Platz 9 Fußballbuch 2015

Wo wir Weltmeister wurden

Die WM. Las Land. Die Menschen. (2014)
Platz 9 Fußballbuch des Jahres 2015
Verlag Kettler
Verlagsinfo
34,90 Euro
978-3-86206-420-5

Rezension: Wo wir Weltmeister wurden

Birgit Schönau

Rüdiger Schrader ist einer der renommiertesten deutschen Pressefotografen. Er war Reporter der dpa, Fotochef bei Stern und Focus. Die Fotografie ist sein Leben, Fußball seine Leidenschaft. Jetzt hat er ein Buch vorgelegt, in dem jedes seiner Bilder eine ganze Welt erzählt. Nicht nur eine Weltmeisterschaft.

Schrader ist nach Brasilien gereist, um noch einmal so zu arbeiten wie früher. Noch einmal am Spielfeldrand stehen, im Pulk mit den anderen, um in der Hitze des Spiels den richtigen, den alles überragenden Moment zu erfassen. Das gelang ihm: weltexklusiv fing er jenen Sekundenbruchteil ein, in dem Luis Suarez mit noch offenem Mund nach seinem Schulterbiss von Giorgio Chiellini abließ. Und die rhetorische Pose des „Cristo Redentor“ von Brasiliens Superstar Neymar.

Miroslav Klose wird von Schrader nach seinem Treffer gegen Ghana porträtiert, er wirkt wie ein Heiliger auf einem Caravaggio-Bild. Den Portugiesen Cristiano Ronaldo taucht der Fotograf nach dem WM-Aus ins absolute Dunkel, Mario Götzes Fall in den gegnerischen Strafraum rückt er ins Scheinwerferlicht. Da arbeitet ein Könner, der sein Handwerk mit höchster Präzision ausübt. Nichts wird dem Zufall überlassen, nichts hingepfuscht. Und das Ergebnis ist überragend.

Schrader verkitscht und verklärt nichts. Er zeigt den weinenden Ottmar Hitzfeld, den nachdenklichen Jogi Löw, er zeigt die Spieler beim Zweikampf und beim Jubel. Die stärksten Fotos aber gelingen ihm abseits der Stadien, wenn er sich auf die Suche nach dem Alltag im Fußballland Brasilien macht.

Auch Schrader hat Strandkicker, Straßenkicker, Schlammkicker fotografiert, all' diese mitreißende brasilianische Begeisterung für den Ball. Aber weil er sehr genau hinschaut, gewährt er auch den Betrachtern einen Blick hinter die Kulissen der Klischees. Und die Realität ist oft genauso hart wie die Schatten auf seinen Bildern. Kinder, die barfuß im Hof jener verlassenen Fabrik spielen, in der sie hausen müssen. Ein Sechsjähriger auf seinem überfluteten Bolzplatz – die besseren, trockenen Plätze vergeben die Bosse der Drogenkartelle schon an die Jüngsten, natürlich nicht umsonst. Genau wie das schillernden Fußballturnier seinen Preis hat: Das ungeheuerliche Aufgebot an Soldaten, die Schrader als schwer bewaffnete  Kampfmaschinen in Szene setzt.  Doch er zeigt auch viel Poesie. Ein alter Fernseher im Wartesaal der Erste-Hilfe-Station, ein Priester, der einem Fan vor der Kirchenmauer die Beichte abnimmt.

Texte von Journalistenfreunden und anderen Weggefährten ergänzen die Fotos. Ihre Beiträge sind von unterschiedlicher Qualität. Anders als die Bilder. Unter denen ist keines, das man schnell überblättern könnte. Und das macht sein WM-Buch so außergewöhnlich.

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