte man Walser interpretieren, der persönlich übrigens durchaus gern dem Fußball nachdichtet. “Sie sollen wissen, Sie hätten uns durch keinen Sieg so faszinieren, so bannen, so für sich einnehmen können, wie durch dieses Hinknien”, schrieb Martin Walser nach der letzten WM in einem offenen Brief an Bastian Schweinsteiger. Der hatte sich nach der 0:1-Niederlage Deutschlands gegen Spanien erschöpft auf den Rasen gekniet, was den Dichter inspirierte. Man kann natürlich geteilter Meinung darüber sein, ob der Verlierer Schweinsteiger uns tatsächlich mehr fasziniert als der Sieger uns für sich eingenommen hätte. Und da wären wir schon wieder mittendrin beim vollkommen sinnlosen Nachdenken über Fußball.

Andererseits beschäftigte dieses Nachdenken über das Spiel, der philosophische Überbau für das Unwägbare und Unberechenbare die Menschheit schon lange bevor der Fußball überhaupt erfunden wurde. Auch die Kritik an Spiel und Spektakel als angeblich sinnfreier Volksbelustigung ist uralt, sie wurde bereits von Juvenal in seinen Satiren betrieben – der römische Schriftsteller erfand darin die Bezeichnung panem et circenses, Brot und Spiele. Im alten Rom hatten Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen tatsächlich ihr politisches Gewicht. Das Volk musste unterhalten werden, jeder Bezug zur heutigen Zeit ist durchaus zulässig. Schon in der Antike wurden Sportler mit Gold überhäuft, daran hat sich bis heute auch nichts geändert.


Der Weg dahin ist faszinierend oder auch hahnebüchen, auf jeden Fall aber bei Biermann sehr unterhaltsam zu lesen.  Man lernt eine Menge, man staunt eine Menge, man lacht auch eine Menge, mehr kann uns kein Fußballspiel bieten. “Die Geschichte des Fußballs ist voller Momente, in denen das Spiel ganz bei sich ist”, schreibt er im Vorwort und erinnert an Finalspiele, die Meilensteine setzten, weil sie bei den Zuschauern tatsächlich den Eindruck von Vollkommenheit erweckten. “Doch schon im nächsten Moment ist das perfekte Spiel verflogen”, so Biermann, “und die Suche danach beginnt von neuem. “Auf der Suche nach dem perfekten Spiel hat der Autor Statistik-Gurus des amerikanischen Baseballs getroffen, Ärzte im berühmten Labor des AC-Mailand und Sportwissenschaftler in Köln.

Allerdings ist der Sport und inbesonders der Fußball inzwischen als Teil der globalen Unterhaltungsindustrie selbst eine Wirtschaftsmacht. Eine Geldmaschine aber auch eine Geldvernichtungsmaschine. Ein System, in dem man zwar kontrollieren kann, welches Bier die Zuschauer bei einer Weltmeisterschaft trinken. Aber noch nicht ganz, wie sich die Akteure auf dem Platz bewegen.

Einerseits macht gerade diese Unwägbarkeit den Fußball so attraktiv, nicht nur für das Publikum, sondern auch für die gigantische Wettindustrie.  Andererseits tun die Herren des Fußballs alles, um ihn berechenbarer zu machen. Das heißt: Es wird immer intensiver über Fußball nachgedacht, es wird gezählt und ausgewertet und analysiert und hochgerechnet, um das Spiel zu perfektionieren.

Immer geht er dabei diesen Fragen nach: Ist Fußball wirklich eine Wissenschaft für sich? Lässt sich Fußball auf eine Formel bringen? Und kann man das Spiel aller Spiele berechenbar machen? Biermann beschreibt das Ringen um die “Fußball-Matrix” wie eine moderne Gralssuche, betrieben von Ökonomen, Medizinern und Statistikern aber auch von so manchem Ritter der Kokosnuss:

Drei amerikanische Ökonomen werten 459 Elfmeter aus, die in der ersten französischen Liga zwischen 1997 und 1999 sowie in der ersten italienischen Liga zwischen 1997 und 2000 geschossen wurden.


Sichtbar glücklich über die Auszeichnung: Christoph Biermann mit Laudatorin Birgit Schönau und Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein © Karl-Friedrich Hohl

Ein britischer Ökonom untersucht alle Spielergebnisse im englischen Fußball von 1888 bis 1996, also nicht weniger als 39.550 Spiele in der ersten Liga und 39.796 in der zweiten, 20.424 in der dritten und 20.027 in der vierten Liga. “Dabei zeigte sich”, berichtet sehr lakonisch der Autor Biermann, “dass die Torquote kontinuierlich fiel.” Wissenschaftlich bewiesen!

Zwei deutsche Wirtschaftswissenschaftler erfinden den “Neeskens-Effekt”, nachdem der Holländer Johan Neeskens beim WM-Finale 1974 seinen Strafstoß einviertelhoch genau in die Mitte geschossen hatte. Epochal, finden die Elfmeterforscher. Elfmeterforscher! Das muss man sich mal vorstellen! Ein Glück, dass diese beiden Spezialisten auch Toni Schumacher befragten, der sie so abbügelte: “Wer in die Mitte zielt, hat es nicht verdient, einen Elfmeter gegen mich zu schießen.” Ein Romantiker, der Schumacher, eine blaue Blume des deutschen Fußballs.

