Platz 5 Fußballbuch 2008
Literatur Fußballbuch

Wie Österreich Weltmeister wurde

111 unglaubliche Fußballgeschichten (2008)
Platz 5 Fußballbuch des Jahres 2008

Rezension zu: Wie Österreich Weltmeister wurde

Matthias Lieske

Ein bisschen peinlich war er schon, der Auftritt des Weltmeisters bei der EM. Weltmeister? Bei der EM? Etwa Italien? Nicht wenn es nach James Allnutt geht! Der australische Statistikfreund hält nichts davon, den Fußballchampion des Erdballs in dubiosen Fifa-Turnieren zu ermitteln, bei denen sowieso nie die beste Mannschaft gewinnt. Allnutt bevorzugt den direkten Vergleich. Wer den amtierenden Weltmeister schlägt, der ist der neue Titelträger. Und nach dieser ebenso einfachen wie sinnvollen Regelung war der aktuelle Weltmeister gar nicht bei der EM. Der ist nämlich Ungarn, hat sich diese Würde am 24. Mai redlich durch ein 3:2 gegen Griechenland erkämpft und seinen Titel am 31. Mai durch ein heldenhaftes 1:1 gegen Kroatien verteidigt.

James Allnutts eigenwillige WM-Philosophie ist Gegenstand jener Geschichte, die Ulrich Hesse-Lichtenbergers Buch „Wie Österreich Weltmeister wurde“ den Titel gab, was zu einigen Missverständnissen führte. Manch einer dachte, bei dem Werk handle es sich tatsächlich um eine Geschichte des österreichischen Fußballs, obwohl doch die Formulierung eindeutig erkennen lässt, dass dies nun auf gar keinen Fall zutreffen kann.

In Wahrheit enthält das Buch 111 pointiert geschriebene und oft bemerkenswerte Fußballgeschichten, von denen man manche, etwa die Allnutt-Theorie, schon mal gehört oder gelesen hat – möglicherweise auf der vom Autor Hesse-Lichtenberger einst betriebenen Website –, die aber längst wieder der Vergessenheit anheim gefallen sind. Viele handeln von statistischen Merkwürdigkeiten, andere von kuriosen Vorkommnissen, etliche von persönlichen Schicksalen, manche sind einfach nette Spielereien. Protagonisten wie H’Angus der Affe, das Maskottchen des englischen Klubs Hartlepoole United, der zum Bürgermeister der Stadt gewählt wurde, oder Mister Pitt, der Stoffbär des Bayern-Profis Jupp Kapellmann, fehlen ebenso wenig wie die sieben toten Katzen, die Anhänger des Lokalrivalen Independiente im Stadion von Racing Club Buenos Aires vergruben, worauf das Team 35 Jahre lang nichts mehr gewann, bis endlich auch das letzte Skelett gefunden war.

Der Bundesligaprofi Michael Schulz kommt zu Ehren, dessen Klubs sofort begannen, Erfolge zu sammeln, sobald er sie verlassen hatte, der Brasilianer Edmundo mit all seinen Eskapaden, und auch der argentinische Torwart Carlos Roa, der seine Karriere für ein Jahr unterbrach, um sich auf den Weltuntergang vorzubereiten, den die Adventistensekte, der er angehörte, zwingend erwartete.

Aber es gibt auch wirklich tragische Schicksale wie das von Joe Gaetjens, Torschütze für die USA bei der größten Sensation der WM-Geschichte, als der 1:0-Sieg der Amerikaner die Engländer bei ihrer ersten Turnierteilnahme 1950 in der Vorrunde scheitern ließ. Er verschwand in den 60er Jahren in Haiti spurlos, vermutlich ermordet von den Tontons Macoutes, der Geheimpolizei des Diktators Papa Doc Duvalier. Die Karriere von Roni Kalderon, dem wohl größten Talent des israelischen Fußballs, wurde von der Gesetzgebung seines Heimatlandes, eigenen Eskapaden und unfähigen Beratern ruiniert. Er saß später mehrere Jahre in israelischen und brasilianischen Gefängnissen, bevor sich seine Spur verlor. Eduard Strelzow wurde als junger Spieler in den 50er Jahren mit Uwe Seeler verglichen, verbrachte aber Jahre im Gulag, statt die Sowjetunion zu Erfolgen zu führen.

Wieder zurück zur EM führt die Geschichte der schwedischen Trainer Lars Lagerbäck und Tommy Söderberg, die sich in einem Anfall von Wahnsinn bei der WM 2002 mit Mikrofonen ausstatten ließen und so ihre  grotesken und vor Inkompetenz strotzenden Dialoge der Nachwelt überlieferten. „Wir haben uns doch entschieden, dass er Chamot nimmt“, sagt Lagerbäck während des Spiels gegen Argentinien zweifelnd in einem Disput über die Deckungsaufgaben des Spielers Jakobssen. Daran erinnert sich auch Söderberg, bemerkt aber zerknirscht: „Haben wir ihm das auch gesagt?“

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