Früher, berichtet Biermann, habe es manchem Trainer ausgereicht, in der Zeitung über den Gegner zu lesen. Heute wird der Gegner vor jedem Europapokalmatch, jedem Länderspiel kurz und klein analysiert. Wer das am besten beherrscht, hat gute Chancen zu gewinnen – das Beispiel von Jens Lehmanns Zettel im WM-Viertelfinale gegen Argentinien 2006 ist einleuchtend. Der derzeit beste Analytiker des europäischen Klubfußballs ist wohl José Mourinho – sich dem Gegner geschmeidigst anzupassen, anstatt wie Louis van Gaal stur auf dem eigenen Spiel zu beharren, damit konnte Inter Mailand im letzten Frühling die Champions League gewinnen. Und man versteht, warum Mourinho in Mailand einen hohen Zaun um das Trainingsgelände ziehen ließ – aus Angst vor Spionage.

Die Alchimisten der Fußballmatrix wollen sich eben nicht in ihre Zauberküche schauen lassen. Obwohl es naturgemäß nur noch um Details in der Rezeptur geht. Christoph Biermann schreibt: “Es gibt inzwischen so etwas wie eine Generaltaktik für’s erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Sie besteht darin, die eigene Offensive ausschließlich von der Defensive aus zu denken. Man versucht, dem Gegner bei dessen Spielaufbau den Ball abzuluchsen und ihn dann auszukontern. Weil im Moment des Umschaltens von Offensive auf Defensive die Verteidigungsordnung am wenigsten festgefügt ist, besteht hier die größte Aussicht auf eine erfolgreiche Angriffsaktion.” Così fan tutti, so machen es inzwischen alle, mehr oder weniger. Längst ist der Fußball globalisiert, längst bestehen die nationalen Schulen nur noch in den Schubladen der Klischees fort, denn genauso international wie die Spieler sind die Trainer und die Klubärzte und die Klubpsychologen.


Christoph Biermann liest aus dem Fußballbuch des Jahres © Karl-Friedrich Hohl

Und die Akteure selbst, die Fußballer? Sind sie Produkte angewandter Wissenschaft, kickendes Kapital oder dürfen wir sie noch Spieler nennen? In einer der schönsten Szenen seines mit schönen Szenen prallvollen Buchs trifft Biermann Lionel Messi, der ihm gesteht, wie er am Computer mit sich selbst spielt – als Figur in einem Videospiel. Der Messi auf dem Bildschirm sei besser als der reale Messi, sagt der reale Messi, Zitat: “Man sieht gewisse Dinge und versucht, sie auf dem Spielfeld nachzuahmen. Aber manches davon ist auf dem Platz unmöglich.”  Auch der Überfußballer Messi, ein Spieler, der eine ganze Generation verzückt, sucht also das perfekte Spiel. Sucht die Fußballmatrix. “Lassen wir den Ball rollen, denn er schwitzt nicht”, das konnte vor 20 Jahren noch der Italiener Roberto Baggio sagen, jetzt schwitzen sie alle in ihren Krafträumen und Fitnesslabors, noch bevor sie überhaupt den Ball gesehen haben. Denn die Fußballer von heute müssen sich nicht nur an ihrem realen Gegner messen lassen, sondern auch an ihrem eigenen, virtuellen Alter Ego. Aber ist der Playstation-Messi dem echten Messi wirklich voraus?


Christoph Biermann beschreibt detailliert, sachkundig und doch mit schöner Leichtigkeit eine Fußball-Parallelwelt. Die gigantische Wissens- und Deutungsmaschinerie um das Fußballbusiness ist zwar noch nicht so weit, das alte Dogma zu verwerfen, nach dem die Wahrheit auf dem Platz liegt. Übrigens sind die Gralssucher der Fußballwissenschaft allesamt Männer, ich weiß nicht, ob es sinnvoll wäre darüber nachzudenken, warum.

Dass es in der Welt der totalen Fußballberechnung auch nicht immer mit rechten Dingen zugehen kann, ist klar – und Biermann erwähnt folgerichtig Doping und Schiedsrichterbestechung als Teil des Systems, in dem viele manipulieren wollen, weil es um so viel Geld geht.

Doch jenseits aller Berechnungen und Statistiken, abseits des Geschiebes läuft am Ende immer noch - ein Spiel. Auf dem Platz zählt auch, wie einer geschlafen hat, wie seine Tagesform ist. Und auf dem Platz zählt der Zufall. Der Zufall kann ein Finale entscheiden, er bestimmt über Schicksale und Legenden, er kann den einen  zum Weltmeister machen und den anderen zur Legende. Es liegt in der menschlichen Natur, diesen Zufall widerlegen zu wollen, um ihm dann doch zu erliegen und das ist Fußball.

Oder wie es Christoph Biermann formuliert: “Fußball bleibt auch unter den Bedingungen von Wissenschaft und Digitalisierung ein System mit der Neigung zu Instabilität und Chaos. Das muss man aushalten können, wie im wahren Leben.” Sinnvoller als das Nachdenken über Fußball ist also nur eins: Der Fußball selbst.


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